Heino Jaeger - Filmporträt

Das Ende der deutschen Kultur

Der Lebenskünstler und Dissident Heino Jaeger gehörte der Hamburger "Anti-68er-Bewegung" an. Provokation statt Ideologie war das Motto der überschaubaren Gruppe, zu der auch Schriftsteller Hubert Fichte gehörte. Die Zeichnungen, Gemälde und Rundfunksendungen des 1997 gestorbenen Jaegers haben bis heute Geheimtipp-Charakter. Dokumentarfilmer Gerd Kroske bringt den unentdeckten Bürgerschreck auf die Leinwand.
Bürgerschreck im feinen Jackett:Filmporträt Heino Jaeger

Von Loriot, Olli Dittrich und Rocko Schamoni bewundert: der Maler und Kabarettist Heino Jaeger. Das Filmporträt "Heino Jaeger – look before you kuck" von Gerd Kroske beschäftigt sich mit Leben und Werk des Ausnahmekünstlers. Dokumentarfilm, Deutschland 2012, 120 Min.

Eine Gruppe dekadent und boshaft blickender Männer ist auf einer grünen Wiese zu sehen. Zu den Füßen der Gruppe ist ein kleiner Hund abgebildet; auf gleicher Höhe links eine afrikanische Frau.

Die Männer wirken steif, ihre Füße sind merkwürdig verrenkt, und sie tragen wilhelminische Dreiteiler und Gehstock. Im oberen Teil des Gemäldes bilden dicht aneinandergereihte Patronenhülsen eine surreale Rahmung. Nichts stimmt in dem Bild – eine politisch inkorrekte, schräge Zusammenkunft. Doch genau das macht den unglaublichen Reiz des Gemäldes aus, findet Jürgen von Tomeii. Der Karikaturist und frühere Weggefährte von Heino Jaeger hat das Original bei sich zu Hause hängen. Er zeigt der Kamera eine schwarze Dreckspur, die sich oben rechts über das Gemälde zieht. Liebevoll schmunzelnd erzählt er, dass Jaeger nicht sehr auf die äußere Versehrtheit seiner Bilder geachtet hat. Er vergleicht ihn mit Edvard Munch, der seine Bilder absichtlich ungeschützt den Einwirkungen von Wind und Wetter überlassen hat – Jaeger hat seine Bilder seiner Kellerwohnung ausgesetzt. Auch die Protagonisten Wolli und Linda Köhler (Ex-Bordelliers in St.Pauli, Hamburg) wundern sich amüsiert darüber, wie Jaeger in seinem dreckigen Wohnloch-Atelier so saubere Zeichnungen anfertigen konnte, denn sobald man Jaegers Wohnung betrat, sah man als erstes einen Haufen Erde.

Es sind intime und kuriose Geschichten dieser Art, die den Dokumentarfilm "Heino Jaeger - look before you kuck" zu einem kurzweiligen cineastischen Erlebnis machen. Die von langjährigen Freunden und heimlichen Bewunderern Jaegers vor der Kamera erzählten Anekdoten sind sinnstiftend mit altem Videomaterial, Tonaufnahmen, Zeichnungen und Gemälden montiert, so dass der Zuschauer eine solide Vorstellung über Leben und Schaffen des hochindividuellen, nicht selten den gesellschaftlichen Rahmen sprengenden, Künstlers erhält. Das differenzierte Porträt von Langzeit-Dokumentarist Gerd Kroske zeigt auch, dass Jaegers Kunst immer sehr unterschiedlich bewertet wurde.

