Gijs van Tuyl - Vincent Award

Es geht hier nicht um ethische Probleme, sondern um ein Ego-Problem

Documenta-Künstler Peter Friedl, nominiert für den mit 50 000 Euro dotierten Vincent Award, gestiftet von der "Broere Charitable Foundation" und verliehen im Amsterdamer Stedelijk Museum, boykottierte überraschend den Kunstpreis. Im art-Interview erklärte er seine Beweggründe, wettert gegen "merkwürdige Vermischungen von Interessen und Vorlieben" und warnte vor einer "präfaschistischen" Entwicklung in den Niederlanden. Jetzt antwortet Gijs van Tuyl, Direktor des Stedelijk, auf die Vorwürfe – und schlägt zurück: Friedl sei "kindisch", "rüpelhaft" und hätte "Angst, zu kurz zu kommen".
Der Fall Friedl:Gijs van Tuyl, Direktor des Stedelijk, schlägt zurück

"Peter Friedl ist ein Mensch mit einer verknitterten Seele", meint Stedelijk-Direktor Gijs van Tuyl

Herr van Tuyl, sind Sie sauer?

Gijs van Tuyl: Ich bin nie sauer, dazu habe ich zuviel Erfahrung und zuviele Situationen dieser Art mitgemacht. Da wird man nicht mehr sauer. Aber schade finde ich es schon, dass Peter Friedl seine Werke zurückgezogen hat – er hatte einen wirklich guten Beitrag.

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Er spricht von einer merkwürdigen Vermischung von Interessen, die Gewaltenteilung sei nicht gewährleistet.

Er hatte Angst, zu kurz zu kommen, darum ging es! Er glaubt, dass Alÿs vorgezogen wird. Wie kindisch! Er tat so, als ob der Sieger von vorne herein feststehe, und machte dagegen Stimmung, um sich zu wappnen und die Situation zu manipulieren. Unglaublich. Das finde ich wirklich verwerflich!

Ist denn nichts dran an diesen Vorwürfen?

Wir haben eine glasklare Auswahlprozedur, aus der wir nie ein Geheimnis gemacht haben: Korrespondenten aus ganz Europa, das sind Kritiker, Journalisten, Kunstexperten und Museumsleute, schlagen jeder um die fünf Kandidaten vor. Und aus diesen Vorschlägen trifft die Jury dann eine Auswahl. Die Jury selbst hat Alÿs also nie vorgeschlagen! Die hat Nullkommanull Einfluss auf die Vorschläge der Korrespondenten.

Friedl stört sich aber dran, dass mindestens ein Jurymitglied, nämlich Ingvild Götz, Alÿs-Werke sammelt. Das ist doch zumindest ein unschönes Zusammentreffen von Umständen.

Unsere Jury besteht aus Experten aus ganz Europa, da ist es ganz logisch, dass sie die Kandidaten kennen oder Kontakt mit ihnen haben. Es geht bei diesem Preis ja um etablierte Künstler, die einen vitalen Einfluss auf die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst in Europa haben. Da wäre ja seltsam, wenn es nicht so wäre. Die Jurymitglieder wohnen nicht im Himmel!

Götz zeigt derzeit aber auch eine Ausstellung in ihrem Privatmuseum mit Alÿs. Und auch das Stedelijk plant eine Alÿs-Ausstellung.

Ja, und die machen wir jetzt extra groß, um Friedl einen Gefallen zu tun. Und um noch eins drauf zu setzen: Ich habe 2004 die erste große Alÿs-Ausstellung in Deutschland organisiert. Aber ich war es auch, der Friedl eine prächtige Präsentation im Kunstmuseum in Wolfsburg gegeben hat! Außerdem hat er auch eine Ausstellung im MACBA in Barcelona bekommen – und die sitzen auch in unserer Jury. Also, was Ausstellungen betrifft, sind Alÿs und Friedl quitt!

Friedl ärgerte sich auch darüber, dass er im Gegensatz zu Alÿs mit viel zu wenig Dokumentationsmaterial präsentiert wurde.

Da muss er sich bei seiner Galerie beschweren, denn dieses Hintergrundmaterial haben wir von den Galerien der Kandidaten angefordert, und die Galerie von Alÿs hat am meisten geschickt und am schnellsten reagiert. Friedl sah ja sogar in einem Künstlerporträt von Alÿs, das die niederländische Tageszeitung "Volkskrant" vor kurzem veröffentlichte, einen Beweis dafür, dass Alÿs vorgezogen wird! Also, ich bitte Sie: Als ob der "Volkskrant" uns fragt, welchen Künstler er interviewen solle!

