Gib mir fünf - Tipps der Woche

Die fünf Tipps der Woche

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten. Diese Woche empfiehlt art-Autorin Sanja Brandt aussterbende Arten und fiktive Existenzen in Hamburg, Verwirrungsspiele in Stuttgart, junge Wilde in Wolfsburg und spirituelle Wahrnehmungsspaziergänge in Arnsberg.

Hamburg: HAW "Fotodiplomausstellung"

Diese 19 Fotografen sind "die letzten ihrer Art" - das letzte Diplom, bevor der Abschluss stirbt und der viel umstrittene Master eingeführt wird. Dies nahmen die Abschlussjahrgänge 2008 bis 2010 zum Anlass sich zusammen zu tun und vom 2. bis zum 5. Februar eine große Ausstellung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Armgartstraße 24) auf die Beine zu stellen. Die gezeigten Fotoserien handeln von Grundbedürfnissen der Deutschen, sozialen Brennpunkten, krampfhaften Identitätssuchen, schönen Körpern, wahren Märchen, starken Frauen, fernen Ländern und zweckentfremdeten Gotteshäusern.

Oft bedurfte es einer weiten Reise, viel Recherche und mühsamen Vertrauensaufbaus, um die Erzählungen zu visualisieren. Das breite Spektrum der Arbeiten zeigt die Vielfalt der Künstler: Alle erdenklichen Techniken, Farben, Formen, Objekte und Ideen treffen aufeinander. Herausgekommen sind facettenreiche Geschichten, alle erzählt durch das gleiche Medium, aber immer anders.

Stuttgart: Bettina Lockemann "Kontaktzonen"

Bettina Lockemanns Fotografien erscheinen auf den ersten Blick gewöhnlich: Sie zeigen Städte, Landschaften, Menschen und Räume, von denen der Betrachter das Gefühl hat, diese irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Erst bei näherem Hinsehen wird die absichtliche Irritation der Darstellung bewusst. In der Ausstellung "Kontaktzonen", die vom 30. Januar bis zum 11. April im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Schlossplatz 2) zu sehen ist, werden fünf Serien der 1971 geborenen Fotografin präsentiert. Lockemann geht gesellschaftlichen Fragestellungen rund um den Globus nach und zeigt dabei das Banale, um das Besondere sichtbar zu machen. So macht sie zum Beispiel in "Contact Zone" auf das Fremde in Japan aufmerksam, indem sie das Andersseins durch die Konfrontation mit dem Eigenen, Bekannten aufzeigt. Statt den Asienklischees, die in der westlichen Gesellschaft vorherrschen, sind auf ihren Bildern Gebäude zu sehen, die von westlichen Architekten entworfen wurden. Das Spiel der Verwirrung greift die Künstlerin auch in "Unbestimmtes Terrain" auf, wo sie der Frage nach der Sichtbarkeit der Grenzverläufe zwischen Europa und Asien in Istanbul nachgeht. In dieser Serie zeigt sie aber nie beide Seiten der vermeintlichen Grenze. Menschen und Objekte sind auf ihren Fotografien so platziert, dass der Blick auf das Dahinter versperrt bleibt. Lockemanns Arbeiten sind wie große Spiegel, der Besucher steht gewissermaßen seinen eigenen Vorstellungen und seinem Wissen gegenüber.

Wolfsburg: Walter Dahn "About Today"

