Documenta-Konferenz - Turin

Poesie aus der Provinz

Warm-up für die Documenta 13: Im Castello di Rivoli bei Turin trafen sich alle noch lebenden Documenta-Leiter zur großen Konferenz. Das Gipfeltreffen der Ehemaligen soll der neuen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev Anregungen für die Weltkunstschau 2012 liefern.
Warm-up für die Documenta 13:Zur großen Documenta-Konferenz in Turin

Veteranentreffen (von links nach rechts): Catherine David, Walter Grasskamp, Jean-Christophe Ammann, Okwui Enwezor, Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der Documenta 13, Rudi Fuchs, Manfred Schneckenburger, Roger M. Buergel, Jan Hoet

Bis zum Start der nächsten Documenta in Kassel vergehen noch knapp drei Jahre. Doch im Hintergrund läuft sich die Maschinerie langsam warm. Bisher hat sich Carolyn Christov-Bakargiev, die designierte künstlerische Leiterin des deutschen Kunstgroßereignisses, mit öffentlichen Verlautbarungen zurückgehalten.

Am vergangenen Wochenende nun lud sie – gemeinsam mit dem Goethe-Institut, dem Auswärtigen Amt und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) – zur "konferenz auf dem weg zur dOCUMENTA (13)" nach Rivoli bei Turin ein. Auf der Rednerliste fanden sich illustre Namen: alle noch lebenden Documenta-Leiter, Manfred Schneckenburger, Rudi Fuchs, Jan Hoet, Catherine David, Okwui Enwezor und Roger Buergel, frühere Mitarbeiter und Zeitzeugen wie Heiner Georgsdorf und Jean-Christophe Ammann, der Kunsthistoriker Walter Graskamp sowie Documenta-Künstler wie Michelangelo Pistoletto und Netko Solakov. Ein Gipfeltreffen der Ehemaligen also, ein Archäologie-Seminar und auch der späte Versuch einer Analyse eines unfreiwilligen Staffellaufs.

Dabei hatte das Piemont nicht nur wegen landschaftlicher und kulinarischer Vorzüge das oberhessische Bergland als Veranstaltungsort ausgestochen. Die neue Documenta-Leiterin war bis jetzt Chefkuratorin und Interimsdirektorin des Castello di Rivoli, eines bedeutenden Museums für zeitgenössische Kunst in Oberitalien. Die Konferenz war somit auch ein Abschiedsgeschenk der scheidenden Chefin an ihre alte Wirkungsstätte. Und vielleicht auch ein Bewerbungsangebot. Denn ihre Stelle ist noch nicht wieder besetzt – noch nicht einmal neu ausgeschrieben, wie man hört.

Das Interessse war groß: über 600 Anmeldungen für 240 Plätze. (Erstaunlicher Weise hat es solch ein Ehemaligentreffen vorher nie gegeben – trotz der enormen Bedeutung, die die Documenta als Gradmesser des zeitgenössischen Kunstdiskurses weltweit genießt.) Im Publikum saßen gewetterte Museumskuratoren und junge Curatorial Studies-Absolventen, Künstler und Galeristen, Kritiker und Sammler aus aller Welt. Hinter den dicken Mauern der Burgruine in den Bergen oberhalb Turins lauschten sie andächtig den Vorträgen. Die Szenerie erinnerte an einen Gottesdienst. Als erster trat Heiner Georgsdorf, Vorsitzender der Arnold-Bode-Stiftung und einstiger Mitarbeiter des legendären Documenta-Gründers, auf die Kanzel. Er berichtete von den märchenhaften Anfängen in Kassel, von der "neuen Kunstdemokratie" und der "sensationellen Plastikfolie", die Bode 1955 bei der ersten Documenta als billige Wandbespannung benutzt hatte ("Welchen Erfolg hätte die Documenta mit Nessel gehabt?"), von Bodes Inszenierungskunst, Gemälden an der Stange und Ernst Wilhelm Nay an der Decke. Dabei konnte man den vielleicht kuriosesten Gründungsaspekt leicht vergessen, nämlich dass die Documenta eigentlich nur als Nebenschauplatz zur großen Bundesgartenschau 1955 geplant war.

"Von einer diskursiven Kunst zurück zur Poesie"

Walter Graskamp wiederlegte denn auch mit ein paar nüchternen Zahlen den gern gehegten Mythos, es habe sich bereits bei der ersten Kasseler Kunstschau um eine repräsentative, weltumspannende Veranstaltung gehandelt. "Die Documenta war eine sehr deutsche Angelegenheit", konstatierte Graskamp. Von 148 Künstlern kamen 58 aus Deutschland, insgesamt waren nur sechs Nationen beteiligt. Eigentlich habe sich alles in dem Dreieck Paris, Rom und Berlin abgespielt. Die amerikanische Avantgarde kam erst bei der vierten Ausgabe zum Zug. Die Documenta sei zunächst in guten Sinne "eher provinziell als nationalistisch" gewesen.

