Deutschlandbilder - Wie Fotografen ihr Land sehen

Mein Deutschlandbild

Große Fotografen aus Deutschland wie Thomas Struth, Katharina Bosse und auch Karl Lagerfeld zeigen in art wie sie ihr Land sehen
Schillernde Kontraste:Wie große Fotografen Deutschland sehen

Gundula Schulze Eldowy: "Leipzig, 1989" – "Das Photo ist an einem düsteren Novembertag im Jahr 1989 entstanden. Es zeigt eine Situation, in der alles zu Ende ist. Jeder von uns hat solch einen Moment im Leben erlebt. Es gibt nichts mehr zu tun außer seine Sachen zu packen und zu gehen ..."

Zum 30-jährigen Jubiläum des Kunstmagazins art haben wir die großen Fotografen Deutschlands gebeten, uns ein einziges Bild zu geben, das zeigt, wie sie dieses Land sehen. Entstanden ist eine Galerie der schillernden Kontraste:

Die Deutschlandbilder sind so düster und heiter, so cool und sentimental wie das Land selbst. Viele der Fotokünstler haben zu ihren Bildern eigene Texte mitgeliefert, die viel über die Wahl der Motive und ihren Blick auf Deutschland verraten:

Katharina Bosse

Geboren 1968 in Turku, Finnland, lebt in Bielefeld.

"Nachdem ich sechs Jahre in New York gelebt hatte, zog ich nach Deutschland und wurde schwanger. Nichts in meinem bisherigen Leben als Fotografin und Künstlerin hatte mich auf diese Erfahrung vorbereitet. Nicht nur die körperliche Beanspruchung war eine Herausforderung, es war auch ein erzwungener Wandel von Werten, die bis dahin gegolten hatten: Individualität, Ehrgeiz und Hingabe an die Arbeit. Das deutsche Mutterbild wirkt auf mich extrem rigide: Die wirkliche Erfahrung von Mutterschaft ist nicht Teil des gesellschaftlichen Diskurses, sie wird verklärt, abgelehnt, oder sie ist sprachlos."

F.C. Gundlach

Geboren 1929 in Heinebach/Hessen, lebt in Hamburg.

"Wenn man heute dieses Motiv stylen würde, könnte man die Gruppe nicht besser in Szene setzen, als sie in diesem Bild eingefangen ist. 'Die Veranstalter' war aber in Wirklichkeit ein Schnappschuss, den ich auf einer der ersten Miss-Germany-Wahlen nach dem Krieg im Jahr 1954 machte: Die Jury beobachtete, wie ich die Miss Germany fotografierte, und begleitete dies mit Kommentaren. Ich wandte mich um und drückte automatisch auf den Auslöser. So entstand dieser 'Schnaps-Schuss'".

Peter Bialobrzeski

Geboren 1961 in Wolfsburg, lebt in Hamburg.

"Einst galt es als das nordische Atlantis: Rungholt. Versunken, keiner wusste genau wo, keiner wusste genau wann, nur das es passiert ist, wusste man zu glauben. 1362, lange bevor die Klimakatastrophe zum Medienstar wurde, überspülte die große Sturmflut Rungholt, was man erst durch Funde in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verifizieren konnte. Von Rungholt gibt es keine Fotografien, wohl aber eine Vorstellung. Die Fotografie 'Rungholt #4' entstand an der Westküste Sylts im September 2007. Es ist sicher, dass auch diese Küste verschwinden wird, unabhängig davon, wer das Kyoto-Protokoll unterschreibt oder es lässt. Die Bilder können als eine Meditation über Veränderung gelesen werden. Im Augenblick der Betrachtung des Bildes sieht die Küste längst anders aus, und die erweiterten Möglichkeiten der Fotografie müssen uns zweifeln lassen, ob sie je so ausgesehen hat. Kraft des Bildes erleben wir aber etwas Unmittelbares, die Präsenz von etwas Erhabenem: die Erinnerung an eine Idealvorstellung von Landschaft. Unabhängig davon, ob sie auf Rungholt oder auf Sylt, mit der Kamera oder am Computer entstanden ist."

Gundula Schulze-Eldowy

Geboren 1954 in Erfurt, lebt in Berlin.

"Das Photo ist an einem düsteren Novembertag im Jahr 1989 entstanden. Es zeigt eine Situation, in der alles zu Ende ist. Jeder von uns hat solch einen Moment im Leben erlebt. Es gibt nichts mehr zu tun, außer seine Sachen zu packen und zu gehen..."

Andreas Herzau

Geboren 1962 in Mainz, lebt in Hamburg.