Es bleibt fraglich, ob Walter Dahn an basisdemokratische Ideologien denkt, wenn er seinen Stilmix aus Objekt, Malerei, Installation, Fotografie und Video mit der Aussage begründet: "Das Bild selbst bestimmt, wie es gemacht sein will, man muss dem Bild auch mal zuhören." In der Ausstellung "About Today" kann der Besucher vom 31. Januar bis zum 5. April in der Städtischen Galerie Wolfsburg (Schlossstraße 8), selbst ergründen, ob Dahn seinen Bildern oft zugehört hat. Die Kunstwerke des Malers, Fotografen und Bildhauers sind genrereich: Das Ergebnis steht dabei zum Teil in der Tradition der jungen Wilden, zu deren Vertretern Dahn zählt. Als ehemaliger Meisterschüler von Joseph Beuys, Teilnehmer der Documenta 7 und Professor der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, kann der 55jährige auf eine ereignisreiche Karriere zurückblicken. In der aktuellen Ausstellung sind expressive Werke, die sich gegen die Konventionen und den Kunstbegriff der achtziger Jahre wenden zusammen mit neueren Arbeiten ausgestellt, die eher ruhiger und nachdenklicher wirken. Begründet ist dieser Bruch aber keinesfalls mit dem Alter des Künstlers, sondern wieder mit den Bedürfnissen des Bildes: "Ich versuche, mich offen zu halten und so genau wie möglich zu sein, damit das Bild als lebendiges Wesen zu seinem Recht kommt."

Arnsberg: Swantje Hielscher "Source"/ Deborah Ligorio "When Angels forgot to tell"

Es ist noch ein kleines Geheimnis, was den Besucher an diesem Wochenende im Kunstverein Arnsberg e.V. (Königstraße 24) genau erwartet. Gleich zwei Künstlerinnen laden vom 29. Januar bis zum 14. März zu einem spirituellen Spaziergang in die Räumlichkeiten ein. Für die körperliche Bewegung sorgt Swantje Hielscher. Die Künstlerin bezieht den glücklichen Zufall in ihr Konzept "Source" mit ein, dass der Kunstverein ein altes Karl Friedrich Schinkel Gebäude mit einer fünfteiligen Saalflucht ist. Mit 150 Litern Tinte malt, schreibt und zeichnet sie an vier Wände und eine Decke und lässt so die einzelnen Räume zu einem Ganzen verschmelzen. Erst durch die Bewegung von Körper und Geist wird dieser Ort zu einem imaginären Raum. An der Schnittstelle zwischen Schrift, Bild, Raum, Betrachter und Zeit ergibt sich das Kunstwerk. Dabei liegt die Idee zugrunde, dass Tinte das einzige Material sei, mit dem der Geist fixiert werden könne. Dieser Gedanke verträgt sich gut mit der Ausstellungstellungspartnerin, der Italienerin Deborah Ligorio. In der philosophisch analytischen Installation "When Angels forgot to tell" verarbeitet sie Denkmodelle und Weltbilder mit Fokus auf Natur und menschliches Verhalten mit verschiedensten Objekten, Stoffprojektionen und Videoausschnitten. Die Künstlerin kreiert eine Wahrnehmungsreise in eine Welt, die ihren eigenen Gesetzen unterworfen ist und in der alles möglich werden kann.

Hamburg: Gernot Faber "Proberaum"

Wie unreal kann eine Person sein, die schon zahlreiche Ausstellungen realisiert hat, ein Kunststipendium nach Rumänien erhielt, Leiter einer isländischen Galerie wurde und in Kürze auch noch publizieren wird? Existieren tut Gernot Faber ohne Zweifel, jedoch ist er kein realer Mensch, sondern eine vor drei Jahren geschaffene Kreation des Künstlerduos Sebastian Reuss und Lutz Krüger. Ein großes Publikum hat seitdem Faber kennen lernen dürfen, bestehend aus einer Maske, immer auf einem unbekannten Körper sitzend, unverkennbar mit riesigem Kopf und langen Haaren. Vom 30. Januar bis zum 21. Februar zeigt der Kunstverein Harburger Bahnhof (Hannoversche Straße 85) nun die Geschichte Fabers, inklusive eines Auftritts der Londoner Rockband "Dead Brains", die sich auf Grund kultischer Verehrung Fabers gegründet hat. Reuss und Krüger thematisieren mit ihrer fiktiven Kunstpersönlichkeit die Entmenschlichung der Kunst. So haben die beiden einen Weg gefunden, dem normalen Kunstmarkt zu entkommen, aus dem System zu fallen und doch präsent zu sein.