Hallen für Neue Kunst - Schaffhausen

STATT GEBURTSTAGSPARTY DAS AUS

Die Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen werden nach 30 Jahren definitiv geschlossen. Eine Institution von Weltrang ist Geschichte.

Wenn diese Woche das internationale Kunstpublikum in die Schweiz reist, findet sie eine Attraktion weniger vor: Die Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen werden endgültig geschlossen. Das haben der Kanton und die Stadt Schaffhausen sowie die Raussmüller-Organisation unabhängig voneinander mitgeteilt.

Der Großteil der Werke gehört der Raussmüller Collection und wird von dieser in ihren Räumlichkeiten in Basel untergebracht. Dort hat sie vor einigen Jahren am Stadtrand Richtung Flughafen ein ehemaliges Lagerhaus eines Pharmariesen übernommen und für ihre Zwecke umgebaut. Der massige Betonbau mutet wie ein Gegenstück zum lichten Schaffhauser Fabrikgebäude an. Die anderen Werke werden an die Leihgeber zurückgegeben; dabei handelt es sich vor allem um die Künstler selbst und um den Sohn des Sammlers Ernst Howald. Bis Ende des Jahres soll die Auflösung abgewickelt sein. Ausgenommen davon ist die Installation "Das Kapital Raum 1970-1977" von Joseph Beuys. Was damit passieren soll, müssen die drei Sammler entscheiden, in deren Eigentum sich das Werk befindet.

Damit ist der Pilgerort für Minimal und Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre Geschichte. Welche Bedeutung ihm zukam, lässt sich bereits an den Namen der Künstler ermessen: Die Amerikaner Carl Andre, Bruce Nauman, Robert Mangold, Robert Ryman und Sol LeWitt, die Arte Povera-Künstler Mario Merz und Jannis Kounellis waren dort neben anderen mit kapitalen Werken zu sehen. Der Künstler Urs Raussmüller wollte gültige Werkgruppen einiger weniger zentraler Künstler, nicht wenige Arbeiten von vielen ausstellen. Das entsprach seinem Verständnis, den Besuchern eine Begegnung mit Kunst zu ermöglichen, die sich freimachte von der Hektik, die den beschleunigten Kunstbetrieb immer stärker prägte.

Raussmüller hatte bereits zuvor in Zürich in einer ehemaligen Fabrik hinter dem Hauptbahnhof eine Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst mit dem Kürzel InK für "Halle für internationale neue Kunst" betrieben und nebenher Sammler beraten. Als das InK geschlossen wurde, weil eine Schule in das Gebäude ziehen sollte, fand er in der ehemaligen Kammgarnspinnerei in Schaffhausen einen neuen Ort für die Kunst seiner Wahl und eröffnete 1984 die Hallen für Neue Kunst. Nicht nur die Werke von damals führenden Künstlern, auch die Art der dauerhaften Präsentation und die Räumlichkeit einer ehemaligen Fabrik selbst setzten weltweit Maßstäbe und versetzten vor allem amerikanische Kunsttouristen immer wieder in Entzücken. Bis hin zu Dia Beacon in Upstate New York gaben den Schaffhauser Hallen für Neue Kunst der Kunstwelt Impulse.

Den unmittelbaren Anlass für die Schließung bot ein Urteil des Obergerichts Schaffhausen, das Anfang des Jahres rechtskräftig geworden war: Es sprach den Sammlern der sogenannten Crexart AG, einer Gemeinschaft, die sich 1974 etabliert hatte, das Eigentum an der Installation "Das Kapital Raum 1970-1977" zu, das Joseph Beuys 1984 in den Hallen für Neue Kunst fest installiert hatte und als eine seiner letzten von ihm selbst besorgten Installationen seither zum Kultstatus der Kunstinstitution beitrug.

Der Wirtschaftsanwalt Hans B. Wyss, der ehemalige UBS-Banker Robert Strebel und der Hamburger Industrielle Michael Liebelt beanspruchten gegenüber der Betreiber-Stiftung der Hallen für Neue Kunst Eigentum an der Installation. Sie konnten zwar weder Kaufvertrag noch Kaufbelege vorweisen, das Gericht folgte gleichwohl in einem langwierigen Indizienprozess ihrer Argumentation. Nicht nur zum Erstaunen von Hallen-Gründer Urs Raussmüller, sondern auch von Eva Beuys, die über ihren Anwalt verlauten ließ, dass der Kapital-Raum bei einem Umzug der Installation seinen Werkcharakter verlieren würde. Die Betreiber-Stiftung der Hallen musste nach dem Urteil die Verfahrenskosten übernehmen und Konkurs anmelden. Daraufhin wurde das Betreuungspersonal entlassen und die Hallen blieben nach der Weihnachtspause geschlossen.

