Doch erst heute erlebt diese Kunstrichtung eine ungeahnte Professionalität und Verfeinerung. Digitale Fototechnik und Internet geben den „Light-Writern“ ganz neue Möglichkeiten. Dank der Digitalkameras können die Lichtkünstler schon während ihrer nächtlichen Fotoshootings die Ergebnisse betrachten und beliebig oft wiederholen. Über das Internet lassen sich die Bilder dann schnell verteilen. So dient es als Kontaktbörse und Inspirationsquelle für andere Künstler.
Inzwischen sind TOFA und Nash dabei, eine Dschungelwelt in der Großstadt entstehen zu lassen. Schlingpflanzen und Tiere wachsen aus dem Gebüsch, im Hintergrund ragen Berlins Plattenbauten empor. Nash, der hauptsächlich für die Technik zuständig ist, dirigiert dabei immer wieder die Laufwege. „Weiter nach rechts! Weiter!“, ruft der zweifache Familienvater seinem Kollegen zu. TOFA erzählt, dass sie während ihrer Aktionen von Berliner Sicherheitsleuten sogar schon für Graffiti-Sprüher gehalten wurden. Sie durchsuchten die beiden Lichtkünstler nach Sprühdosen, doch alles, was sie finden konnten, waren Taschenlampen.
Auch die Gruppe PIPS:lab aus Holland kennet die Aufmerksamkeit der Berliner Polizei. Beinahe wären sie für ihre Arbeit festgenommen worden. Die sechs Künstler haben den Lumasolator erfunden, eine spezielle Maschine, die „Light-Writing“ in Echtzeit ermöglicht. Sie arbeiten nicht mit einer Foto-, sondern mit einer modifizierten Videokamera, welche die Bilder sofort auf einen Monitor überträgt. So lassen sich Videos drehen und die Künstler können sich noch während ihrer Aktion selber beobachten. Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe fand diese Technik so interessant, dass es dem PIPS:lab einen Lumasolator abkaufte.
Obwohl sie nicht mit solchen Entwicklungen aufwarten können, erntet die Kölner Gruppe Lichtfaktor im Internet seit kurzem großen Respekt für ihre „Light-Writing“-Videos. Dafür fotografieren sie jedes Bild einzeln und lassen sie dann wie eine Videosequenz ablaufen. In den Filmen nehmen kleine Lichtmännchen ihre menschlichen Freunde an die Hand und laufen durch nächtliche Städte. Mülleimer und Postkästen bekommen auf einmal Augen und Arme und fangen an, sich zu bewegen. „Vergleichbar mit Graffiti und Streetart wird die Stadt für uns zu einer Spielwiese,“ schreiben die drei jungen Männer von Lichtfaktor auf ihrer Website. Im Gegensatz dazu sei dies allerdings vollkommen legal, „da nur auf den Fotos und nicht vor Ort eine Spur hinterlassen wird.“ Und daher wird aus der Graffiti-Szene Kritik gegenüber der „Light-Writing“-Kunst laut. Zu bürgerlich und zu wenig zerstörerisch sei sie, kann man auf einschlägigen Internetseiten lesen.
Es ist jetzt kurz nach zwölf. Morgen früh muss Nash wieder um 6.30 raus. Dann ist der studierte Ingenieur wieder Manager. In einigen Wochen wird er für seine Firma nach Indien ziehen. „Ich flieg’ rüber und wir machen eine `Light-Writing´-Tour durch Indien,“ meint TOFA.