"Das Erstaunliche ist doch, dass ich nach meinen Reisen 2005/2006 so wenig Deutsches auf meinen Bildern entdecken konnte. Natürlich gibt es die ultimativen Zeichen beziehungsweise Klischees, die den Betrachter und die Betrachterin Deutschsein lesen lassen, aber mein eigenes Gefühl sagte mir als Quintessenz, dass es deutsch, in dem Sinn, wie wir es uns immer noch vorstellen, nicht mehr gibt. Wir sind ein Teil Europas geworden, und das originär Deutsche ist fast bis zur Unkenntlichkeit verwaschen. Fotografien von Deutschland heutzutage, die sich ja aus einer Unmenge von Zeichen und visuellen Schlüsselreizen zusammensetzen, fangen eben keine klare deutsche Aussage mehr ein. Alles ist - zum Glück ins Globale oder zumindest ins Europäische transformiert: die Autos, die Kleidung, die Typografie, die Architektur, die Gesten der Menschen. Europa hat uns schon lange erreicht, auch wenn oft etwas anderes gehofft wird. Dieses Bild, welches in Deutschland, in Mannheim in der Innenstadt entstand, ist so ein Bild, frei von Klischees und doch eine Ballung von kleinsten Klischees, aber eben aus unserer großen weiten Welt. Die vorherrschende Reminiszenz an die guten alten Deutschlandbilder, wie sie z.B. René Burri in den fünfziger Jahren machte, erfüllt heute die Funktion im manufactumschen Sinn: Es gibt sie noch, die guten alten Dinge. Leider gibt es dabei oft das Missverständnis, dass die Welt, Deutschland und die Dinge heute nicht schlechter sind, sondern einfach anders."

Will McBride

Geboren 1931 in St. Louis, Missouri/USA, lebt in Berlin.

"Ich habe den ganzen Kennedybesuch begleitet und ein paar wichtige Bilder gemacht. Ich hatte Kennedy schon vorher im Weißen Haus getroffen und eine Porträtserie fotografiert. Ich bewunderte diesen Präsidenten sehr und habe trainiert, um für diese vier Tage in Form zu sein. Natürlich kannte ich Adenauer und habe ein Buch über ihn gemacht, und ich mochte Willy Brandt. So war ich, als ich sie alle so zusammen in dem offenen Wagen sah, gleich so weit mit drin, dass mich der Bodyguard rausgestoßen hat. Das ist die Schulter links unten im Bild."

Peter Piller

Geboren 1968 in Fritzlar, lebt in Hamburg.

"Das Bild ist in diesem Jahr aufgenommen (A2 zwischen Hannover und Magdeburg) und vielleicht Teil einer Serie von Bildern über die Autobahn, denn dort bin ich ja recht häufig. Einen Titel gibt es noch nicht. Und das Verfahren ist für mich auch kein Neues: gültige Bilder dort zu suchen, wo Alltag ist und man sie wenigsten vermutet."

Wim Wenders

Geboren 1945 in Düsseldorf, lebt in Berlin.

"1992, an einem kalten Novembertag auf dem Alexanderplatz. Viele russische Soldaten hatten die ehemalige DDR schon verlassen. Die noch übrig geblieben waren, schienen nicht mehr recht zu wissen, was sie da noch in Deutschland zu tun hatten. Dieser Haufen sah recht verloren aus, in den kratzigen Mänteln, aus jeder ringsherum gültigen Zeit herausgerissen. Einer von ihnen klingelte eines Sonntag morgens an meiner Wohnungstür. (Weiß der Himmel, wie er die Adresse rausgekriegt hatte.) Er war der Filmvorführer bei seiner Kompanie und schleppte zwei schwere metallene Container mit sich, in der eine russisch synchronisierte Filmkopie von 'Paris, Texas' enthalten war. Die wollte er mir für 200 Mark verkaufen. Allein die Idee war den Preis wert, fand ich..."

Ute Mahler

Geboren 1949 in Berka/Thüringen, lebt in Lehnitz bei Berlin

"1993 im frisch renovierten Hinterhaus mit elektrischen Türöffnern in Berlin Lichtenberg lebt Bomber mit seiner Freundin und seinen zwei Söhnen. Er ist Neonazi, arbeitslos und hasst alles, was anders ist. Sein Sohn Robert ist zwei Jahre alt, als ich diese Foto mache. Er lernt, wie man den rechten Arm zum Gruß erhebt. Die Videos über Rudolf Hess oder die Lieder der Nazibands laufen, wenn er mit seinem Bruder oder dem Hund spielt. – 2009 ist Robert 18 Jahre. Er kann wählen und gewählt werden."

