Spekulativer Realismus für Einsteiger

Hallo Welt

Endlich in der Realität angekommen: Auf einem Symposium im Fridericianum wurde der neue Realismus und seine Bedeutung für die Kunst der Digital Natives diskutiert. art gibt den Überblick über die neue Lust an der Philosophie.
Der neue Realismus:art erklärt die drei Ismen, die Sie 2014 kennen müssen

Gruppenbild von Philosophen und Künstlern auf den Stufen des Fridericianums: Susanne Pfeffer, dritte von rechts, Armen Avanessian ganz links mit Kind auf den Schultern.

Hintere Reihe v.l.n.r.: Matteo Pasquinelli, Reza Negarestani, Pamela Rosenkranz; Mittlere Reihe: Armen Avanessian, Robin Mackay, Iain Hamilton Grant, Yngve Holen, Josh Kline, Timur Si-Qin, Kerstin Brätsch, Tobias Madison, Karin Littau, Susanne Pfeffer, Steffi Gabriel, Sachin Kaeley, Tom Lamberty; Vorne: Maurizio Ferraris, Markus Gabriel, Nina Tabassomi

Das Symposium und die Kunst

Wenn am Samstag nach Neujahr das Foyer des Fridericianums bis auf den letzten Stuhl besetzt ist und manche sogar auf dem Boden sitzen, um fünf jeweils einstündige Vorträge von Philosophen zu hören, dann muss das Thema wirklich einen Nerv treffen. Aus ganz Deutschland sind Besucher gekommen, auf der Facebook-Seite des Symposiums trauern die, die es nicht aus den USA nach Kassel geschafft haben. Wie kam es zum Treff der Philosophen in Begleitung zur Ausstellung "Speculations on Anonymous Materials"?

Es steckt ein Dialog dahinter, zwischen Susanne Pfeffer, Direktorin des Fridericianums und Kuratorin der Ausstellung, und Armen Avanessian. Avanessian ist Literaturwissenschaftler in Berlin und vor allem auch Herausgeber eines Sammelbandes im Merve-Verlag über die neue Philosophie-Strömung des spekulativen Realismus. Sie sprachen miteinander, schon als Susanne Pfeffer noch für ihre erste Ausstellung am Fridericianum über die Künstler der Post-Internet-Generation recherchierte. Denn einige der Künstler, die als Digital Natives mit dem Internet groß geworden sind, lasen begeistert Texte über den spekulativen Realismus. Und so wie die Künstler mit neuen High-Tech-Materialien experimentieren, interessieren sich die Philosophen neuerdings mehr für die Materialität der Welt als für die Sicht der Menschen auf die Welt. Das Symposium ist die logische Folge dieses Gespräch: ein Forum, um zu testen, wie produktiv die gegenseitigen Missverständnisse von Kunst und Philosophie heute sein können.

So wars: Auch Philosophie kann Performance sein

Markus Gabriel hielt den ersten Vortrag und bewies dabei, warum er mit 33 Jahren Deutschlands jüngster Professor für Philosophie ist und sein Buch "Warum es die Welt nicht gibt" ein Bestseller ist: Bei Gabriel kommt der philosophische Vortrag nahe an die Performance-Kunst heran. Er spricht schnell, er sagt gerne mal "bla, bla, bla", wenn er ein Argument nicht zu Ende buchstabieren will, was oft vorkommt, und mit Stichworten von Einhörnern über Schamhaare bis Husserl und Heidegger reißt er Zuhörer und Philosophie aus der Langeweile heraus. Gabriel stieg mit einer Anekdote über Thales und das Wasser ein – und wies auf die Kunst der in New York lebenden Schweizerin Pamela Rosenkranz hin, die mit Wasser und Hautfarben arbeitet. Schnelles Denken und schnelles Sprechen verschmelzen bei Gabriel, die Botschaft ist: Es gibt nicht eine Welt, sondern ganz viele verschiedene Perspektiven auf die Welt. Aber nicht alles ist sozial konstruiert, sondern die Welt existiert unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung. Banales Alltagswissen für die meisten, für zeitgenössische Philosophen ein großer Schritt.

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Im Gespräch: Markus Gabriel, Robin Mackay, Reza Negarestani, Iain Hamilton Grant und Armen Avanessian (v.l.n.r.)

