Ellen Blumenstein - Interview

Der Avatar nimmt mir Arbeit ab

Ellen Blumenstein ist die neue Chefkuratorin der Kunstwerke. Mit art-Korrespondent Kito Nedo sprach sie über den Neustart von Berlins lebendigster Institution
Relaunch der KW:Interview mit der neuen Chefkuratorin

Ellen Blumenstein, die neue Chefkuratorin der KW Institute for Contemporary Art

Die neue Chefkuratorin der Kunstwerke kennt das Haus bereits gut: 2005 wurde dort die von ihr mitgeplante und heftig diskutierte Gruppenschau "Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung" gezeigt.

Schon 1998 bis 2005 hat sie Ausstellungen für die KW organisiert und wird an den Kontakt zum Ex-Kurator Klaus Biesenbach mit einer verstärkten Kooperation mit dem PS1 MoMA in Zukunft anknüpfen. art-Korrespondent Kito Nedo traf sie anlässlich ihrer ersten Vernissage zum Interview.

art: Frau Blumenstein – seit Februar geistert ein Doppelgänger mit dem Namen Ellen Bluumenstein durchs Internet und hat schon 1400 Follower gesammelt. Wie fühlt sich das an?

Ellen Blumenstein: Ich finde das natürlich beängstigend. 1400 Follower, das ist ganz schön viel. Wirklich überraschend kam das jedoch nicht: Ellen Bluumenstein ist mein Avatar, ein Projekt, das Teil des KW-Relaunches ist. Dieser Avatar wird auch eine reale Präsenz hier vor Ort annehmen. Das heißt, zur Pressekonferenz oder zur Eröffnung – das ist nicht ganz in meiner Hand – wird der Avatar immer dann, wenn ich selber nicht da bin, meine Rolle übernehmen. Konkret auf den Relaunch bezogen versucht das Projekt, diese Institution selbst in den Blick zu nehmen. In dieser Übergangssituation ist die Aufmerksamkeit natürlich ganz stark auf diese Figur des Kurators gerichtet, auf die Aufgabe, einerseits die Institution nach innen zu strukturieren und ein Programm zu entwickeln und gleichzeitig nach außen zu kommunizieren.

Sie können so auch an zwei Orten gleichzeitig sein.

Genau. Der Avatar nimmt mir auch Arbeit ab. Er ist aber auch jemand, der meine Arbeit kommentiert. Es ist auf der einen Seite Ziel dieses Projekts, auch ein Funktionieren und ein Sichentwickeln der Institution vorzustellen und das Publikum daran teilhaben zu lassen, aber diese Position gleichzeitig auch immer wieder infrage zu stellen. Es gibt noch ein zweites Projekt, wo das ganz konkret geschieht. Der bulgarische Künstler Nedko Solakov ist vor ein paar Tagen mit mir gemeinsam durch die Institution gegangen und hat in einem noch nicht mit einer Ausstellung gefüllten Haus die Geschichte, die Wünsche und die neuen Projekte eingeschrieben. Da ist auch die Person des Kurators präsent, aber durch den Künstler gebrochen und kommentiert. Zum Teil unterwandert, zum Teil konterkariert, zum Teil aber auch als Kooperationspartner begriffen.

Ihre erste thematische Ausstellung startet am 27. April und trägt den Titel "Relaunch". Der Relaunch wird in der Medienwelt oft eingesetzt, angestaubte Magazine oder Zeitungen wieder flottzumachen. Die KW ist eine relativ junge Institution – wie geht beides zusammen?

Diese Sicht zeigt, dass die KW jung geblieben sind, obwohl sie in den neunziger Jahren in direktem Zusammenhang mit dem Fall der Mauer und damit, wie sich Berlin in den darauffolgenden Jahren verändert hat, entstanden sind. Interessanterweise sagen viele Leute, die KW sind eine Neunziger-Jahre-Institution: Das hat mit dem Selbstverständnis zu tun und damit, dass das Haus etwa aus einem Kollektiv heraus entstanden ist. Die KW waren immer produktionsorientiert und sind mit der Stadt gewachsen. Vor dem Hintergrund der sozioökonomischen Veränderungen der letzten Jahre haben sich die Anforderungen an eine Kunstinstitution geändert. Insofern fragt Relaunch nach der gesellschaftliche Rolle von Kunst heute, sowie danach, was so eine – beziehungsweise die eigene – Institution eigentlich kann und was dies für die Grundausrichtung der KW mit sich bringt. Das ist eben auch Teil des Relaunch, die Erfahrungen, die mit der Institution gemacht wurden, lebendig zu erhalten und aktiv weiterzuentwickeln.

