Paul Rosenberg

Biographie

Versuch einer Annäherung
Paul Rosenberg, Anne Sinclairs Großvater, zeigt in New York dem Schriftsteller Somerset Maugham einen Renoir (© Familienarchiv Anne Sinclair)

VERSUCH EINER ANNÄHERUNG

Anne Sinclairs Buch "Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg" ist jetzt auch auf dem deutschen Markt erschienen: Der Galerist Rosenberg war ein konsequenter Förderer des Kubismus und Pablo Picasso in "bruderähnlicher" Freundschaft verbunden.
// DIANA GREINER

Der Name Sinclair dürfte nicht nur jenen bekannt sein, die die Affäre Strauss-Kahn vor zwei Jahren mitverfolgt haben. Anne Sinclair nämlich ist weit mehr als die (inzwischen Ex-) Frau jenes sexhungrigen Politikers. In den achtziger Jahren zur französischen Vorzeigejournalistin avanciert, moderierte sie politische Sendungen im Fernsehen, schrieb bis zur Festnahme ihres Mannes einen erfolgreichen Blog über Amerikas Politik und Gesellschaft aus Sicht einer Europäerin und leitet seit 2011 die französische Ausgabe der Nachrichtenwebsite "Huffington Post".

Ihre Begeisterung für Politik verdankt Sinclair ihrem Vater Joseph-Robert Schwartz (ab 1949 Sinclair), dem sie sich eng verbunden fühlte. Weniger Beachtung schenkte sie lange Zeit dagegen der Herkunft ihrer Mutter Nanette Rosenberg. Das ändert sich erst, als Sinclairs Status als französische Staatsbürgerin auf einmal in Frage gestellt wird und sie sich dadurch mit den Rosenbergs und deren Familiengeschichte konfrontiert sieht. Ihr nun auch in deutscher Übersetzung erschienenes Buch "Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine? – Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg" ist der Versuch einer persönlichen Annäherung an ihren weltweit bekannten und ihr selbst jedoch weitgehend unbekannten Großvater Paul Rosenberg.

Doch statt sich auf Hörensagen und die wenigen eigenen Erinnerungen an ihn zu verlassen, stützt sich Sinclair – ganz die Journalistin – auf zahlreiche Dokumente, Briefe, Archivmaterial und zeichnet so das Bild eines geschickten, oft mit sich selbst hadernden Kunstliebhabers im Banne seiner Zeit. In seiner Galerie bedient er den Geschmack des konservativen Publikums mit Werken von Monet oder Renoir, doch ist Paul Rosenbergs eigentliches Bestreben die neue Kunst, den Kubismus voranzubringen. Weil er nicht allein auf seinen Profit bedacht ist, sondern auch seinen Künstlern zu Geld und Ruhm verhilft, bringt ihm das Exklusivverträge mit Malern wie Matisse, Braque, Léger oder auch Picasso ein. Die Briefkorrespondenz zeugt von der "bruderähnlichen" Freundschaft, die sich zwischen Rosenberg und Picasso entwickelt, und die Anekdoten über die beiden zählen zu den gelungensten Passagen in Sinclairs Buch. So schreibt Rosenberg seinem Freund regelmäßig Briefe und Notizen, obgleich Picasso im Nachbarhaus wohnt und sich die beiden beinahe täglich zu einem Plausch an den neben einander liegenden Hoffenstern treffen. Rosenberg, der klassische Bourgeois, und Picasso, der Avantgardist, sind auch charakterlich ein ungleiches Paar, wie Sinclair treffend beschreibt: Der eine melancholisch und streng, der andere ein wahrer Lebemann.

Sinclair bringt dem Leser Rosenbergs Denk- und Handlungsweise ein Stück weit näher, am stärksten aber sind ihre Schilderungen der deutschen Besetzung Frankreichs, insbesondere die des großangelegten Kunstraubs, von dem auch Rosenberg als jüdischer Kunsthändler betroffen ist. Seine Flucht von Paris nach New York und sein unerbittlicher Kampf die Bilder, die er "liebt wie lebendige Wesen", nach dem Krieg zurückzugewinnen, verdeutlichen seine Hartnäckigkeit und gleichzeitige Räson. Doch genauso wie Rosenberg für Sinclair im Kern ein Fremder bleibt – er starb, als sie noch ein Kind war –, bleibt er es bis zum Ende auch für den Leser. Die Passagen, die am meisten über den Menschen Paul Rosenberg preisgeben, sind seine eigenen: "Mir scheint, sie wollen zu viel vom Leben", schreibt er dem an sich selbst und an seiner Kunst zweifelnden Braque. "Denn was ist das Leben? Eine Viertelstunde Glück, der Rest sind Sorgen, Leiden und Zweifel! Wollen Sie noch privilegierter sein, als Sie schon sind, wollen Sie die himmlische Gabe, etwas zu erschaffen, sich auszudrücken, ohne die Mühen, die damit verbunden sind? Jeder bezahlt für das, was er hat, mit dem, was er nicht hat."

Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine? – Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg

Anne Sinclair, Verlag Antje Kunstmann, Übersetzt von Barbara Heber-Schärer, Originaltitel "21 Rue La Boétie", Deutsche Ausgabe erschienen im Februar 2013, 208 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-88897-820-3

http://www.kunstmann.de

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