7. Berlin Biennale

Berlin

Bitte nicht mehr füttern!
Formerly curated by Artur Zmijewski – jetzt haben die Aktivisten das Kommando (Foto: Lea Dlugosch)

BITTE NICHT MEHR FÜTTERN!

Kurz vor dem offiziellen Ende der 7. Berlin Biennale haben ihre Kuratoren abgedankt und das Feld den Aktivisten überlassen. Die arbeiten jetzt gegen das Bild vom "Menschenzoo" – mit mäßigem Erfolg
// LEA DLUGOSCH, BERLIN

Um ein Uhr nachts werden die Türen von den Wachmännern verschlossen. Dann sind die Aktivisten im Erdgeschoss der KunstWerke Berlin auf sich gestellt, müssen niemandem mehr Rede und Antwort stehen und nichts mehr demonstrieren. Sie sind dann einfach eine internationale Gruppe von Campern in einem großen, leeren Gebäude in Berlin Mitte. Bis zum nächsten Morgen, wenn die ersten öffentlichen Veranstaltungen stattfinden, können sie das tun, was ihnen tagsüber unter den neugierigen Blicken der Besuchergruppen nur schwer gelingt: aktiv sein. "Dann wird auch mal die Decke der großen Halle bemalt, obwohl das verboten ist", erklärt Rafael, ein deutscher Protestcamper der 7. Berlin Biennale. Abgesehen von der Neugestaltung der Decken aber hat die neue basisdemokratische Kuratorenschaft bisher kaum sichtbare Akzente gesetzt.

Nicht einmal zwei Wochen vor dem offiziellen Ende der Biennale, deren Kuratoren zuvor kaum ein Exempel für konzeptuelle Planung statuierten, haben die Protestcamper versucht, für eine kuratorische Wende zu sorgen. Sie beanspruchten die alleinige Weiterführung des Kunstevents als demokratisches Happening und verlangten die Absetzung von Haupt-Kurator Artur Zmijewski. Die Aktivisten hätten ihn und seine Kollegen "herausgefordert, in ihrem Konzept weiterzugehen und eine Situation zu ermöglichen, die dem von den KuratorInnen formulierten Anspruch gerecht wird, weder kuratiert, noch beaufsichtigt, noch bewertet zu werden", heißt es im Pressetext zur "basisdemokratischen Umgestaltung" der Biennale.

Grundlegend für die Horizontalisierung sei die Absicht, "die 7. Berlin Biennale mit ihrem Anspruch in Einklang zu bringen, Kunst vorzustellen, die tatsächlich wirksam ist, Realität beeinflusst und einen Raum öffnet, in dem Politik stattfinden kann". Das Zitat stammt von mittlerweile Ex-Kurator Zmijewski selbst, scheint also keinen Widerspruch zu seiner usprünglichen Idee zu bedeuten. Er beschreibt seine offizielle Demontage denn auch als "nicht einfachen, aber interessanten Prozess" der eine "neue Form der Institution KW" ermögliche. Die Bewegung habe sich endlich zu einer fordernden Gruppe entwickelt. Schade sei nur, dass nun nicht mehr genug Zeit bliebe um das Projekt zu Ende zu bringen.

Bei den abgehaltenen "Asambleas", den öffentlichen Hauptversammlungen der Protester in der großen Halle des KW, soll es um die Weiterentwicklung der Gruppe im Allgemeinen, Neuigkeiten von Occupy international und den Möglichkeiten eines Kunstcamps im Speziellen gehen. Tatsächlich werden dort in erster Linie Termine für weitere Treffen und organisatorische Fragen á la "Das Internet geht mal wieder nicht" geklärt. Auch müsse etwas gegen die vielen Diebstähle innerhalb der Gruppe getan werden, bemerkt eine ältere Frau in gebrochenem Englisch. "Horizontal ist nun mal schwieriger als vertikal" heißt es in der Diskussionsrunde immer wieder, meistens dann, wenn ein Thema erschöpft scheint oder gar nicht erst auf Interesse stößt. Viele Entwicklungen werden angesprochen, die wenigsten ausführlich diskutiert: Nordspanien, Mexiko, Griechenland, das Kotti-Camp gegen die Verdrängung von Migranten durch Gentrifizierung. Mehr als ein paar Minuten Zeit soll kein Vortragender in Anspruch nehmen. Mit Handzeichen wird ihm dann vermittelt, wo basisdemokratische Versammlungen an ihre Grenzen gelangen. Hände nach oben bedeutet Zustimmung, Hände nach unten Ablehnung, die Finger zum Dreieck heißt: Das gehört nicht hierher. Echter Austausch soll in den "Working Groups" stattfinden, die je nach aktuellem Anlass variieren. Zurzeit ist die Weiterführung der Horizontalität ein zentrales Thema und wird in der der "Continuity Group" besprochen, der auch Zmijewski angehört.