Karl Lagerfeld

Geboren 1933 in Hamburg, lebt in Paris.

"Ich glaube, Schlegel hat gesagt, man könnte Universalität nur durch Philospohie und Dichtung erreichen. Ich denke, Caspar David Friedrich hat mit seiner Malerei Universalität erreicht. Deutschland ist für mich eine innere Welt. Mit der äußeren Welt habe ich wenig zu tun. Wahrscheinlich bin ich von der deutschen Romantik, von Novalis, Jean Paul, Schlegel, Schleiermacher, Heine und Eichendorff wohl zu beeinflusst. Noch heute kann ich die in meiner kurzen deutschen Jugend auswendig gelernten Gedichte teilweise auswendig. Zum Beispiel 'Im Abendrot' von Eichendorff:
'O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot ,
Wie sind wir wandermüde –
Ist das etwa der Tod?'
Dieses Gedicht hat (glaube ich) Richard Strauß für eines seiner Lieder inspiriert. Er gehört auch zu meinen deutschen Einflüssen, in mein 'Pantheon des Deutschtums'. Ein anderes Gedicht fällt mir zu der Aufnahme auch wieder ein. Es handelt sich um ein Gedicht von Otto Heinrich von Loeben, vergessener Dichter. Aber ich hatte einen wunderbaren Patenonkel, der ein Fanatiker dieser Dichter war und mir (wie ich so 10 Jahre war) geholfen hat, sie zu entdecken.
'Doch ist der Seele selger Traum erfüllet?
Nimmt oder gibt ihr Wehmut diese Bläue,
Die weit ins Grenzenlose sich verlieret?'
Wie ich diese Bildserie für 'Vogue' gemacht habe, habe ich an all das wieder gedacht. Sonst habe ich an Beziehungen (?) zu Deutschland nur die Zeit von Friedrich den Großen (Epoche Voltaire – nicht die Kriege) und die deutsch-jüdisch beeinflusste kulturelle Periode von 1900 bis 1933. Aus der Zeit liebe ich alles: die Malerei, die Literatur, den Film, die Architektur, sogar die Werbung. Dann ist Torschluss."

Michael Wesely

Geboren 1963 in München, lebt in Berlin.

"Indem sie die Zerstörung des symbolträchtigsten Gebäude der DDR kondensiert, macht diese Fotografie einen der großen Balanceakte der Deutschen auf utopische Art und Weise sichtbar. Es geht um die andauernde Suche nach dem richtigen Maß zwischen dem Bewahren der Erinnerung und Erneuerung des Landes nach der Wiedervereinigung.“

Herlinde Koelbl

Geboren 1939 in Lindau am Bodensee, lebt in Neuried bei München.

"Liebe das ist ein großes Wort, mit Sehnsucht besetzt: nach Aufgehobenheit in der Sprache, in einer Landschaft, in Freundschaften. Die Erfüllung ist dann vielleicht Heimat."

Ricarda Roggan

Geboren 1972 in Dresden, lebt in Leipzig.

"Nachts nach dem Goldrausch zwei Männer sitzend im Gehäus, im Ohr den Nachhall von 1000 Jahren Industrie."

Timm Rautert

Geboren 1941 in Tuchel (heute Tuchola, Polen), lebt in Essen.

"Ein Bild gegen das Vergessen, wir Deutsche vergessen zu schnell.“

Hans Christian Schink

Geboren 1961 in Erfurt, lebt in Leipzig.

"Diese Arbeit ist Teil der Serie 'Verkehrsprojekte Deutsche Einheit', an der ich von 1995 bis 2003 gearbeitet habe. Alle Bilder der Serie zeigen menschenleere Landschaften mit Autobahnen, Gleistrassen oder skulptural wirkenden Brückenbauten. Es ist meine Sicht auf die Veränderungen der heimatlichen Landschaft der ehemaligen DDR, wie sie unter anderem durch diese Infrastrukturmaßnahmen verursacht wurden. Auch dieses Foto sollte ein unbelebtes werden. Am Morgen der Aufnahme war ich gerade mit dem Einrichten der Kamera fertig, als der Schwan auftauchte und fast eine halbe Stunde seine Bahnen zog, ohne sich von mir stören zu lassen. Irgendwann machte ich dann mehr aus Ungeduld ein Foto. Unmittelbar darauf verschwand der Schwan aus dem Bildfeld und ich konnte die ursprünglich geplante Version aufnehmen. Der spätere Vergleich beider Motive fiel dann allerdings eindeutig aus und so nahm ich den Gruß aus der Motivwelt der deutschen Romantik dankbar an. Das Bild wurde das meist publizierte meiner bisherigen Arbeit."