Guggenheim-Lab - Berlin

Alarmstufe Pfefferberg

Zur Eröffnung des BMW-Guggenheim-Lab beherrschten Polizisten das Bild – trotz der friedlichen Umgebung am Pfefferberg und des sowieso offen konstruierten Baus Berliner. Unter dem Titel "Confronting Comfort: Ideen für die Großstadt" beginnen nun hier Forschungen zum modernen, urbanen Leben. Klaus Wowereit kündigte sich an, Richard Armstrong war eigens zur Eröffnung aus New York angereist.
Keine markenfreie Zone:Guggenheim Lab eröffnet am Prenzlauer Berg

Das BMW-Guggenheim-Lab, Berlin. Architekt: Atelier Bow-Wow. Außenansicht am Abend

Berlin – Prenzlauer Berg, am Freitagmorgen. Erhöhte Alarmstufe am Pfefferberg: In Vierer-Formationen patroulliert die Berliner Polizei in Anti-Riot-Ausrüstung über das Gelände der Pfefferberg-Kulturbrauerei: grimmig dreinschauende, bullige junge Männer mit Knopf im Ohr, bereit zur Aufstandsbekämpfung. Ein privater Wachschutz kontrolliert zudem den direkten Zugang zum umstrittenen BMW-Guggenheim-Lab. Ja, hier fühlt man sich schon extrem sicher.

Aus mindestens zwei Gründen wirken die Vorsichtsmaßnahmen zum Start des umstrittenen BMW-Prestigeobjekts aber auch ziemlich grotesk – zum einen, weil die einzige basisradikale Gruppe, die hier am Prenzelberg seit ein paar Jahren die Straßen regiert, kinderwagenschiebende Väter und Mütter und deren klobige Geländewagen sind. Zum anderen, weil das Lab, entworfen nach den Plänen des japanischen Architektenbüros Bow-Wow paradoxerweise maximale Offenheit aufweist: Im Grunde handelt es sich um nichts weiter als ein hochtechnisiertes Dach auf Tragesäulen unter dem ein paar Tische und Stühle auf einer Fläche von rund 200 Quadratmetern im Freien stehen.

Hier soll nun sechs Wochen lang, bis Ende Juli unter dem Titel "Confronting Comfort: Ideen für die Großstadt" gemeinsam mit Experten über das moderne urbane Leben gesprochen und geforscht werden. Die schräge Dialektik der Situation lässt sich quasi mit den Händen fassen: Die Struktur aus ultraleichtem Carbonfaser-Kunststoff hat keine Wände, kennt also kein Drinnen und Draußen. Das bedeutet auch, man kann diese Konstruktion in Stress-Situationen nicht einfach schließen wie ein konventionelles Gebäude. Wo keine Wände sind, kann man auch keine Farbeier dagegen werfen. Doch weil sich am Nachmittag der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der die Ansiedlung des Labs nach den Querelen in Kreuzberg zur "Chefsache" machte, angekündigt hat, soll wohl nichts dem Zufall überlassen bleiben.

Berlin ist nach New York die zweite Station, in der das Lab Halt macht, und sicherlich hätte sich die Guggenheim-Architekturkuratorin Maria Nicanor nicht träumen lassen, dass das auf insgesamt sechs Jahre und neun internationale Stationen angelegte Kreativprojekt gerade in Berlin, dem Mekka der Kreativen, zum Politikum mutieren würde. Getrieben vom Mitmach-Mainstream sozialer Netzwerke wie Twitter, facebook, Youtube oder Flickr öffnen sich westliche Museen wie das Guggenheim auf diese oder ähnliche Weise gerade neuen Formen der Wissensvermittlung und Öffentlichkeitsarbeit und suchen das Experiment. Denn trotz gut besuchter Häuser hat der Kampf um das Publikum von morgen bereits hier und jetzt begonnen: Das versteht man sofort, wenn man etwa hört, wie sehr die Guggenheim-Pressechefin Eleanor Goldhar von den Online-Statistiken der Lab-Webseite schwärmt. Deshalb dürfen hybride Formate wie das BMW-Guggenheim-Lab oder die gerade von der Londoner Hayward lancierte "Wide Open School" ruhig auch ein wenig spektakulärer und inhaltlich experimenteller ausfallen als die Museumsroutine.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet, erscheint auch das demonstrative Desinteresse der Guggenheim-Stiftung an der Weiterführung der immerhin 15 Jahre währenden, erfolgreichen Kooperation mit der Deutschen Bank unter dem Label der Deutsche Guggenheim Unter den Linden geradezu rational. Neue Initiativen wie die "Guggenheim-UBS-MAP" zeigen, wohin die Reise geht: Zukünftig soll es wendige, temporäre Projekte geben, die man durch die Welt schicken kann. Was bislang trockene Medientheorie war, wird nun zur Praxis: In den ephemeren Räumen wie dem Lab finden sich die "Digital Natives", die Digital-Eingeborenen, zusammen, um für einen kurzen sozialen Moment in Workshops, Seminaren und Vorträgen eine Synchronisierung des kollektiven Wissens vorzunehmen. Dazu braucht es keine Wände. Im Lab beschäftige man sich unter anderem, wie einem das Smartphone helfen könne, die Stadt zu verstehen, erklärt Kuratorin Nicanor beim Pressetermin. Das Lab selbst ist so ein Beispiel, wie sich die Echtzeit-Medialisierung durch Smartphones und Ipads auf den Alltag auswirkt: Die Architektur wird flüchtig und parasitär, die einstmals festen Orte zerbröseln.

Für Richard Armstrong, den eigens zur Eröffnung aus New York angereisten Guggenheim-Chef, ist das Lab eher ein "Pfadfinderlager für Erwachsene". An die Kritiker des Projekts, die die Aufstellung des fliegenden High-tech-Klassenzimmers an der Schlesischen Straße in Kreuzberg erfolgreich verhinderten und nun auch gegen den neuen Standort am Pfefferberg mobilisieren, hat der mächtige New Yorker Museumsmann nur eine Botschaft: "Werdet endlich erwachsen!" Dass sich jemand generell am massiven Branding von kulturellen Unternehmungen stört, kann Armstrong verständlicherweise nicht nachvollziehen: "Es gibt da draußen keine markenfreie Zone." Würde Armstrong die Dinge anders sehen, wäre er wohl auch nicht dort, wo er jetzt ist: Der Mann an der Spitze einer global operierenden Kunstinstitution, die in den letzten Jahrzehnten wie keine andere die aggressive Selbstvermarktung und den Schulterschluss mit potenten Sponsoren – wie eben BMW, die Deutsche Bank oder die Schweizer UBS – kultivierte. Ob Berlin, New York oder Mumbai, die Botschaft ist gleich: Was am Ende wirklich zählt, ist die Marke.