Kampnagel-Sommerfestival 2009 - Hamburg

Die Abwrackprämie der Kunst

Unter dem Motto "Wir können uns nicht aus der Krise shoppen" soll auf dem Hamburger Kampnagel eine Begegnungsstätte zwischen Kunst, Politik und Wissenschaft hergestellt werden, die gemeinsam kreative Ideen zur Umstrukturierung der Gesellschaft entwickeln. Die Höhepunkte des diesjährigen Festivals.
"Die Abwrackprämie der Kunst":Das Kampnagel-Sommerfestival 2009

Radioclit, London, Daladala Soundsystem, München

Gelassen steht er in seiner grünen Trainingshose auf der Bühne. Barfuß, wie es sich für einen Tänzer gehört. Um ihn herum sind allerhand Gegenstände aufgebaut: Bücher, ein Diktiergerät, ein Flipchart und ein rosafarbener Koffer der Marke "Hello Kitty". Als das Publikum zu seinen Plätzen gefunden hat, tritt Jochen Roller ans Mikrophon und beschreibt das Thema seines Stückes: "Ich performe das Performen von Jobs."

Was er damit meint, wird erst im Verlauf der etwa 45-minütigen Aufführung deutlich: Anhand mehrerer Beispiele thematisiert er durch Worte und Tanz das Verhältnis zwischen Broterwerb und Performancekunst, wie es sich in seinem Leben darstellt. Wie er seine Choreografien probt und dabei Fahrplanauskünfte in einem Callcenter der deutschen Bahn erteilt, wie er aus der komplizierten T-Shirt-Falttechnik bei H&M einen Tanz entwickelt, oder wie er während einer Performance Briefe eintütet: "In diesen drei Minuten muss kein Steuereuro für Kultur ausgegeben werden." Durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung berechnet er vor dem Publikum den "Selbstausbeutungsfaktor" seiner Choreografie "Being Christina Aguilera": 60 Euro hat ihn eine einzige Minute gekostet. Kurioserweise war es ausgerechnet diese Performance, die Roller internationalen Erfolg brachte und es ihm ermöglichte, sich in Vollzeit dem Tanzen zu widmen.

Mit den Worten "Die Abwrackprämie der Kunst" betitelte Nikolaus Hill, Staatsrat der Behörde für Kultur, Sport und Medien, bei der Eröffnungsrede des Sommerfestivals auf dem Hamburger Kampnagel das Vorhaben: Nach der letzten Aufführung von "No Money, No Love" von Jochen Roller, das von seiner Entstehung bis heute 147-mal in zwölf verschiedenen Ländern aufgeführt wurde, sollten alle verwendeten Requisiten an das Publikum versteigert werden – selbst Hose und Jacke des Tänzers. Alle Einnahmen sollen einem Künstler bei der Finanzierung eines Stückes helfen, das Resultat wird nächstes Jahr auf dem Kampnagel-Festival zu sehen sein. Durch diesen "künstlerischen Kreislauf der Finanzierung" (Nikolaus Hill) wird bereits der Bezug zum diesjährigen Konzept des Festivals hergestellt.

Internationale Kunst, die hier sonst nicht zu sehen ist

Dass er mit seinem Auftritt Eindruck beim Publikum gemacht hat, wurde spätestens bei der anschließenden Auktion deutlich. Die rege Beteiligung und offenbar auch das Interesse an den Requisiten seiner Performance sorgten für Gesamteinnahmen von stattlichen 5650 Euro. Allein der weit gereiste "Hello Kitty" Koffer brachte Gebote in Höhe von 900 Euro. Mitverantwortlich ist dafür sicherlich auch die Auktionatorin Gräfin Christiane zu Rantzau, stellvertretende Vorsitzende des Auktionshauses Christie’s: Durch zahlreiche Provokationen und Kommentare animierte sie zum Mitbieten. Für das amüsierte Publikum war damit der Auftakt zum diesjährigen Sommerfestival auf Kampnagel gelungen.

