Gib mir Fünf!

Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor, die Sie nicht verpassen sollten. Diese Woche empfehlen wir Mortadellabilder, Klassenfotos und Rocko Schamoni
// STEFFI PARLOW, TIM HOLTHÖFER, ERIK STEIN, ANGELIKA KINDERMANN
Frankfurt: Wir sind die anderen

Wir haben es alle schon mal gemacht. Schließlich gehört das Gruppenbild zum Standardrepertoire jedes Amateurfotografen. Die Familie, die Clique, die Band, die Abteilung – alle sollen mit drauf! Auch Künstler machen keine Ausnahme beim Interesse für die Gruppe, wie die Ausstellung "Wir sind die anderen" belegt.

Für Andreas Gursky zum Beispiel kann die Menge kaum groß genug sein. In seinem Gruppenbild vom Börsenparkett in Singapur wimmelt es nur so von Händlern in roten, blauen und orangefarbenen Jacken. Die Gruppen, die Julian Germain fotografiert, sind nicht nur unterschiedlich groß, sie könnten auch sonst kaum verschiedener sein. Über die ganze Welt verstreut porträtiert der Brite Schulklassen: eine Englischklasse aus dem Jemen mit über 60 Mitgliedern, sieben Vorschüler aus Wales oder eine Klasse verschleierter Islamschülerinnen aus Nigeria. In einer Ausstellung zum Gruppenbild in der Kunstsammlung einer Bank darf natürlich auch das Künstlerduo Clegg & Guttmann nicht fehlen. Die in Berlin lebenden Künstler machten sich in den achtziger und neunziger Jahren nämlich mit großformatigen Porträts von Unternehmern und Bankern einen Namen.

DZ Bank Kunstsammlung: 16. August 2012 bis 27. Oktober 2012, Eröffung: 15. August 2012, 19 Uhr

Würzburg: Aufbruch – Malerei und realer Raum

Sie schlitzten die Bildfläche auf, sie schlugen Nägel in sie ein, sie verwandelten den flachen Malgrund in einen gewölbten Körper oder sie ließen einzelne Bildelemente aus dem Rahmengeviert herausragen: Um der Zweidimensionalität der Malerei zu entkommen und in den realen Raum vorzustoßen, haben Künstler verschiedene Techniken und Ideen ausprobiert. Eine große Überblicksschau im Würzburger Museum Kulturspeicher versammelt 80 Werke von "Klassikern" wie Günther Uecker, Gotthard Graubner, Günther Fruhtrunk und Lucio Fontana, aber auch Arbeiten von jüngeren, noch unbekannteren Malern, die sich aufgemacht haben, den Raum zu erobern.

Museum Kulturspeicher: noch bis zum 23. September

Köln: Gute Aussichten – Mustererkennung

"Gute Aussichten – Junge deutsche Fotografie" ist der aktuell wohl erfolgreichste Nachwuchswettbewerb für künstlerische Fotografie in Deutschland. Seit 2004 werden jedes Jahr junge Fotografen ausgezeichnet und in einer Wanderausstellung durch die ganze Republik geschickt. Das Kölner Museum für Angewandte Kunst präsentiert unter dem Titel "Mustererkennung" nun Arbeiten von zwölf ehemaligen Preisträgern. Hervorstechende Themen sind dabei das Verhältnis von Bild und Raum sowie die Rückkehr zur abstrakten Fotografie und Collage. So konstruiert Franziska Zacharias Modelle, die sie dann fotografiert. Die so entstandenen Bilder changieren zwischen abstrakter Struktur und konkretem Raum. Nicolas Wollnik kombiniert in "Constructures" Bergpanoramen mit architektonischen Konstruktionen und lässt Vorder- und Hintergrund, Landschaft und Architektur verschmelzen, und Sonja Kälberer dekoriert bewohnte Zimmer mit Planen, Papier und Kartons kurzzeitig zu geheimnisvollen, bühnenhaft wirkenden Räumen um. Die Kuratorin der Ausstellung, die Kunsthistorikerin Wibke von Bonin, stellte für die Ausstellung Arbeiten zusammen, die dem Anspruch gerecht werden sollen, auf der Suche nach dem Wesentlichen, auf Strukturen und Texturen, auf Flüchtigkeiten und Gefüge zu stoßen, die das menschliche Dasein prägen. Das klingt sehr theoretisch und ist etwas zu hoch gegriffen. Nichtsdestotrotz gibt die Auswahl einen interessanten Überblick, über aktuelle Debatten innerhalb der jungen künstlerischen Fotografie.

Museum für Angewandte Kunst: 17. August bis 14. Oktober 2012, Eröffnung: 17. August, 19 Uhr

Berlin: Christoph Hänsli – Mortadella

Ist sie das moderne Vanitasmotiv? Oder doch nur ein lebloser Lappen fürs schnelle Pausenbrot zwischendurch? Die Rede ist von Mortadella, der beliebten Wurst, von der für Kleinkinder auch gerne mal 'ne Scheibe umsonst über die Fleischtheke geht. Christoph Hänsli kann bis heute nicht genug von ihr bekommen. 332 einzelne Gemälde hat er angefertigt. Alle 164 Scheiben und zwei Zipfel einer mittelgroßen Mortadella – von jeder Scheibe je beide Seiten. Da nimmt Hänsli es genau. Nicht so sehr bei der Maltechnik, wo die fleischige Struktur schon mal im monochromen Farbauftrag verschwindet. Allen Wursttheken-Nostalgikern bietet sich am kommenden Freitag nun erstmals Gelegenheit, sich scheibchenweise an der schnörkellosen Schönheit aller 332 Motive zu erfreuen.

Galerie Nolan Judin: 18. August bis 13. Oktober 2012, Eröffnung: 17. August, 18 Uhr

Hamburg: Baltic Raw Org

Anlässlich des 15. Geburtstages der Galerie der Gegenwart in Hamburg fragt man sich wohl, was ein Haus für Gegenwartskunst in der heutigen Zeit erfüllen muss? Was klassische Präsentationsmodelle und Formate noch leisten können oder ob diese komplett durchdacht und aufgebrochen werden müssen. Da hat man sich in Hamburg den perfekten Geburtstagsgast auf das Plateau der Galerie eingeladen: Baltic Raw. Die im Jahre 2000 gegründete Gruppe aus Künstlern, Kulturwissenschaftlern, Dramaturgen, Musikern und Architekten agieren mit zeitgebundenen und temporären Eingriffen im öffentlichen Raum. Sie eignen sich den Stadtraum mit Raumeinheiten an, die sie gezielt für interdisziplinäre Arbeit nutzen und hinterfragen so die bestehende Kulturlandschaft. Im Zeitraum vom 18. August bis 30. September 2012 wird das "Open Museum" die Lücke zwischen der Galerie der Gegenwart und dem Gründungsbau der Kunsthalle schließen. Baltic Raw bespielt in Kollaboration mit Künstlern und Institutionen ein eigens gebautes Museum aus Holz. Die Liste der Gäste ist lang: Zum Einsatz kommen das Westwerk, der Kunstverein St. Pauli, Rocko Schamoni und viele mehr. Die Bandbreite reicht von Installationen, Konzerten, Gesprächen bis hin zum Kochen.

Hamburger Kunsthalle: 17. August bis 30. September 2012, Eröffnung: 17. August, 19 Uhr

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