Die neue Lust an der Haltung

Es gibt eine neue Lust an der Haltung und daran, Stellung zu beziehen. Man merkt es im Laufe des Symposiums, quasi beim Durchatmen. Die Postmoderne sah alles als Konstrukt und soziales Artefakt, und stellte die Realität in endlose Fragen – das war mal als kritische Subversion gemeint, entpuppte sich aber als Sackgasse unendlicher Beliebigkeit. Jetzt weht ein frischer Wind. Man darf und will wieder Position beziehen, nicht nur Fragen stellen. Bei Gabriel klang das so: "Einhörner exisitieren, das Universum existiert, die BRD existiert. Aber die Bundesrepublik existiert nicht im Universum". Denn Einhörner seien natürlich wichtig in Literatur und Film – "Das letzte Einhorn" ist kein Film über einen Esel, der sich verkleidet hat, sondern eben ein Film über ein Einhorn, nämlich das letzte. Das Universum ist Gegenstand der Physik. Die Bundesrepublik ist Gegenstand von Justiz und Soziologie, aber eben nicht der Physik. Deswegen existiert die BRD nicht im Universum. Wunderbar, das ausgerechnet in Kassel zu hören, wo vor anderthalb Jahren noch Carolyn Christov-Bakargiev die documenta mit einer anderthalbstündigen Vorlesungen mit viel Theorie und vielen Fragezeichen eröffnete.

So ist der neue Realismus ein Befreiungsschlag, mit dem sich Gabriel, Ferraris & Co von der Last der in der Beliebigkeit verrannten Postmoderne abgrenzen. Und es ist Susanne Pfeffers große Leistung, in der Ausstellung Künstler versammelt zu haben, die den gleichen Befreiungsschlag in der Kunst vollziehen. Es ist ein ästhetischer-intellektueller Judo-Wurf, den sie vollziehen: Sie beschränken die Kunst, um den Künstler zu stärken. Die Kunst kann nicht alles konstruieren, weil es eine Realität des Materials gibt. Damit wird zwar die Kunst weniger allmächtig. Aber der Künstler und die Künstlerin werden wieder wichtiger, weil sie es sind, die das Material bearbeiten.

Die Freude, Stellung zu beziehen, setzte sich im Vortrag von Maurizio Ferraris aus Turin fort. Er sprach über "Why Matter matters" – also über Materie und Materialismus. Zwar nicht so teutonisch stringent wie Gabriel, dafür aber mit Fotos per Beamer räumte Ferraris mit dem Konzeptualismus auf. Er rehabiltierte die Bedeutung des Materials für die Kunst. Er arbeitete schön an Maurizio Cattelans gestohlenem unsichtbaren Kunstwerk "Denuncia" von 1991 heraus, dass es nur existiert aufgrund des Materials des Polizeiberichts. Ohne den Bericht kein Kunstwerk, ohne Material keine Kunst.

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Warum sind die Materialien anonym?

Bei den Materialien trifft sich das Interesse von Künstlern und Philosophen. Die Philosophen des neuen Realismus interessieren sich für Naturwissenschaften und Mathematik, weil sie sich für einen Zugang zur Welt unabhängig von Sprache und menschlicher Perspektive interessieren. Daher sind gerade Aussagen der Naturwissenschaften über die Jahrmillionen der Erdgeschichte vor dem menschlichen Bewußtsein spannend. Die Künstler wiederum arbeiten einerseits gerne mit neuen Hightech-Materialien: Josh Kline bezieht eine Wand mit Stoff vom Outdoor-Hersteller Patagonia, und Pamela Rosenkranz nutzt für ihre Installation von Hautfarben Silikone.

Was die Anonymität angeht, ist damit wohl vor allem der Wechsel gemeint, der durch das Internet entsteht: Waren Generationen von Künstlern damit beschäftigt, Bildwelten entstehen zu lassen, arbeiten die Digital Natives eben mit den Bildern, die sie im Netz oder eben auch auf Duschgel-Flaschen finden – so wie Timur Si-Qin aus Berlin, der Duschgelflaschen auf Samuraischwerter aufspießt – dort müffelt das Fridericianum nach synthetischer männlicher Frische. Eine ganze Reihe von Animationen findet sich in den Videos von "Speculations" – sie sind wohl das anonyme Material par excellence.

