Harald Marx - Interview

Und plötzlich ist man Zeitzeuge

Das letzte Interview im Dienst: Kaum ein Museumsdirektor in Deutschland kann auf eine so lange und fruchtbare Verweildauer an seinem Haus zurückblicken. 43 Jahre war die Dresdner Gemäldegalerie das Zuhause von Harald Marx. Für art-Korrespondentin Susanne Altmann nahm sich der kultivierte Grandseigneur noch einmal drei Stunden Zeit, für ein Gespräch zum Tee und eine Exklusivführung durch seine Abschiedsausstellung "Wunschbilder".

Es war das letzte Interview im Dienst, das Harald Marx, 67, gewährte, an seinem vorletzten Arbeitstag. Am allerletzten feierte der langjährige Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister nur noch im Kollegenkreis und trank "das eine oder andere Schlückchen Rotwein". Die kleine Feier im schon fast ausgeräumten Arbeitszimmer im Dresdner Zwinger bildete den Abschluss einer lange Reihe von Abschiedszeremonien, mit denen Marx seine 43jährige Laufbahn an diesem Ort krönt.

Da gab es den Festakt in der mit 1300 Besuchern vollbesetzten Semperoper. Pierre Rosenberg, Ex-Direktor des Louvre, hielt die Laudatio und eine gewichtige Festschrift wurde überreicht. Und es gab die Eröffnung der grandiosen Ausstellung "Wunschbilder. Sehnsucht und Wirklichkeit", die der scheidende Direktor gleichsam als Fazit seiner künstlerischen Vorlieben eingerichtet hat. Marx, der 1966 als 24jähriger Absolvent aus Berlin nach Dresden kam, fühlt sich schon Jahrzehnte als Dresdner, und selbst seine Sprache, obzwar nicht wirklich sächsisch gefärbt, hat längst den weichen Klang des Elbtalidioms angenommen. Als ausgewiesener Kenner französischer und deutscher Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts und als Experte für deutsche Renaissance hat sich der Kunsthistoriker schon seit den 1970er Jahren international einen Namen gemacht – was zu DDR-Zeiten höchst außergewöhnlich und nicht immer unproblematisch war. Als sich Marx 1991 dann für den Direktorenposten bewarb, konnte er auf seine weltweiten Kontakte zurückgreifen und seinem Haus rasch hohe Reputation verschaffen.

Herr Marx, Sie räumen hier Ihr Arbeitszimmer, in dem Sie Jahrzehnte quasi zu Hause waren. Ist das nicht mit Wehmut verbunden?

Harald Marx: Man sieht an den Wänden noch die Staubschatten der Gemälde, die ich schon abgenommen habe. Gestern standen hier noch zwei große Müllsäcke und ich habe die ganze Zeit nur geniest. So sieht das eben aus, wenn man fast 40 Jahre auf 20 Quadratmetern gearbeitet hat. Doch ich trenne mich vergleichsweise leicht von Gegenständen. Dass man nichts wirklich mitnehmen kann, ist mir schon vor zwei Jahren nach einer schweren Krankheit klargeworden.

Sie hätten ja schon damals, mit dem Eintritt ins kalendarische Rentenalter, aus Gesundheitsgründen Ihren Posten aufgeben können. Warum sind Sie noch geblieben?

Ich hatte das Gefühl, ich sei noch nicht am wirklichen Ende meines Arbeitslebens angekommen. Das willkürliche Datum konnte ich nicht als Schlusspunkt anerkennen. Außerdem hatte ich meinen Vertrag, bis 67 im Dienst zu bleiben, schon unterzeichnet. Dann riet mir mein Arzt ganz ernsthaft: Geh wieder in den tagtäglichen Kreislauf Deiner Pflichten, das wird Dir bei der Genesung helfen.

Was für eine unkonventionelle Rehabilitationsmaßnahme! Was waren denn die offenen Fragen, die Sie in den verbleibenden zwei Jahren noch klären wollten?

Schon lange wollte ich ein Buch über die Dresdner Malerei des augustäischen Zeitalters schreiben. Dann kam im Herbst 2007 unser Generaldirektor, Martin Roth, auf mich zu und bot mir eine ganz persönliche Abschiedsausstellung an. Ich ging meine Spezialthemen durch: Renaissance, 17. Jahrhundert, Barock und kam zu dem Schluss, dass mir das höfische Kunstklima Dresdens im 18. Jahrhundert am meisten am Herzen lag.