Sie haben bereits in der Vergangenheit an den KW kuratorisch tätig, haben etwa 2005 an der Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors" mitgearbeitet – was hat Sie gereizt, an dieses Haus zurückzukehren?

Auf eine bestimmte Art ist das eine der interessantesten Institutionen, die ich mir vorstellen kann. Zum einen – und das ist eine ganz persönliche Geschichte – bin ich seit fast 15 Jahren in Berlin und habe die letzten Jahre zwar international gearbeitet, aber trotzdem empfinde ich den Kontext hier als den, wo ich meine, das meiste beitragen zu können. Und zweitens sind die KW eine besondere Institution, innerhalb Berlins, innerhalb Deutschlands, aber auch international, weil sie weder ein klassischer Kunstverein sind, kein Museum und auch keine Kunsthalle. Die KW haben einen Zwischenstatus, in dem eigentlich alles möglich ist. Man kann das Haus immer wieder neu definieren, auf der Ebene der Ausstellung, aber hinsichtlich der viel grundsätzlicheren Ausrichtung dessen, wofür die Institution da ist: An welches Publikum sie sich wendet, wie sie mit Produktionen und mit Akteuren korrespondiert oder kooperiert. Das gilt für andere Strukturen selten in diesem Maße.

Die ehemalige Kunstmeile Auguststraße hat sich in den letzten Jahren verändert – die Galerien sind eher in den Hintergrund getreten, dafür bestimmen Restaurants oder das Sammlerhaus von Thomas Olbricht das Bild. Welche Rolle kommt den KW vor Ort zu?

Dadurch, dass sich Mitte so verändert hat und sich die KW natürlich auch mit verändern, wird das Publikum ein anderes. Darauf reagiert man als Institution. Insofern würde ich sagen, es ist schon wichtig, dass auch im Zentrum der Stadt Räume wie dieser öffentlich gehalten werden, an dem eben auch andere Dinge passieren können. Gleichzeitig will ich aber auch darauf eingehen, dass hier am Wochenende mehr oder weniger Fußgängerzone herrscht. Das ist auch ein Laufpublikum und auch ein Tourismus, der die ganze Stadt verändert. Ich halte es auch für wichtig, diesen Fakt einzubeziehen in das, was hier sichtbar ist oder wie hier mit Kunst umgegangen wird. Das bedeutet gleichzeitig natürlich nicht, dass man Event wird – aber dass man möglicherweise die Institution so öffnet, dass auch ein nichtprofessionelles Publikum sich hier willkommen fühlt.

Was sind ihre großen Projekte für die nächste Zukunft?

Ein Teil von "Relaunch" ist es, über alle Projekte zu sprechen, die ich in den nächsten zwei Jahren machen will. Welche davon tatsächlich passieren werden, hängt stark von der Förderung ab. Die wichtigste erste Ausstellungseröffnung findet Ende Mai statt, wenn am 25. Mai die Ausstellung mit dem französischen Künstler Kader Attia beginnt. Es gibt außerdem zwei Kooperationspartner, mit denen ich langfristig in der Stadt arbeiten möchte: Das eine ist das Arsenal – Institut für Film und Videokunst und das zweite ist das Foreign-Affairs-Festival für zeitgenössische performative Künste der Berliner Festspiele. Film und Performance sind Bereiche, die stark die aktuellen Grenzüberschreitungen der Kunst berühren.

Relaunch

28.4. – 25.8.2013

Eröffnung: 27.4.2013, 17 – 22 Uhr


http://www.kw-berlin.de