Gib mir fünf! - Tipps der Woche

Die fünf Tipps der Woche

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten. Diese Woche empfiehlt art-Autorin Konstanze Seifert atomare Denkanstöße in Stuttgart, osteuropäische Geschichtsverarbeitung in Wiesbaden und Lieblingslandschaften im Rheinland.
Die Tipps der Woche:atomare Denkanstöße und Lieblingslandschaften

Darmstädter Tage der Fotografie: Kyungwoo Chun: "BreaThings #6" aus der Serie 'BreaThings'

Darmstadt: Darmstädter Tage der Fotografie

"Jetzt – Die erzählte Zeit" unter dieses Motto sind dieses Jahr die Darmstädter Tage der Fotografie gestellt – und wie man an den ausgestellten Arbeiten sieht, muss Jetzt keineswegs immer wörtlich genommen und auf die Gegenwart bezogen werden.

Viele der gezeigten Fotografien rollen das Thema von hinten her auf: vom Tod, von der Erinnerung, aus dem Vergessen heraus. Die Bilder des japanischen Fotografen Izima Kaoru zeigen zurechtgemachte, auf Hochglanz geschminkte Models – die aussehen, als seinen sie tot. Mit offenen Augen, starrem Blick liegen sie in befremdlich kühler Umgebung herum, bewegungslos. Die britische Künstlerin Mona Simon begibt sich in ihrer Serie "Erinnerungen an einen geliebten Ort" auf die Reise in den so genannten Ostblock und fragt: Was ist, 20 Jahre nach dessen Öffnung von ihm übrig geblieben? Und die amerikanische Fotografin KayLynn Deveney begleitet einen Witwer mit ihrer Kamera und zeichnet in liebevollen Detailaufnahmen ein Leben nach, das nur auf den ersten Blick spröde wirkt. Begleitend zur Ausstellung wird es ein Symposium mit Vorträgen zum Thema von Fotokünstlern, Philosophen und Wissenschaftlern geben. Zudem wird zum dritten Mal der Merck-Preis der Darmstädter Tage der Fotografie verliehen. Also: the time is now!

Wiesbaden: "Ich kenne drei Farben auf Erden"

"Ich kenne drei Farben auf Erden, die an ein mutiges Volk erinnern" mit diesen Worten beginnt die alte rumänische Nationalhymne und bezieht sich dabei auf die Farben der Landesflagge, blau/gelb/rot. 1989 wurde die Hymne ausgetauscht, ab sofort bediente man sich eines alten Revolutionsliedes. Dessen erster Satz ist kriegerischer: "Wach auf, du Rumäne, aus deinem Todesschlaf / In welchen dich barbarische Tyrannen versunken haben!" In der Ausstellung "Ich kenne drei Farben auf Erden" greift der Nassauische Kunstverein Wiesbaden den Anfang der alten Hymne auf und zeigt vom 25. April bis zum 13. Juni eine Gruppenausstellung von acht Künstlern aus Ungarn und Rumänien, deren Arbeiten sich mit der aktuellen und auch der historischen politischen und kulturellen Lage der Länder Mittel- und Osteuropas auseinandersetzen. Schwerpunkt der Ausstellung sind Videoarbeiten und -installationen. Istávan Lászlo zum Beispiel rekonstruiert Geschichte anhand von Zeitungsbildern und lässt in einem Video-Loop die rumänische Revolution von 1989 vor den Augen des Betrachtes wieder aufleben, in der das Volk das Ende des Sozialismus herbeiführte und den Diktator Ceauşescu nicht nur stürzte, sondern hinrichtete. Lászlo geht der Frage nach, wie Medien kollektive Erinnerung manipulieren und Wahrnehmung prägen. Die Arbeiten von Mona Vatamanu und Florin Tudor widmen sich dem Thema der Geschichtsaufarbeitung und erkunden, wie vielen Problemen der Übergang von einem politischen System in ein anderes ausgesetzt ist – und an wie vielen er scheitern kann.

Stuttgart: Café Endlager. "Meuterei im Atomkraftwerk"

Am 26. April jährt sich die Katastrophe von Tschernobyl zum 24. Mal. Diesen Jahrestag greift das Café Endlager auf und zeigt unter dem Motto "Meuterei im Atomkraftwerk" künstlerische Positionen rund um die nukleare Problematik.
Anhand von Originalobjekten dokumentiert die Ausstellung unter anderem Etappen der Auseinandersetzung innerhalb der Bevölkerung: So waren die fünfziger Jahre geprägt von der Euphorie über den technischen Fortschritt und den damit verbundenen Möglichkeiten; in den siebziger und achtziger Jahren war es mit der Euphorie vorbei, und in Deutschland wurde die Anti-Atomkraft-Bewegung manifest. Die Fotografien und Filmcollagen von Ralf Schmerberg gehen der Frage nach dem Endlager Asse auf den Grund und liefern beeindruckendes und beunruhigendes Zeugnis der Umstände vor Ort. Der kanadische Fotograf Robert Polidori zeigt Bilder aus Tschernobyl 20 Jahre nach der folgenschweren Explosion im Kernreaktor und erkundet, wie sich die Natur den für den Menschen noch auf Jahre hin unbewohnbaren Ort langsam zurückerobert. Eine riesige Wandcollage verdeutlicht, wie weit die Welt bereits mit Atomkraftwerken überzogen ist – und regt zur Sorge an. Café Endlager ist gemeint als Denk- und Diskussionsanstoß.