Um solch ein großes Thema zu bearbeiten, wirkt ein reichliches Jahr ziemlich knapp...

Ich habe auch nicht nur ein einziges Jahr daran gearbeitet, sondern im Grunde 40 Jahre! Die ersten relevanten Aufsätze dazu habe ich in den 1970er Jahren geschrieben. Mein Einführungsessay für das Katalogbuch zu den "Wunschbildern" umfasst 150 Seiten und enthält die Essenz meiner Forschungen. Doch die schönste Herausforderung bei der Ausstellung war das Hängen der Bilder. Wir haben ja nicht nur aus dem reichen Fundus unserer Galerie geschöpft, sondern zusätzlich 50 Leihgaben aus der ganzen Welt, etwa aus St. Petersburg, Paris, Versailles, Budapest, Brüssel, Graz, Wien, Berlin und Potsdam bekommen.

Sie haben die Wände des Gobelinsaales in einem leuchtenden Blau streichen lassen, während sonst stets ein majestätisches Rot die Räume bestimmt, und dann haben Sie mit einer sehr dichten, historisch anmutenden Hängung operiert. Wir sehen hier berühmte Werke von Bernardo Bellotto, Anton Raphael Mengs, Louis de Silvestre, Anton Graff, also von Malern, die in Dresden aktiv waren, aber auch von Giovanni Battista Tiepolo oder Antoine Pesne relativ dicht komponiert.

Ja, das Blau hat hier anfänglich so manchen irritiert, bis man merkte, dass es durchaus funktioniert. Bei der Hängung beginnt die Arbeit dann ins Vergnügen überzugehen, ich komme mir dabei vor wie ein Komponist, der ein Potpourri arrangiert. Diesen Aspekt meines Berufs werde ich im Ruhestand sicherlich vermissen.

Mit der Ausstellung und dem Katalog haben Sie nicht nur selbst ein Geschenk bekommen...

...ich habe den Dresdnern selbst auch ein Geschenk machen wollen. Das ist ja ein ganz spezielles Publikum, diese Bewohner von alten Residenzen, die mit der Geschichte ihrer Stadt leben. Man könnte 100 Berliner fragen, wer Eduard Gaertner ist, und wahrscheinlich wüsste keiner etwas von diesem Vedutenmaler. Aber fragte man genauso
viele Dresdner, wer Bernardo Bellotto genannt Canaletto ist, so wüssten es sicherlich 99 von ihnen! Das ist mir als geborenem Berliner sofort aufgefallen, als ich hierherkam, dieser verklärte und verträumte Blick auf die Stadt.

Harald Marx über die DDR und seinen Ruhestand

Wahrscheinlich war diese Art von romantischer Hingabe besonders zu DDR-Zeiten dringend nötig, um die Tristesse des Alltags zu überstehen. Die Beschäftigung mit alter Kunst hatte ja auch etwas Weltflüchtiges und
Subversives. Ihre Leidenschaft für französische Kunst konnte da gewiss auch als mentales Refugium gelten. Mittlerweile sind Sie sogar zum Offizier der Ehrenlegion Frankreichs erhoben worden. Aber war solche Frankophilie in den Augen der damaligen Ideologen nicht auch etwas Verdächtiges?


Es war damals nicht im Mindesten so verdächtig, wie sich für deutsche Kunst in München oder Düsseldorf zu interessieren. Ich habe die Sprache sehr gut gelernt, übrigens zuerst an der Volkshochschule, hörte französisches Radio und hatte französische Freunde. Man wusste dann schon weltweit: In Dresden sitzt ein Experte und Freund Frankreichs und hat mich auch gezielt aufgesucht.

Wie haben Sie dabei den eingeschränkten globalen Aktionsradius in Ostdeutschland empfunden? Das muss ja für einen ambitionierten Kunstgeschichtler eine Qual gewesen sein.