"Ich denke jeder hat in diesem Prozess etwas gelernt, die Kuratoren von uns und wir von den Kuratoren", erklärt Ana Palacin Lizarbe, eine Aktivistin aus Barcelona, die erst seit ein paar Wochen Teil des Biennale-Camps ist. Die Kunststudentin bietet im Camp Schablonenkurse für Protestbanner an und engagiert sich auch in der Continuity Group. Sie glaubt an den Erfolg des Protestlagers auf Zeit, bemerkt aber zugleich, dass echte Horizontalität mit einer renommierten Institution wie dem KW im Rücken nicht zu erreichen sei. Was also hat sich mit der Absetzung der Kuratoren für die diesjährige Biennale überhaupt geändert?

"Um wirklich zu zeigen, was gerade in der Welt passiert, musste sich etwas ändern, denn das hier ist kein Menschenzoo", argumentiert Palacin Lizarbe und spricht damit aus, was vielen Aktivisten im Kontakt mit den ein- und ausströmenden Besuchern nach wie vor bitter aufstoßen dürfte. Denn von einem echten Machtwechsel ist im Erdgeschoss der KunstWerke trotz ein paar neuer Plakaten und ein paar mehr Diskussionsrunden nichts zu spüren. Auch ohne Führungspersonen ist sind die Aktivisten immer noch Teil eines geplanten Kunstprojekts. Welche Rolle der ehemalige Kurator der Ausstellung spielt, der die Occupy Bewegung als soziales Experiment zu betrachten scheint, an dem er selbst teilnimmt, ist auch den geladenen Besetzern nicht klar. Das wird deutlich, wenn sie sich von ihm die Ausstellungsstücke im Obergeschoss des Gebäudes erklären lassen wollen, das sie selbst seit Wochen okkupieren.

So bleiben die Protestler auch nach ihrer basisdemokratischen Machtübernahme in der Rolle gefangen, die ihnen das kuratorische Konzept ihres abgesetzten Vorgesetzten aufoktroyiert. Sie gehören zum ausgestellten Teil eines Kunstprojekts – nach wie vor. Sich aus dieser menschenzooartigen Situation heraus zu lösen und tatsächlich als Besetzer und Protestler in Erscheinung zu treten, ist wohl nicht anders zu erreichen als über eine Besetzung der Halle über den Zeitraum der Ausstellung hinaus. Denn zu einer solchen hat sie kein Kurator "eingeladen".

7. Berlin Biennale

bis 1. Juli 2012 in den KunstWerken, Auguststraße 69, Berlin; Katalog: 25 Euro

http://www.berlinbiennale.de

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2 Leserkommentare vorhanden

Thierry Geoffroy/ Colonel

23:28

27 / 06 / 12 // 

Occupy @ documenta Kassel

. Thank you to give light on this issues I am notw experimenting strange developpment in Kassel the 6 June I install my art work ( yes i use tent ) , the 7 th came 2 chineses artists , the 8 th the police said it was ok to stay . then came occupy movement , one first and now about 20 but the 20 th june i have been removed by documenta and occupy can stay . will be interesting to understand the logic in protesting category why i am not " occupy enough " and what is the aesthetic thank you to help me here more http://www.emergencyrooms.org/dOCUMENTA\_erased\_artwork.html

thunderbird

13:48

20 / 07 / 12 // 

dahom is dahom

Nun, es ist ja auch zu schön gewesen in den KW - Dach über dem Kopf, geordnetes Chaos, selbstgekochtes Essen in der Sonne des Innenhofes, gebackene Waffeln und Luftballons und immer das Gefühl, das Richtige zu tun. Und viele Erwachsene, die das toll finden. Fast schon ein feeling wie beim Konfirmandenausflug auf der Schwäbischen Alb.

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