Hamburg: "WAHRSCHAU! – Vineta"

Warschau ist ja bekanntlich in Polen. Vineta sei auch in Polen, sagt man. Sicher ist man sich dessen jedoch nicht, denn bei "Vineta" handelt es sich um eine sagenumwobene Stadt, die aufgrund der Dekadenz und des Hochmuts ihrer Bürger komplett untergegangen sein soll, verschluckt vom Meer während eines Sturmhochwassers. Dabei waren die Bewohner durch ein Lichtgebilde vor der Sturmflut gewarnt worden. Doch sie kümmerten sich nicht, verharrten weiter in ihrem Stolz – und gingen unter. Soviel zum Ausstellungstitel "WAHRSCHAU! – Vineta". Diese Sage greift das Kunstfestival WAHRSCHAU! auf und richtet vom 23. April bis zum 1. Mai eine programmatische Gruppenausstellung zum Thema Untergang, Dekadenz und Apokalypse im Stückgutfrachter 'Bleichen' aus – Endzeitkunst im Laderaum eines alten Frachters. Ausgestellt werden unter anderem Arbeiten der koreanischen Künstlerin Jeongmoon Choi, die mit Fäden und Schwarzlicht ein räumliches Lichtbild entwirft, das die Perspektive der gewohnten Wahrnehmung von Raum sonderbar verschiebt. Uta Zeidler macht sich am acht Meter hohen Laderaum des Schiffes zu schaffen und erfüllt ihn durch ihre Malerei mit dekadentem Glanz. Und ob die Perückenköpfe hinterm Schaufenster des Hamburger Malers Sebastian Haug verdutzt auf die Lichtgestalt blicken, die, wie damals in Vineta, vor dem nahen Untergang warnt, wird sich wohl erst nach dem Festival im Hamburger Veddel zeigen.

Rheinland: "Johann Wilhelm Schirmer. Vom Rheinland in die Welt"

Weiche, goldene, warme Farben; sanftes Licht legt sich über die Szenerie; geheimnisvolle Schlösser; Flüsse, die ins Nirgendwo fließen; Landschaften, in denen man am Liebsten selbst gern wäre, am Liebsten jetzt und sofort! So ist die Landschaftsmalerei des Johann Wilhelm Schirmer (1807 bis 1863), der durch seine Werke den Blick auf Landschaft sowie das Verständnis und das Gefühl von Landschaft entscheidend mitgeprägt hat. Im Rheinland ist nun ab dem 24. April eine Verbundsausstellung von insgesamt sechs Galerien in sechs Städten zu sehen: In Neuss widmet sich das Clemens-Sels-Museum mit der Ausstellung "Die weite Ferne so nah" Schirmers zahlreichen Reiseskizzen, in denen er Landschaft, Vegetation und Menschen quer durch Europa hinweg festhielt und erkundete. Das Museum Kunst Palast in Düsseldorf zeigt in der Ausstellung "Ein bläulich silbriger Duft der Ferne" Schirmers Studien zu seinen Italienreisen, welche gleichermaßen den Höhepunkt seines Schaffens darstellen und sein künstlerisches Können deutlich machen. Das Rheinische Landesmuseum in Bonn gibt in der Ausstellung "Wie Bilder entstehen" Einblick in Schirmers Atelier sowie in die verschiedenen Schritte seiner Werkkompositionen. In Jülich werden im Museum Zitadelle Arbeiten gezeigt, mit denen die so genannte "Düsseldorfer Malerschule", deren Stil Schirmer maßgeblich prägte, in Amerika bekannt wurde. Das Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter widmet sich mit der Ausstellung "Vom Landschaftsbild zur Bilderlandschaft" den malerischen Erkundungen Schirmers und seiner Schüler, die diese am Mittelrhein durchführten. In Bergisch Gladbach schließlich wird in der Städtischen Galerie Villa Zanders mit der Ausstellung "Die multiplizierte Natur" auf Schirmers Verhältnis zur Druckgrafik eingegangen. Wie man sieht: ganz im Zeichen Schirmers steht das Rheinland dieses Jahr.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de