Manche waren sofort begeistert, andere eher zurückhaltend, berichtet Christian Zwang, Galerist aus Hamburg und Jaeger-Fan. Er vermutet, dass viele Leute Angst hatten, dass Jaegers Arbeiten ins Pathologische gehen. Jaeger war fasziniert von Bomben und Bränden. In einem Interview erzählt er, dass er gerne selber ein Haus, ja ganz Hamburg in Brand stecken würde, doch "weil ich eben so viel Mensch bin, mal ich eben diesen Brand" – reizend! In den ironischen Aussagen Jaegers wird immer auch eine Enttäuschung sichtbar. Er und die anderen aus der "Anti-68er-Bewegung" hielten nichts von den neuen Betonbauten, mit denen die Städte unbewohnbar gemacht wurden. Engster Freund und Autor Joska Pintschovius (Hauptprotagonist des Films), erinnert sich daran, dass sie die "Unästhetik" deutscher Ordnung, die Dörfer und Landschaften zerstörte, verabscheuten. In Dandy-Manier pflegten sie zu sagen: "Mit 1918 wars dann zu Ende mit der deutschen Kultur." Jaeger und Pintschovius waren auf gewisse Art und Weise 68er, die aber die Nase voll hatten von heilsbringenden Ideologen und sich in ihre ganz eigene anarchistische Scheinwelt zurückzogen – ihre Waffen waren allenfalls Ironie und Provokation. Auf acht-Millimeter-Filmmaterial verewigten die zwei Freunde ihre zahlreichen "Deutschland-Exkursionen", die sie regelmäßig in den sechziger und siebziger Jahren unternommen hatten. Es ging ihnen darum die morbiden, altmilitärischen Charaktere oder vom Krieg zerstörte Gebäude zu entdecken und mit den Beobachtung aus dieser deutschen Reliktwelt den verdeckten Kulturkampf aufzuzeigen.

Besonders deutlich wird Jaegers Beobachtungsgabe in seinen Stegreifgeschichten für seine siebziger-jahre-Rundfunkreihe "Fragen Sie Dr. Jaeger" beim Saarländischen Rundfunk. Die im Film zu hörenden Ausschnitte zeugen von einer so feinen Ironie, dass sofort klar wird, dass nicht jeder Zuhörer sie als solche begreift. Die Geschichten, die ein wenig an die Erzählungen von Heinrich Böll erinnern, finden auch heute noch ihre Liebhaber. Komiker und Schauspieler Olli Dittrich beispielsweise, trat 2010 mit seiner Heino Jaeger-Hommage "Man glaubt es nicht" im St. Pauli Theater in Hamburg auf. "Jaeger passt in jede Zeit. Weil er seiner Zeit weit voraus und gleichzeitig zeitlos war", erklärt Olli Dittrich in einem Interview in der Tageszeitung "Die Welt". Auch Musiker und Komiker Rocko Schamoni ist bekennender Jaeger-Fan. Mit Regisseur Lars Jessen plant er einen Spielfilm über Jaeger. Die Hauptrolle wird, wie sollte es anders sein, von Olli Dittrich gespielt. Es scheint fast so, als gelinge es dem Bürgerschreck Jaeger post mortem noch ein gefeierter Star zu werden.

"Look before you kuck" endet mit Jaegers Rückzug in eine Welt, die Joska Pintschovius mit dem Milos Forman Film "Einer flog über das Kuckucksnest" vergleicht. Jaeger hatte sich Mitte der achtziger Jahre selber in das psychiatrische Pflegeheim Bad Oldesloe eingewiesen. Er war Alkoholiker, malte nicht mehr und sprach nicht mehr. Journalist und Jaeger-Chroniker Christian Meurer beschreibt den Zustand als "vergleichbar mit dem Nietzsche der letzten Jahre". Die letzte Szene im Film zeigt Aufnahmen von der Eröffnung einer Jaeger-Ausstellung anlässlich seines 50. Geburtstags. Der Künstler ist anwesend, verloren in Mitten von Menschen steht er in der Galerie, hält sich an einer Bierflasche fest und grinst verlegen in die Kamera.

"Heino Jaeger – look before you kuck"

Regie: Gerd Kroske
Dokumentarfilm, Deutschland 2012, 120 Min.

Der Dokumentarfilm erhielt am 3. November 2012 die Goldene Taube im deutschen Wettbewerb des 55. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm.

Filmstart: 1. November
http://www.heino-jaeger-film.de/home.html