Søren Grammel

Interview

Das ist Kunstverein
Der Direktor des Kölnischen Kunstvereins Søren Grammel (Foto: Kölnischer Kunstverein)

DAS IST KUNSTVEREIN

Søren Grammel ist seit Anfang 2012 Direktor des Kölnischen Kunstvereins. Nach der Debütausstellung „A wavy line is drawn across the middle of the original plans“ präsentiert er nun den medienübergreifend arbeitenden Künstler Bernd Krauß in einer Einzelausstellung. Mit art spricht er über den Kunstverein als Talentschmiede, die Rolle des Kurators und die Bedeutung von Politik in der Kunst.
// SABINE ELSA MÜLLER, KÖLN

Herr Grammel, Sie sprechen von der "Politizität" der Kunst, die Sie interessiert. Können Sie das näher erläutern?

Das war einfach ein Begriff, den ich dem Ausdruck “Politische Kunst” entgegen gesetzt habe. Kunst kann affirmativ oder destabilisierend sein. Aber sie muss dafür nicht auf der inhaltlichen Ebene – sozusagen der Ebene des "Motives" – politische Themen verhandeln.

Sondern es geht um die Verschiebungen innerhalb der Bezüge, Logiken und Ökonomien, die Kunst herstellt. Das war als Statement gegen die "inhaltistische" Tendenz gemeint, die viele Biennalen und vieles an Ausstellungspraxis der letzten zehn oder fünfzehn Jahre geprägt hat.

Was sind Ihre Wünsche zur Position des Kunstvereins in der Stadt und zur Rolle des Gebäudes, in dem der Kunstverein residiert.

Der Kunstverein muss ein spannender Ort für die Produktion und Ausstellung neuer Kunst sein – sowohl von Künstlerinnen und Künstlern gemacht, die in Köln leben, die in Deutschland leben oder auch ganz woanders leben oder herkommen. Aber die gemeinsam haben, dass sie sich im Koordinatensystem avancierter Gegenwartskunst bewegen. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist Kunstverein. Sich auf diese Arbeit zu konzentrieren ist derzeit aber extrem schwer. Durch das Brückegebäude und dessen Möglichkeiten bedingt, soll der Kunstverein zugleich als Mehrzweckhalle fungieren. Dafür fehlen ihm aber natürlich das Geld und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dabei wird übersehen, unter welch prekären Bedingungen hier bereits gearbeitet wird.

Wie wird es mit den 20 Atelierstipendien weitergehen?

Die Ateliers werden weiterhin mietfrei vergeben. Das war auch nicht in Frage gestellt. Da das Projekt aber von keiner Seite finanziert ist – und übrigens schon vor meiner Zeit nicht mehr finanziert war, genauer gesagt schon seit 2011 – teilen wir uns jetzt mit den Künstlerinnen und Künstlern in der Hahnenstraße die in der Nutzung anfallenden Nebenkosten für Heizung und Strom. Wie gesagt: teilen. Wir verdienen hier also nichts. Die Ateliers sind weiterhin mietfrei verfügbar und die Nebenkosten gering. Besser könnte man das Ganze natürlich machen, wenn eine Förderung da wäre.

Sie scheuen sich nicht, in der Eröffnungsrede auch die Beispiele der öffentlichen Hand zu nennen, die zur finanziellen Unterstützung nicht bereit waren. Sie produzieren keine aufwendigen Kataloge, sondern haben mit einem schlichten, schwarzweiß gedruckten Din-A5-Heft ein einheitliches Format geschaffen, das zu jeder Ausstellung als Begleitheft erscheint und jeweils für einen Euro verkauft wird. Müssen wir im Kunstbetrieb mehr über Geld reden?

Absolut. Zahlen sind aber nur eine Seite des Problems. Wir müssen auch über die Verantwortung von Politik sprechen. Der Stellenwert von Bildender Kunst für das Gemeinwesen wird überall relativiert, außer dort, wo große Events Standortfaktor versprechen. Alles andere wird – wie es, mein brillanter Kollege Nicolaus Schafhausen absolut treffend ausdrückt – als “linkes Hobby” verstanden. Er meinte das mal in Bezug auf die Situation in Holland. Aber wenn Sie sich die Situation der deutschen Kunstvereine anschauen, dann ist es hier ähnlich. Hier wurden die großen Kunstvereine bereits über Jahrzehnte bis an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht. Die Budgets wurden einfach nie erhöht. Allein die Preissteigerungen in diesen Zeiträumen bedingen enorme reale Kürzungen.