Der "Urknall" vollzog sich erst mit Harald Szeemanns epochaler Documenta 5 (1972). Auch wenn sich Jean-Christophe Ammann, seinerzeit Mitarbeiter Szeemanns, an vieles nur noch "verschwommen, in weiter Ferne" erinnern kann, gilt Szeemanns Ausstellung, in der er etablierte künstlerischen Positionen mit Popkultur, Film und Outsider-Kunst mischte, noch heute als Meilenstein. Damals konnten sich die Kuratoren noch an "individuellen Mythologien" abarbeiten. Statt theorielastiger Konzepte waren abenteuerliche Inszenierungen gefragt. So lamentierte Ammann denn auch, dass ihm die heutigen Ausstellungen zu didaktisch seien: "Wir müssen von einer diskursiven Kunst zur Poesie zurückkommen, ich habe es satt, aufgeklärt zu werden. Ohne Poesie läuft nix", grantelte der Schweizer Ausstellungsmacher. Und gab damit das entscheidende Stichwort. Für den Rest der Konferenz ziterten die Redner immer wieder Gedichte, wenn sie die Tiefe, Sensibilität und Unerklärbarkeit ihrer kuratorischen Bemühungen betonen wollten.

"Wir mussten aus Kassel raus"

Carolyn Christov-Bakargiev ergooglte sich schnell mal William Blakes "Auguries of Innocence" und las es der verblüfften Runde von ihrem Blackberry vor. Okwui Enwezor bemühte W.B. Yeats "The Second Coming" von 1920, um die Diskussion über die Zukunft von Kunstausstellungen in einer globalisierten Welt in Schwung zu bringen. Und ganz zum Schluss beschwor die neue Documenta-Chefin die Poesie eines anonymen Fotos von der Documenta 2, auf dem eine Frau barfuß an Skulpturen von Julio Gonzalez vorbeiläuft und zitierte dazu Gertrude Stein. Da waren allerdings schon viele Stunden im abgedunkelten Vortragssaal vergangen. Den mäandernden Anekdoten der alten Recken waren straffe Positionsbeschreibungen der jüngeren Garde gefolgt. Catherine David, erste Frau auf dem Chefsessel in Kassel und seinerzeit heftig zerrissen für ihre theorielastige, diskurshafte Documenta 10 (1997), lieferte eine scharfsinnige Analyse der Übergangszeit gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Rückblickend muss man ihr auch zu Gute halten, dass Sie mit der Einbeziehung von Online-Werken erstaunliche Weitsicht bewies. Okwui Enwezor hingegen referierte noch einmal, wie er seine Documenta 11 (2002) zum Instrument postkolonialer Globalisierungsdiskurse umfunktionierte. Schon Jahre vor der eigentlichen Ausstellung traf er sich mit einem Kreis privilegierter Kultur-Jetsetter zu "Plattform"-Symposien in Neu Delhi, der Karibik und Afrika. "Wir mussten aus Kassel raus", erklärte der in Nigeria geborene Kurator. Und: "Unser Ehrgeiz war es nicht, eine Kunstausstellung zu machen."

In solchen, fast beiläufigen Bemerkungen offenbarte sich der fundamentale Wandel, den die Weltkunstschau in Kassel seit ihrer Gründung erfahren hat. Leute wie Bode, Szeemann und Jan Hoet, die von der Nachkriegs-Moderne geprägte Generation also, hatten immer in erster Linie die Ausstellung im Sinn, sie suchten Künstler aus und wiesen ihnen Räume zu. Rudi Fuchs etwa, Leiter der Documenta 7 (1982), erzählte, dass es ihm damals mehr "um Kontraste, nicht um Konzepte" gegangen sei. Die Vorstellung etwa, sich aus politischen Gründen plötzlich auch mit Kunst aus Afrika auseinander zu setzen, sei ihm als europäischen Kurator befremdlich vorgekommen. Für die jüngere Kuratorengeneration wurden dann die Konzepte wichtiger als die Schau. So bemühte sich sich Roger M. Buergel, der Leiter der letzten Documenta, zwei Jahre nach dem Großereignis immer noch eifrig, seine "kuratorische Parxis" und die "Grauzone zwischen Museum und Ausstellung" zu erklären.

Was lehrt uns die Veranstaltung nun über die kommende Documenta? Nicht viel, außer dass sie garantiert anders wird als die vorangegangenen. Für die Kasseler Weltkunstschau gab es nie ein Patentrezept. Sie steht und fällt mit der Originalität, dem Einfallsreichtum und dem intellektuellen Höhenflügen ihrer Macher. Genau das macht sie unverwechselbar. Alles andere, etwa dass die Welt seit 1955 komplexer geworden ist und Kuratoren heute andere Prioritäten setzen als vor 50 Jahren, sind letztlich Binsenweisheiten. Carolyn Christov-Bakargiev darf man allerdings schon jetzt gratulieren zu der Idee, in der Vergangenheit zu graben, um etwas für die Zukunft zu entdecken. Bis 2012 wird sie sicher noch mehr finden als das Foto von einer barfüßigen Frau auf der Documenta 2.

"Documenta 13"

Termin: 9. Juni bis 16. September 2012, Kassel
http://www.documenta.de/