Sie sollen sich dann ganz schön in die Haare gekriegt haben. Friedl spricht von einem Geisterauftritt?

Ja – wobei er den Part des Teufels übernahm! Die Situation war ohnehin schon seit längerem angespannt. Es gab mehrere Probleme, aber die will ich Ihnen ersparen...

Schonen Sie uns nicht...

Ich finde, er hat sich wie ein Querulant aufgeführt. Was meine Konservatorin unter ihm zu leiden hatte, ist unbeschreiblich! Von den rüpelhaften Emails, die er schickte, ganz zu schweigen. Letztendlich wollte er, dass ich sie und auch mich selbst entlasse. Der tickt doch nicht ganz richtig. Das ist doch bekloppt!

"Wir lassen uns nicht als Faschisten beschimpfen!"

Und dann kam es mit dem Geisterauftritt zur Apotheose?

Wegen der Spannungen im Vorfeld wollte ich nochmal mit ihm reden, er saß Zeitung lesend im vollbesetzten Restaurant über dem Museum und war nicht gerade freundlich gestimmt. Ich fragte, was los sei – und so kam es zu einem lauten Wortwechsel.

Mit Sicherheit eine unvergessliche Szene für die anderen Restaurantbesucher! Und dann haben Sie ihn rausgeschmissen mit den Worten: "Verlassen Sie mein Haus"?

Das ist eine dreiste Lüge, das habe ich nie gesagt. Er sagte: "Ich ziehe meine Einsendung zurück." Daraufhin habe ich in etwa entgegnet: "Dann werden Sie wohl selbst wohl auch nicht länger bleiben." Aber ich habe ihn nicht rausgeschmissen! Ebenso wenig hat er von uns zu hören bekommen, er solle dankbar sein, bei uns ausstellen zu dürfen – so etwas würde ich nie zu einem Künstler sagen!

Sie sollen sich sogar auf den Zweiten Weltkrieg berufen habe, der für Sie laut Friedl immer noch nicht aufgehört hat!

Unsinn! Er hat zu schreien begonnen und immer wieder das Wort 'faschistisch' verwendet. Unser Publikumspreis soll faschistisch sein und die niederländische Gesellschaft zunehmend präfaschistisch. Warum, das sollte er in einer Lesung vielleicht mal näher erörtern! Ich finde es nicht richtig, dieses Wort zu gebrauchen, ich bin im Krieg aufgewachsen. Das habe ich ihm gesagt. Wir haben viel Verständnis, aber es gibt Grenzen. Wir lassen uns nicht als Faschisten beschimpfen!

Was für ein Mensch ist Friedl?

Einer, der sich selbst das Leben schwer macht. Einer mit einer verknitterten Seele. Er bereute es zugesagt zu haben. Ich sagte ihm, niemand zwinge ihn dazu, wir leben in einem freien Land, er könne seine Meinung ändern. Es geht hier nicht um ethische Probleme, sondern um ein Ego-Problem! Scheinheilig ist das! Ich kann nicht in seine Seele gucken, aber in Wien soll es dafür ja gute Leute geben.

Altfussballstar Johan Cruyff pflegt zu sagen: Jeder Nachteil hat seinen Vorteil. Deshalb behaupten böse Zungen, die Affäre habe dem Vincent-Award richtig gut getan und die nötige Bekanntheit verschafft.

Es gab in der Tat Menschen, die glaubten, dass ich mir das alles ausgedacht habe. Und wir haben auch eine Reihe von Glückwünschen bekommen. Aber der Skandal wird schnell verebben, es geht ja nicht um Sex, Drugs und Rock’n Roll.

Ist es nun ein Handicap, wenn Alÿs tatsächlich zum Preisträger gekürt wird?

Nein. Wir müssen dann allerdings nochmal betonen, dass die Prozedur glasklar ist und die Jury keinen Einfluss auf die Auswahl der Kandidaten hat. Die Aussichten jedenfalls, dass Friedl gewinnt, sind ziemlich klein geworden.

"The Vincent Award 2008"

Ausstellung mit Arbeiten von Francis Alÿs, Liam Gillick, Deimantas Narkevicius und Rebecca Warren. Termin: 20. Juni bis 30. September, Stedelijk Museum, Amsterdam.
http://www.thevincentaward.eu/