In Ihrer Debütausstellung "A wavy line is drawn across the middle of the original plans" fiel auf, dass Sie dem Besucher viel Achtsamkeit abverlangen. Sie setzen auf Fokussierung und minimale Verschiebungen. Ist das ein Mittel, der ungeheuren Komplexität unseres Lebens Herr zu werden?

Ich glaube ja eher, dass aktuelles Leben von den Leuten abverlangt, zu abstrahieren und Komplexität im Denken, Handeln und Wahrnehmen aufzugeben; eben um besser zu funktionieren. Deswegen halte ich eine Ausstellungs- und Kunstpraxis, die nicht immer nur “bold” ist, für wichtig – als etwas, das dem Status quo entgegengesetzt wird.

Auch bei Ihrer zweiten Ausstellung „Das ist heut möglich“ mit Bernd Krauß kommen vorwiegend sogenannte "arme Materialien" zum Einsatz. Andererseits taucht plötzlich ein Bronzeguss auf, wenn auch von einer verschrumpelten Avocado, dann spielt wieder das Handwerk eine Rolle. Eine Zurückführung zu den Wurzeln?

Es gibt viel Kunst, wo die Produktion delegiert wird. Das war in der Folge von Konzeptkunst mal eine wichtige und subversive Tendenz gegen Ökonomien, die sich um Authentizität, Handwerklichkeit und Individualismus gedreht haben – absolut notwendig und gut, diese Kategorien in Frage zu stellen. Mittlerweile finde ich es aber auch extrem wichtig (oder fand es schon immer), dass sich künstlerische Praxis eben auch durch den direkten Umgang mit Materialien, Verfahren und Methoden entwickelt. Aber ich würde nie das "zurück zu den Wurzeln" gebrauchen. Die Entwicklung geht immer weiter, aber verschiedene Dinge oder Ansätze haben zu verschiedenen Zeiten ihre Bedeutung. Die verschrumpelte Avocado, die Sie angesprochen haben, hat Bernd Krauß ja auch nur deshalb in Bronze gegossen, weil es eben eine verschrumpelte Avocado war: also etwas, das außerhalb seines figurativen Einflusses einfach so passiert ist und dem er aber mit seiner Geste trotzdem eine Wichtigkeit zuschreibt. Er dokumentiert den Prozess, den die Avocado durchlaufen hat. Aber er stellt keine eigenen handwerklichen Fähigkeiten damit aus.

Bei Bernd Krauß heben Sie die Thematisierung der emotionalen Beziehung zu den Dingen wie auch zum Publikum hervor. Sehen Sie hier Verbindungen zur gesellschaftlichen Entwicklung?

Überhaupt nicht: Krauß arbeitet ja wirklich mit allem, was er irgendwie findet. Er verwertet Dinge, die andere völlig wertlos finden, Dinge, die er häufig auf der Straße oder bei anderen Leuten als ausrangiert vorfindet. Und gesellschaftlich herrscht ja eher ein Klima des Wegwerfens. Wie lange hat man heute ein Smartphone bis man das nächste kauft? Wie lange benutzt man einen Computer? Wie lange erinnert man sich an eine bescheuerte Schlagzeile. Bernd Krauß arbeitet mit diesen Dingen weiter und handelt in allem total anachronistisch. Und es ist ihm auch völlig egal, ob diese Sachen anderen Leuten gefallen.

Andererseits lassen sich Bernd Krauß´ Strategien als demonstative Verweigerungshaltung gegen die Zwänge einer standardisierten Künstlerkarriere interpretieren. Stehen die Künstler zu stark unter Erfolgsdruck?

Das Problem ist, dass man als Künstlerin und Künstler erfolgreich sein muss, um überhaupt davon leben zu können. Es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, die, obwohl Sie auf einer institutionellen Ebene ganz gut vertreten sind, trotzdem nicht mal richtig von ihrer Arbeit leben können und parallel noch unterrichten oder alle möglichen Jobs machen müssen. Aber es ist nach wie vor wichtig, eben nicht nur in Normen wie "Erfolg" zu denken. Sondern sich den Bedingungen von Erfolg auch zu widersetzen oder etwas als Erfolg für sich zu bewerten, ohne dass diese Sichtweise öffentlich geteilt wird. Hilary Lloyd erzählte mir neulich, dass sie am glücklichsten ist, wenn es ihr gelingt eine Arbeit zu machen, die wirklich niemandem gefällt. Ok. Aber das ist eben Hilary. Das muss man erstmal so hinkriegen.

