Christian Boros
Berlin
AUFTRIEB IM KUNST-BUNKER
Letztes Wochenende lud Christian Boros zur exklusiven Vorbesichtigung in sein neues Privatmuseum im Berliner Bunker. Die internationale Kunstclique war begeistert. So atemberaubend wurde zeitgenössische Kunst selten präsentiert.
// UTE THON
Es war die Krönung – nicht nur glanzvolle Ergänzung einer eher spröden Berlin-Biennale. Es war der triumphale Höhepunkt eines durchgeknallten Sammlertraums: coole Gegenwartskunst im monströsen Nazibunker platzieren und als I-Tüpfelchen oben drauf noch den Barcelona-Pavillon setzen. Als sich Samstag abend bei leichtem Nieselregen die Schönen, Reichen und Mächtigen des Kunstbetriebs vor dem mächtigen Betonklotz in der Reinhardtstraße einfanden, sah man noch mürrische Gesichter. Viele waren es wohl nicht gewöhnt, brav Schlange stehen zu müssen, bis ein breitschultriger Türsteher ihnen nach eingehender Prüfung der Gästeliste endlich Einlass gewährte.
Und wer da alles warten musste: Sammlergrößen wie Celine und Heiner Bastian, Harald Falckenberg, Ingvild Goetz und Julia Stoschek, Kulturfunktionäre wie der scheidende Leiter der Freunde der Nationalgalerie Peter Raue und seine Nachfolgerin Christina Weiss, Verlegerin Angelika Taschen, TV-Star Alfred Biolek und FDP-Chef Guido Westerwelle. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit wurde mit seiner Entourage aber sofort reingewunken. Wer dann die magische Schwelle überschritten hatte, kam aus dem Staunen nicht mehr raus: Über den Köpfen schwang eine riesige Kirchenglocke, ohne einen Laut von sich zu geben; in einer Kammer glühte im Schwarzlicht eine neongelber Erntewagen (Anselm Reyle), in einem anderen Raum drehte sich ein riesiges Mobile (Olafur Elisasson), weiter oben verirrte man sich in einem Wald aus grellbunten Flechtlkunstwerken (Tobias Rehberger), die von der Decke baumelten oder erstarrte vor drei schwarzen Monolithen, die im 45-Grad-Winkel eine meterdicke Betonwand durchstoßen (Santiago Sierra).
Der Wuppertaler Werbeagenturchef Christian Boros und seine Frau Karen Lohmann sammeln hintergründige, raumgreifende Kunst von Künstlern wie John Bock, Sarah Lucas, Manfred Pernice, Monika Sosnowska und Rikrit Tiravanija. Und selten sah man deren Werke besser präsentiert als in den umgebauten Bunkerräumen. Was vielleicht kein Wunder ist, denn die Künstler haben ihre Werke höchstpersönlich installiert. Hinweisschilder mit Künstlernamen und Werktiteln fehlten ganz bewusst, was manchmal für Irritationen sorgte. Dafür gab es ein Heer liebenswürdiger, gut informierter Kunstwächter, die bereitwillig Auskunft gaben.
Neben der Kunst faszinierte natürlich auch die Architektur. Der Bunker in Berlin-Mitte wurde 1941 als Evakuierungsraum für den nahe gelegenen Bahnhof Friedrichstraße gebaut. Damals glaubten die Nazis noch fest an den Endsieg und wollten die Außenfläche nach Kriegsende schick mit Marmor verkleiden. Statt dessen diente er bis Kriegsende als Kriegsgefangenenlager und Schutzraum vor den Bomben. Zu DDR-Zeiten lagerten in den kühlen Gemäuern kostbare Südfrüchte aus Kuba. Nach der Wende zog erst ein Sadomaso-Fetisch-Club ein, später wummerten härteste Technobeats des Gabba-Clubs. Vor fünf Jahren kaufte Boros die Monster-Immobilie. Seine Architekten (Realarchitektur/Jens Casper), haben die rund 160 Kammern im Innern des Bunkers durch kluge Kärnerarbeit in 80 Kabinette verwandelt, in denen die einzelnen Arbeiten strahlen können. Immer wieder gibt es überraschende Durchblicke, Decken und Wände wurden in zeitraubender Sägearbeit herausgeschnitten und verblüffende Sichtachsen geschaffen.