Seit letztem Jahr ist Matthias von Harz der künstlerische Leiter des Hamburger Festivals und sorgt für neue Akzente. Das Festival behält den Schwerpunkt auf Theater und Tanz bei, bereichert ist es außerdem durch Bildende Kunst, ein umfangreiches Musikprogramm und seinen thematischen Schwerpunkt: Ökologie und Wirtschaftskrise. Laut von Hartz ist eine Kulturinstitution "einer der letzten öffentlichen Räume, die nicht ausschließlich nach einer Konsum- und Kommerzlogik funktionieren", weshalb er sich als Leiter des Festivals in einer doppelten Verantwortung sieht: Zum einen fühlt er sich beauftragt, internationale Kunst, die hier sonst nicht zu sehen ist, nach Hamburg zu holen und zu präsentieren.

"Interdisziplinarität wirklich ernst genommen"

Das ist ihm mit einem Künstleraufgebot von der französischen Choreografin Mathilde Monnier über die Batsheva Dance Company aus Israel bis zu Christoph Schlingensief gelungen. Andererseits sieht er sich verpflichtet, auf dem Festival auch Raum für gesellschaftspolitische Diskussionen zu bieten. Zu diesem Zweck wurden beispielsweise die international angesehenen Soziologen Saskia Sassen und Richard Sennett, außerdem Ernst Ulrich von Weizsäcker und Michael Braungart mit Vorträgen zu Kapitalismus und Nachhaltigkeit eingeladen.

Aber auch neben theoretischen Debatten finden diese Themen immer wieder Einzug auf das Festival. So werden auf der Produktionsstraße von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser Autos zu Fahrrädern umgebaut oder das Leben nach dem Konsum ("life after shopping") von Reverend Billy besungen. Matthias von Hartz betont dabei die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft, die er mit der Devise "Interdisziplinarität wirklich ernst genommen" zusammenfasst. Gerade in Anbetracht der Ratlosigkeit vieler Politiker in Bezug auf Klima- und Wirtschaftskrise haben Künstler und Wissenschaftler laut von Hartz beim "Imaginieren einer anderen Gesellschaft eine ganz zentrale Funktion".

"Bescheidene Kriterien"

Trotz dieser thematischen Zugaben bleibt das Sommerfestival aber ein Ort des allgemeinen Kunstgenusses, und es stellt sich die Frage, inwieweit das Publikum bereit ist, sich in seiner Freizeit gesellschaftspolitischen Themen zu stellen. Regen die Vorträge, die Aufführungen und die Installationen die Besucher wirklich zum Nachdenken oder gar zum Handeln an? Oder geht die politische Wirkung im Duft einer warmen Sommernacht und dem Geschmack von Rotwein verloren? Das ist eine Gefahr, die Versuche dieser Art immer begleitet. Was mit viel Mühe inszeniert wird, bleibt wirkungslos, wenn es auf das falsche Publikum trifft. Das kann zweierlei Gründe haben: Entweder weigert sich das Publikum, die diversen Denk- und Diskussionsanregungen aufzugreifen, oder aber man spricht zu einem ohnehin aufgeklärten Publikum. Im ersten Fall trifft man auf Granit, im zweiten Fall auf Watte.

In beiden Fällen entsteht nicht die gewünschte Reibung. Von Hartz zeigt sich diesen Einwänden gegenüber allerdings sehr optimistisch. Zwar gehe von einer Kulturinstitution wie dem Kampnagel Sommerfestival heutzutage kein revolutionäres Potenzial mehr aus, aber die Erfahrungen des letzten Jahres hätten gezeigt, dass beim Publikum durchaus Interesse bestünde, auch die sozialpolitischen Aspekte des Festivals wahrzunehmen. Außerdem rät er zu "bescheidenen Kriterien": "Wenn an einem schönen Sommerabend 300 Leute einen der Vorträge besuchen, dann würde ich schon sagen, die Idee hat sich gelohnt."

"Sommerfestival auf Kampnagel 2009"

Termin: bis 30. August 2009, Kampnagel, Hamburg. Mathilde Monnier, "Tempo 76": 19./20./21. August, 21 Uhr; Batsheva Dance Company: 26./27./28. August, 21 Uhr
http://www.kampnagel.de/sommerfestival/