Hier funktionierten Dinge, die anderswo in der DDR, in Weimar oder Berlin, gar nicht möglich gewesen waren. Dresden hatte einen Sonderstatus. So schickte man uns mindestens einmal im Jahr auf eine
Kurierfahrt ins westliche Ausland – um Leihgaben zu begleiten. So reiste ich einmal nach Bordeaux, um Bernardo Strozzis "Gambenspielerin" abzuholen. Auf dem Hinweg habe ich in Paris Station gemacht, bin mit meinem Koffer vom Gare de L'Est zum Louvre gelaufen und habe geklingelt und gefragt, ob der Direktor Pierre Rosenberg zu sprechen wäre. Pierre hat mir dann Geld vorgestreckt, damit ich drei Tage in Paris bleiben konnte. Aber ich habe mich damals eben nicht als gleichberechtigter Partner fühlen können, sondern als einer aus dem Osten, dem man über die Runden helfen musste. Und man wusste ja auch nie, ob und wann man wieder reisen durfte. Einmal wurde ich für längere Zeit "aus dem Verkehr" gezogen, weil zu einem Vortrag, den ich in Paris hielt, soviele französische Kollegen und Bekannte kamen, dass die DDR-Offiziellen das als bedrohlich ansahen.

Sie haben in einem der zahlreichen Interviews der letzten Wochen einmal geäußert, Sie würden sich hüten, Ihrem Nachfolger gute Ratschläge zu geben. Was haben Sie damals von Ihrem Vorgänger mit auf den Weg bekommen?

Es war eine Vorgängerin: Annaliese Mayer-Meintschel. Von ihr habe ich gelernt, dass man als Chef eher beratend als anordnend agieren sollte. In diesem Sinne habe ich ich immer versucht, meine Mitarbeiter zur Selbständigkeit zu motivieren und nicht mit Anweisungen und Kontrollen zu arbeiten.

Nun gehen Sie in den Ruhestand, ohne dass für Ihren Posten ein Nachfolger gefunden wäre. In Dresden wird sogar gemunkelt, dass bei den Kunstsammlungen wieder einmal eine Museumszusammenlegung ins Haus stünde. Wie vor einigen Jahren Grünes Gewölbe und Rüstkammer in eine Hand gegeben wurden, wäre das ja auch für die Galerie Alte Meister und Kupferstichkabinett denkbar. Glauben Sie, dass einzelne Direktoren der Dresdner Spezialsammlungen ein Auslaufmodell sind?

Zum einen hat es bereits eine Ausschreibung für meine Stelle gegeben, die nur bislang ergebnislos verlief. Zum anderen hoffe ich nicht, dass das ein Auslaufmodell ist, denn es gibt so viele jüngere Kollegen, die diese Anforderungen mit ihren Kenntnissen sehr gut bewältigen würden. Man würde sich etwas vergeben, wenn man weiter
zentralisieren würde. Dafür sind die Dresdner Sammlungen einfach zu gigantisch. Wenn man den Charakter der Einzelsammlungen angemessen würdigen will, sollten sie ihre Selbständigkeit behalten. Die Gemäldegalerie hat einen solchen Rang, dass sie allein eine Stadt schon zur Kulturstadt machen würde.

Mit Ihrer Expertise und Ihren Aktivitäten in zwei Systemen sind Sie ja mittlerweile schon so etwas wie ein zeitgeschichtliches Monument geworden. Wie gehen Sie damit um?

Als ich als 24-jähriger Assistent hierherkam, war ich der Jüngste und habe mit Bewunderung auf meine Kollegen geblickt. Und irgendwann – man merkt diesen Übergang selbst nicht – stellte ich fest, dass die Leute still werden, wenn ich etwas erzähle. Man wird Gegenstand des historischen Interesses, ein Zeitzeuge, und das muss man erstmal verkraften.

Wie werden Sie jetzt Ihren Ruhestand verkraften?

Ich werde mich nicht zu Hause einschließen, sondern weiter im Kontakt zu meinen Kollegen arbeiten, vorzugsweise in der Bibliothek. Ich kenne Pensionäre, die wollen im Ruhestand das ultimative Werk verfassen. Ich möchte lieber in überschaubaren Einheiten arbeiten und mich im nachdienstlichen Dasein nicht von den selbstgewählten Aufgaben erdrücken lassen. Außerdem gibt es da noch den Traum von einer Cranach-Galerie im Zwinger. Dafür werde ich mich weiter einsetzen.

"Wunschbilder. Sehnsucht und Wirklichkeit."

Termin: bis 2. Juni, Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger, Dresden. Katalog: "Sehnsucht und Wirklichkeit. Wunschbilder. Malerei für Dresden im 18. Jahrhundert", Vorwort von Martin Roth, Hrsg. von Harald Marx für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2009, 520 S., 223 farb. Abb., 38 Euro bzw. 49,80 Euro im Buchhandel.
http://www.skd-dresden.de/de/ausstellungen/aktuell/Wunschbilder.html