Maike Cruse - Berlin

Eine Plattform für die jungen Galerien

Die Kunstmesse abc hat eine neue künstlerische Leiterin: Maike Cruse soll die Altlasten aufheben und Hoffnung auf eine frische Zukunft geben. Im Gespräch mit art betont sie, wie wichtig es ist, den Nachwuchs zu fördern, sowohl auf Künstler- als auch auf Galerienseite, und welche Neuerungen den Besucher erwarten.

Sie ist die neue Frontfrau der abc: Mit der künstlerischen Leiterin Maike Cruse, 38, verbinden sich die Hoffnungen, dass die als Ersatz für das abgeschaffte Artforum entwickelte, messeartige Verkaufsschau von ihren Kinderkrankheiten befreit wird. Tatsächlich bewegt sich Cruse als ehemalige Kommunikationsleiterin der Art Basel (2008 bis 2011) trittsicher in der internationalen Kunstwelt und kennt aus ihrer Zeit als Pressesprecherin der Kunst Werke und Mitinitiatorin der "Forgotten Bar" die Berliner Szene zu allen Tages- und Nachtzeiten.

Als Sie letztes Jahr zur künstlerischen Leiterin ernannt worden sind, erhielten Sie viele Vorschusslorbeeeren. Maike Cruse sei ein gutes Omen für die abc, hieß es. Wie begreifen Sie Ihre Rolle eigentlich? Sie agieren ja nicht als Kuratorin.

Ich bin so etwas wie eine Moderatorin zwischen den vielen Akteuren, die versucht, die abc inhaltlich weiterzuentwickeln und natürlich auch weiter zu professionalisieren. Wir haben eine sehr schmale, aber sehr engagiert und effektiv arbeitende Struktur mit einem geringen Budget. So wollen wir natürlich auch weitere Sponsoren gewinnen. Als Leiterin der abc bin ich gewissermaßen Mädchen für alles.

Welche Impulse soll die abc dem Kunststandort Berlin geben?

Natürlich vor allem Galeristen und Sammler zusammenzubringen. Darüber hinaus habe ich in Gesprächen im letzten halben Jahr gemerkt, dass wir eine ziemliche Verantwortung tragen und eine Plattform für die jüngeren Berliner Galerien bieten müssen. Weil das Gallery Weekend im Frühjahr mit jetzt 53 Galerien nicht weiter wachsen kann, wir aber bei der abc noch mehr von den jüngeren interessanten Galerien integrieren können.

Bislang war die abc von ihrem Galerienaufgebot her sehr berlinlastig. Wird es dieses Jahr internationaler?

Wir werden wieder um die 130 Einzelpositionen haben, also nicht weiter wachsen. Allerdings sind etwas mehr Galerien beteiligt, weil es wieder die Möglichkeit gibt, dass sich Galerien eine Arbeit, ein Projekt teilen. So zeigt zum Beispiel KOW aus Berlin zusammen mit der Londoner Lisson Gallery den Künstler Santiago Sierra. Solche Kooperationen freuen uns sehr. Es wird natürlich viel diskutiert, wie man das mit den Proportionen zwischen dem Lokalen und Internationalen hinbekommt. Etwa die Hälfte der Galerien bei der abc sind aus Berlin, aber wir sind auch sehr international ausgerichtet, die Teilnehmer kommen aus der ganzen Welt. Neben Lisson sind andere internationalen Galerien dabei: OMR und Proyectos Monclova aus Mexico City, Mendes Wood aus São Paulo, A Gentil Carioca aus Rio de Janeiro, Stevenson aus Südafrika, Carbon12 aus Dubai und Athr Gallery aus Saudi Arabien, Michel Rein aus Paris und The Modern Institute aus Glasgow.

Sie wirken 2013 erstmals aktiv an der Verkaufsschau abc mit. Wodurch unterscheidet sich die neue Ausgabe der abc von der letztjährigen?