Man könnte nun die ehemaligen Sammler und das Schaffhauser Gericht als Totengräber der Hallen für Neue Kunst bezeichnen, die ihr Rechtsverständnis durchsetzten und nun sogar gegenüber Eva Beuys argumentieren können, wenn die Hallen für Neue Kunst geschlossen werden, bleibe nichts anderes übrig, als den Kapital-Raum zu demontieren und auf dem Markt nach einer anderen Bleibe zu suchen. Doch dieses Verständnis griffe zu kurz: Eher ist es so, dass die Machtdemonstration der Kläger einem Strauchelnden einen letzten Stoß versetzen würde.

Denn wie die Raussmüller-Organisation in ihrer Stellungnahme schreibt, war das Urteil in Sachen Kapital-Raum lediglich der "unmittelbare Auslöser", die Situation der Hallen grundsätzlich zu überdenken: Die Hallen für Neue Kunst waren ein euphorisches Projekt aus den frühen achtziger Jahren, das von einem Aufbruch erzählt, aber von Anfang an finanziell und strukturell völlig unzureichend aufgestellt war. Die Stadt stellte das ehemalige Kammgarn-Gebäude zwar unentgeltlich zur Verfügung. Sie konnte die Betreiber-Stiftung aber nie ausreichend alimentieren, um einen Betrieb dauerhaft zu gewährleisten. Der Gründer Urs Raussmüller und seine Frau Christel sind in verschiedener Weise eingesprungen, unüberschaubare Situationen führten immer wieder zu Kritik, die Löcher konnten immer nur in ad-hoc-Aktionen für begrenzte Zeit gestopft werden.

Das wirkt sich in den Augen von Christel und Urs Raussmüller nach 30 Jahren fatal aus: Der Fabrikbau müsste grundsaniert werden, um heutigen Ansprüchen zu genügen. Zumal sich dort – man denke alleine an die drei Dutzend Bilder von Robert Ryman – beträchtliche Millionenwerte befinden. Die Werke werden mit zunehmendem Alter ebenfalls anfälliger und brauchen optimale Aufbewahrungsbedingungen.

Eine solche Sanierung würde mehrere Millionen Franken kosten. Um danach den laufenden Betrieb zu garantieren, würde laut Stadt und Kanton Schaffhausen "eine langfristige Sicherung der Institution eine Erhöhung des jährlichen Betriebsbudgets um über eine Million Franken sowie juristische Sicherheiten in Form von langfristigen Verträgen zwischen Betreibergesellschaft und öffentlicher Hand nötig machen". Stadt und Kanton Schaffhausen haben sich, vor allem in den letzten Jahren, stark für die Hallen für Neue Kunst eingesetzt, der Zuschuss betrug seit 2008 jährlich 400 000 Franken, aber die notwendig werdenden Beträge sind für sie zu hoch. Diese Summen müssten überdies in einer Volksabstimmung bewilligt werden, was angesichts der angespannten Haushaltslage so gut wie ausgeschlossen ist.

So verliert die Schweiz eine ihrer für die Geschichte der Gegenwartskunst bedeutendsten Institutionen mit internationaler Strahlkraft und die Kunstgemeinde einen Pilgerort, in dem sie in fast klösterlicher Ruhe die Kunst jener historischen sechziger und siebziger Jahre hatten erfahren und das Modell für viele spätere Ausstellungsinstitutionen in Industriegebäuden erleben können. Urs und Christel Raussmüller wollen mit der Raussmüller Collection ihre kuratorische und konservatorische Arbeit in Basel fortsetzen und eventuell von Zeit zu Zeit Ausschnitte daraus der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ein Ersatz kann das nicht sein. Schon die lichtdurchflutete Weite des Schaffhauser Gebäudes bleibt unvergleichlich.

Raussmüller / Hallen für Neue Kunst


http://raussmueller.org/de/deHallen_fr_Neue_Kunst

Mehr zum Thema auf art-magazin.de