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Welche drei Realismen muss ich kennen?

Der erste Ismus, den man kennen muss, ist der "neue Realismus". Maurizio Ferraris führte den Begriff mit einem Manifest 2011 ein, gemeinsam mit Markus Gabriel organisierte er eine Konferenz über den "new realism" Für den interessierten Laien meint das das gleiche wie der "spekulative Realismus". Wer zu den Bescheidwissern gehören will, weiß, dass der "spekulative Realismus" Begriff bei einer Konferenz am Londoner Goldsmiths-College 2007 geprägt wurde, dort sprachen die vier Vordenker des britischen Arms der philosophischen Denkrichtung – Ray Brassier, Iain Hamilton Grant, Graham Harman und Quentin Meillassoux. Wieder für den interessierten Laien: Der "neue Realismus" ist der Ausstieg aus der Postmoderne. Die Welt existiert unabhängig von dem Bild oder der Vorstellung, die wir Menschen uns von ihr machen. Ana Teixeira Pinto erklärt in "Frieze DE" diesen neuen Standpunkt: "Die Welt existiert mit oder ohne uns, und ihre Struktur hat keine Beziehung zu unserer begrifflichen Erfassung."

Wer sich tiefer einarbeitet, stößt auf den Korrelationismus – das ist der Makel, von dem die neuen Realisten die Philosphie befreien. Wieder liefert Ana Pinto eine pointierte Erklärung: "Korrelationismus ist eine von Meillassoux geprägte Wortschöpfung, die den Umstand bezeichnet, dass, seit Kant, das philosophische Denken in der Annahme gefangen blieb, ein jeder Versuch, die Wirklichkeit darzustellen, gebe letztlich die Perspektive des Beobachters wieder – das Denken bewege sich also in einem "korrelationistischen" Zirkel."

Die kurze Zusammenfassung: Neuer Realismus, spekulativer Realismus oder auch neuer Materialismus sind unterschiedliche Namen für eine Strömung der Philosophie. (Natürlich würde fast jeder der beteiligten Philosophen nicht so über einen Kamm geschoren werden wollen. Kann man aber trotzdem tun.) Der Korrelationismus ist das, wovon sie sich abgrenzen. Dabei ist vor allem die Postmoderne gemeint, für die die Welt vor allem als Konstrukt, als Wahrnehmung, im Grunde Geist war. Das sehen die neuen Realisten anders: Sie wollen einen Zugang zur Welt finden, der eher an den Naturwissenschaften interessiert ist.

Armen Avanessian hält die Realismen zusammen. Avanessian hatte 2013 so etwas, was man im Fußball einen Lauf nennt: Er holte den neuen Realismus nach Deutschland; der Merve-Verlag hat unter dem Titel Spekulationen eine neue Reihe gestartet, die von Armen Avanessian herausgegeben wird; außerdem organisierte er neben dem Symposium in Kassel auch den Kongress der Akzelerationisten in Berlin. Ein Mover und Shaker des neuen Realismus sozusagen.

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Warum soll ich mir das antun?

Einen Platz in der Kunstgeschichte hat die Verbindung von Post-Internet-Künstlern und neuen Realisten noch nicht sicher. Aber es ist ein Versprechen: Lange war nicht mehr so viel Dringlichkeit zu spüren an der Grenze von Kunst, Theorie und Politik. Man darf spekulieren, dass man in 30 Jahren über "Speculations on Anonymous Materials" sagen wird: Das war die Ausstellung, mit der die Postmoderne in der Kunst endete. Da will man doch dabei gewesen sein!

Und was sagt Carolyn Christov-Bakargiev dazu?

Ein Symposium in Kassel, Kunst und Philosophie, darüber schwebt natürlich der Geist der Kuratorin der documenta 13. Man würde denken, bei ihrer Freude an Lacan und ihrem Willen, sich nicht festzulegen, würde ihr der neue Realismus gar nicht gefallen. Aber dann sieht man: Sie weiß längst Bescheid, es hat nur keiner gemerkt oder verstanden. In Band 85 der Notizen zur d13 hat sie Graham Harmans Essay "Der dritte Tisch" veröffentlicht – einen Schlüsseltext der spekulativen Realisten. CCB bleibt der Igel der Kunstwelt. Während andere mühsam ihr Denken updaten, ist sie schon da.