Temporäre Kunsthalle Berlin - Debatte

Berliner Box 2.0

Bisher machte die Temporäre Kunsthalle Berlin mehr mit Streitereien auf sich aufmerksam, als mit Kunst. Jetzt startet sie mit neuem Geschäftsführer, neuem Ausstellungskonzept und neuer Fassadengestaltung ins zweite Jahr. Doch eine Frage bleibt: Braucht Berlin überhaupt eine Kunsthalle?
Berliner Box 2.0:Temporäre Kunsthalle startet ins zweite Jahr

Mit dieser neuen Fassade von Bettina Pousttchi (Echo, 2009) möchte die Kunsthalle ins zweite Jahr starten

Die Garten-Metapher ist gut gewählt. Im jedem Garten gibt es Sonnen- und Schattenseiten, hier erblühen ein paar Pflänzchen, dort sind ein paar bereits verwelkt. "Scorpio’s Garden" heißt also die neue Ausstellung, die in der Temporären Kunsthalle Berlin am 24. September eröffnet wird, und den Garten-Titel will die dänische Künstlerin Kristine Roepstorff, die die Ausstellung kuratiert, ausdrücklich als eine Allegorie auf die Stadt Berlin verstehen. Dass Berlin einen guten Nährboden für die Kunst bietet, ist unbestritten, allerhand Großkünstler und Mauerblümchen, Galerien und Sammler wurden davon angelockt. Nun befruchten sie sich gegenseitig, überwuchern einander, kämpfen um Licht und Wasser.

Auf einem zentralen Sonnenkorridor, mittendrin auf der Touristenachse Unter den Linden – zwischen Alex und Brandenburger Tor – führte die temporäre Kunsthalle im vergangenen Jahr allerdings trotz knallweiß-blauer Fassade ein welkes Schlossplatz-Schattendasein. Die vier monografische Schauen – erst Candice Breitz, dann Simon Starling,
Katharina Grosse und nun noch bis zum 9. September Allora & Calzadilla – entfachten keine Unbedingt-Anschauen-Attraktivität, die Zuschauerzahlen waren mit bisher 70 000 eher mau. Und statt mit der Kunst, als deren Plattform sich die auf zwei Jahre angelegte und privat finanzierte Schachtel versteht, wühlten die Macher ihr Publikum vorwiegend mit Streitereien auf. Erst wurde die Mitbegründerin Constanze Kleiner entlassen, dann verlor die Temporäre Kunsthalle mit Thomas W. Eller ihren Geschäftsführer – und als der Stifter Dieter Rosenkranz öffentlich populärere Ausstellungen forderte, da trat auch der künstlerische Beirat geschlossen zurück. "Wir melden uns, wenn es etwas Neues gibt", war das Letzte, was man aus der Kunsthalle hörte, der Satz klingt wie: Lasst uns bloß in Ruhe.

"Managementaufgabe": Das Lieblingswort von Benjamin Anders

Nun also gibt es etwas zu vermelden; ein neuer Geschäftsführer, eine neue Ausstellung, eine neue Fassadengestaltung und ein irgendwie bekräftigter Anspruch, an diesem Ort größtmöglicher Öffentlichkeit sich nun nicht dem Populismus zu verschreiben. Zur Pressekonferenz bilanziert die kuratorische Managerin Angela Rosenberg erst einmal die Kunsthallen-Vergangenheit ("Wir waren am Nullpunkt") und der neue Geschäftsführer Benjamin Anders seinen Lebenslauf; "Managementaufgabe" ist dabei ganz offensichtlich sein Lieblingswort. Dass eine Kunsthalle aber mehr inhaltliche als organisatorische Probleme aufwirft, das zeigt eine kurze Ansprache von Volker Hassemer, der an diesem Morgen die Stiftung Zukunft Berlin vertritt und die Motive des Stifters Dieter Rosenkranz zu erklären versucht. Die "populäre Verniedlichung von Kunst" sei unproduktiv, deklamiert er, und der Rest der Verantwortlichen nickt dazu sanft. Kunst müsse eine Zumutung sein; zumindest in finanzieller Hinsicht ist sie das nicht – die Eintrittsgebühr zur Temporären Kunsthalle wurde neulich abgeschafft. Die kommenden Ausstellungen – vier bleiben noch – sollen allesamt Gruppenschauen werden, jeweils kuratiert von Künstlern. Den Anfang macht nun Kristine Roepsdorff, eingeladen hat sie 35 Berliner Mit-Künstler, darunter sind mit Elmgreen & Dragset, Isa Genzken, Monica Bonvicini oder Amelie von Wulffen wieder jene Berliner, die man zwar gerne aber nahezu in jeder Gruppenschau trifft. Ein Vorwurf, den man auch den bisher gezeigten Einzelschauen anlasten mag.

Die neue Fassade gestaltet Bettina Pousttchi

Trotzdem: Das Gruppenausstellungskonzept lässt hoffen, dass sich die Temporäre Kunsthalle so auf ihre Ausgangsschau im White Cube des mittlerweile abgerissenen Palast der Republik besinnt, die damals im Jahr 2005 Kunstbegeisterte elektrisierte. Noch heute schwärmen die Dabeigewesenen von "36x27x10", wie sonst nur von Harald-Szeemann-Ausstellungen. Mit einer aufgeklebten Fototapete versucht die Temporäre Kunsthalle nun auch äußerlich an diese Urszene zu erinnern. Fassadenkletterer bringen gerade die Fotoarbeit von Bettina Pousttchi auf der Außenhaut an – eine digital veränderte Fotovariante des abgerissenen Palasts der Republik mit dem Titel "Echo".

In den Nachwehen der Palast-Ausstellung waren sich noch alle Kulturschaffenden einig: Berlin braucht eine Kunsthalle! Heute, da Klaus Wowereit zum lautesten Lautsprecher dieser Forderung geworden ist und nach einem Jahr Ausstellungsbetrieb in der Kurzzeit-Kunsthalle, scheint dies gar nicht mehr so mehrheitsfähig zu sein. Das Argument, die Blüten, die der Berliner Kunstgarten so hervorbringt, würden nur in anderen Städten präsentiert, überzeugt nicht mehr: Gerade zeigen etwa die Kunst-Werke Ceal Floyer, bald eröffnet in der Neuen Nationalgalerie Thomas Demand seine Schau. Und Wowereits gerade in der ersten Sitzung des Kulturausschusses flammend verteidigtes Projekt einer Kunsthalle am Humboldthafen verdächtigen die einen als 30 Millionen teures Prestige-Anliegen des Bürgermeisters, die anderen als den Versuch, das Areal mit den Mitteln der Kunstpräsentation aufzuwerten. Die Temporäre Kunsthalle hat nun noch ein Jahr Zeit zu demonstrieren, dass eine dauerhafte Halle wirklich gebraucht wird. Der Boden ist gut, Sonne scheint auch.