Sie sehen den Kunstverein als Talentschmiede, die neben einem großen Ausstellungsraum und Öffentlichkeit auch die Realisierung von Projekten ermöglicht; große Arbeiten entstehen vor Ort, wie beispielsweise "Kinderfuß mit Scheiße drauf" in der Ausstellung von Bernd Krauß. Übernimmt der Kunstverein hier nicht die klassischen Aufgaben einer Galerie, wenn er so massiv in die Produktion eingreift?

Eigentlich nicht, weil die meisten Galerien ja gerade im Bereich der jüngeren Kunst gar nicht das Risiko umfassender Neuproduktion eingehen. Kunstvereine gehören zu den wichtigsten Produzenten und Ermöglichern neuer Arbeit. Was meinen Sie, wie viele mit Kunstvereinsgeldern neuproduzierte Arbeiten durch Galerien jedes Jahr privatwirtschaftlich umgesetzt werden? Schön ist es natürlich, wenn die Kunstvereine dann ihre ursprünglichen Produktionskosten zurückerhalten. Das ist aber nicht immer selbstverständlich.

Noch einmal: Wenn sich Kuratoren sehr früh "in die Biografien der Künstler einschalten", besteht da nicht die Gefahr, dass die Künstler wieder ihre Unabhängigkeit aufgeben; diesmal nicht aus kommerziellen Gründen, sondern zur Illustration des kuratorischen Diskurses?

Das kann man nicht verallgemeinern, sondern es hängt völlig von der Art und Weise ab, in welcher die jeweiligen KuratorInnen und KünstlerInnen ihr Verhältnis und ihre gegenseitige Verantwortlichkeit definieren. Schlecht ist immer, wenn jemand dem anderen sagen will, was gemacht werden soll. Aber das ist ja eigentlich fast schon archaisch und kommt so bestimmt auch kaum vor. In jedem Fall glaube ich aber nicht daran, dass junge Künstlerinnen und Künstler sich interessanter entwickeln, in dem man sie in Ruhe lässt und als unberührbar behandelt. Gerade die gegenseitige Auseinandersetzung über Arbeit, Kunst und Leben ist doch so wichtig in diesem wunderbar informellen Gebiet.

Wie sehen Ihre Pläne für das zukünftige Programm aus?

Gute Ausstellungen machen.

Bernd Krauß - Das ist heute möglich

Termin: bis 9. September, zur Ausstellung erscheint eine 48-seitige Publiaktion, 5 Euro; Ort: Kölnischer Kunstverein, Hahnenstraße 6, Köln

Søren Grammel, Kuratorengespräch zur Ausstellung von Bernd Krauß am 11. Juli 2012, 18 Uhr

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1 Leserkommentar vorhanden

Bildender Kunstler

16:58

22 / 07 / 12 // 

Grundeinkommen fur Kunstler statt Kuratoren

Es stimmt nicht, dass in freie Kunst investiert wird, weil das Geld nur an Kuratoren und andere Kulturmanager verschwendet wird und die Künstler stets wie kleine Kinder bevormundet und ausgebeutet werden. Als Bildender Künstler halte ich die Rolle des Kurators für überflüssig und sogar schädlich. Künstler brauchen überhaupt keine Kuratoren und keine Betreuer, sondern nur anständige Ausstellungsräume und ein anständiges regelmäßiges Grundeinkommen. Wie kommt es, dass Kuratoren und andere Betreuer vom Staat finanziert werden, obwohl sie gar nichts produzieren? Aber Künstler die ihr ganzes Geld und ihre Zeit investieren um Kunst zu produzieren, weder Geld noch Ausstellungsräume vom Staat bekommen. Es ist unzumutbar, dass sich Künstler mit allen ihren Ideen und persönlichen Daten bei irgend welchen Kuratoren anstellen müssen und schließlich Programme des Kurators umsetzen müssen, um überhaupt ausstellen zu dürfen. Die Künstler können doch ihre Werke selbst viel besser präsentieren als irgend ein Kurator und wenn nicht können die Künstler Fachleute beauftragen.

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