Light-Writing
Licht-Kunst
SPURLOSE GRAFFITI
Wenn man Nash so sieht, wie er die Lampen in der Luft herumwirbelt, „ausflippt“ in der Nacht, dann mag man kaum glauben, dass auf seiner Visitenkarte „Manager“ steht, dass er tagsüber mitentwickelt an den S-Bahnen, die hier im Zehn-Minuten-Takt vorbeifahren. Für die Passagiere, die in diesem Moment einen Blick aus dem Fester werfen, muss das ganze Szenario wundersam anmuten. Blitzende, blinkende Lichter, die sich drehen, auf und ab, hin und her über dieses alte Brachgelände in Berlin Prenzlauer Berg. Ab und zu erleuchten sie die Bäume und verlassenen Häuser um den Platz. Mitten drin springen zwei Menschen herum.
„Natürlich sieht das für Außenstehende ziemlich komisch aus, wenn da jemand rumhampelt und andauernd seine Taschenlampe an- und ausmacht.“, sagt TOFA. Er trägt einen blauen Kapuzen-Pullover, der seine kurzen, blonden Haare bedeckt. Nash, 30, und TOFA, 33, die ihre richtigen Namen nicht preisgeben möchten, sind so genannte „Light-Writer“. Ausgestattet mit Kamera und Lampen produzieren sie Kunstwerke in nächtlichen Städten. „Es gibt mir die Möglichkeit legal zu arbeiten in einem Bereich, in dem sonst alles illegal abläuft.“, meint TOFA, der über das Graffiti-Sprühen zum „Light-Writing“ gefunden hat.
Seit einigen Jahren versuchen sich immer mehr Künstler, vornehmlich aus der Graffiti-Szene, an dieser Kunst. Bisher ist die Szene allerdings noch klein; man kennt sich persönlich. Der Trick: Die Kamera wird auf ein Stativ geschraubt und mit einer langen Belichtungszeit ausgelöst. Während dieser Zeit malen die Künstler mit den Lampen in der Luft. Das Ergebnis ist nachher nur auf dem Foto zu sehen. Es klingt zwar simpel, doch wer das „Light-Writing“ selbst ausprobiert, merkt schnell, wie schwer das präzise Arbeiten dabei ist. Keine Leinwand zeigt einem, welche Striche man wo gezeichnet hat. Umso erstaunlicher ist daher die Genauigkeit, mit der Künstler wie der Franzose Marko 93 arbeiten. Er erschafft seit 1999 mit Hilfe von Licht Kunstwerke aus japanischen und arabischen Schriftzeichen. Nach den Anfängen des „Light-Writings“ gefragt, verweist der 34-Jährige, der seinen bürgerlichen Namen auch nicht nennt, auf Pablo Picasso: „Er ließ sich schon Ende der 40er Jahre auf diese Art fotografieren.“
Immer wieder arbeiteten Künstler mit Lampen und Langzeitbelichtung. So ließ beispielsweise die Künstlerin Mary Kelly Anfang der Siebziger Jahre Frauen mit Lichtern auf ihren Brüsten und im Schambereich gegen die Miss-World-Wahlen demonstrieren, und fotografierte sie dabei. Mit ihrer Aktion „Flashing Nipples Remix“ erinnerte sie auf der Documenta 12 an den Protest vor mehr als 30 Jahren.