Die abc hat sich letztes Jahr mit der Verabschiedung von einem kuratorischen Thema bereits weiterentwickelt – hin zu einem offenen Format, bei dem die eingeladenen Galerien selbst Vorschläge für ihre Präsentation machen können. Die Galerien wurden zudem in diesem Jahr sehr viel früher eingeladen, so dass sie mehr Zeit hatten zusammen mit ihren Künstlern etwas für die abc zu entwickeln: Es gibt etwa eigens konzipierte Arbeiten von Thea Djordjadze, Nina Canell, Mathew Hale oder Maria Eichhorn. Wir versuchen auch stärker, dass Galeristen diese offene und experimentelle Struktur der abc wirklich ausnutzen.

Was bedeutet das genau?

Es gibt Arbeiten, die weit entfernt von einer herkömmlichen Präsentation in einer Messesituation sind, sich über das Gelände bis zum Außenraum hin verteilen: darunter viel ortsspezifische, performative und zeitbasierte Kunst. Dies haben wir zu einem umfangreichen Programm zusammengeführt, welches sich über vier Tage hinweg quasi wie eine Extra-Schicht über die abc legt, so dass jede Stunde etwas passiert. Künstler werden zu ihren Arbeiten Performances, Talks, Musikpräsentationen, Book Signings hinzufügen, sie lieben das Format der abc und haben eine Menge besonderer Ideen. Die junge Schweizer Künstlerin Hannah Weinberger hat etwa Steine mit Sound geschaffen, die sich über die ganze abc verteilen werden. Für die Plattform im kostenlos zugänglichen Eingangsbereich haben wir zudem 15 internationale Projekträume eingeladen, eine Ausstellung auszurichten, die jeweils nur zwei Stunden dauert. Es wird sehr lebendig sein!

Letztes Jahr haben einige Galerien bei der abc ganz passabel verkauft, andere gar nicht. Wird das Sammler-Programm verstärkt? Der Manager und Galerist Michael Neff ist ja jetzt für die VIPs verantwortlich.

Es ist natürlich wichtig, dass man sich noch mehr um Sammler bemüht. Es ist ja kein Geheimnis, dass der hiesige Kunstmarkt als eher schwach gilt, auch wenn wir merken dass das Interesse gerade der deutschen Sammler hoch war. Michael Neff ist jetzt fest im Team, der uns durch seine zehnjährige Erfahrung beim Gallery Weekend in Berlin perfekt in der Betreuung der Gäste unterstützen kann. Wir laden die VIPs sehr viel früher ein als in den letzten Jahren. Wir bemühen uns bei der abc besonders um Nachwuchssammler, auch weil es ein Format ist, wo die Hemmschwelle nicht so groß ist, um auf Galeristen und Künstler zuzugehen – im Unterschied etwa zum Gallery Weekend, das relativ exklusiv ist und sich vor allem auf internationale Top-Sammler bezieht.

Was sagen Sie den zu Leuten, die immer noch der alten Kunstmesse, dem Artforum, hinterherweinen?

Das Artforum hatte seine durchaus guten Zeiten und machte sicher damals Sinn. Der Kunstmarkt verändert sich aber auch. Ich glaube, dass die abc ganz gut eine Lücke füllt und eine intelligente Antwort auf den hiesigen Kunstmarkt ist, weil sie eine sehr künstlerzentrierte Struktur hat und gut zu Berlin passt. Es ist sehr günstig für Galerien daran teilzunehmen, man zahlt 4000 Euro pro Position. Wir nennen uns allerdings nach wie vor aus zwei Gründen immer noch nicht "Messe". Einerseits, weil wir herausstreichen wollen, dass wir ein ganz anderes Format entwickelt haben, anderseits weil wir eine Privatinitiative von einigen sehr engagierten Berliner Galeristen sind, die zwar flexibel agieren, aber im Vergleich zu internationalen Messen keinen Investor oder eine Messegesellschaft im Hintergrund haben. Ich war von der Idee der abc von Beginn an begeistert.

abc – art berlin contemporary

19. bis 22. September,
Berlin
http://www.artberlincontemporary.com/