Marcel Duchamp

München



DUCHAMP IN MÜNCHEN

Es ist das Thema des Münchner Sommers – vor genau 100 Jahren verbrachte Marcel Duchamp einige Monate in der Stadt, nun gehen Künstler und Museen auf Spurensuche
// CORNELIA GOCKEL, MÜNCHEN

Was sich wirklich in den Sommermonaten in München im Jahr 1912 in der Wohnung in der Barerstraße 65 abgespielt hat, kann heute niemand mehr genau sagen. Die Quellenlage ist dünn, die Aussagen von Zeitzeugen widersprüchlich.

Doch der Künstler Rudolf Herz ist sich sicher: "In dieser Wohnung hat Marcel Duchamp gelebt, nachdem er in Paris künstlerisch und persönlich gescheitert war. Hier hat er sich vom Kubismus verabschiedet und den Kunstbegriff erweitert." Als Beweis für seine These zieht er die Kopie einer Zeitungsanzeige aus dem Wohnungsmarkt der "Münchner Neueste Nachrichten" von 1912, die er in einem Archiv entdeckt hat, sowie den polizeilichen Meldezettel und einen Plan der Wohnung aus seiner Tasche. "Das ist die Wiege der Konzeptkunst!", behauptet er stolz und deutet mit dem Finger auf den Grundriss.

Seit 1978 betreibt er eine künstlerische Recherche um den kurzen München-Aufenthalt des französischen Konzeptkünstlers. Dabei ist er auf die Wohnung des Ehepaares Gress in der Barerstraße 65 gestoßen, einer Schneiderin und eines Ingenieurs. Sie sollen Duchamp ein zehn Quadratmeter großes, möbliertes Zimmer zur Untermiete überlassen haben, in dem er während seines Münchenaufenthalts gelebt und gearbeitet hat. "Meine These ist, dass es eine enge familiäre Anbindung an das Ehepaar Gress gegeben hat. Denn in Duchamps Werk tauchen später Elemente von technischen Zeichnungen, Nähmaschinen, Fäden und Nähten auf," erklärt Rudolf Herz: "Doch in der Duchamp-Forschung hat bisher noch niemand das Leben in der Wohnung zum Thema gemacht."

Anlässlich des 100. Jahrestages von Duchamps Aufenthalt in München hat er die Wohnung in der Barerstraße in Originalgröße in Stahlbeton nachgießen und um 90 Grad gekippt als ein Denkmal auf Zeit auf der Wiese vor der Alten Pinakothek errichten lassen. Die monumentale, rohbelassene Betonskulptur erinnert an eine Ruine im Rohbau, wie sie einem zuweilen in südeuropäischen Ländern an Ausfallstraßen begegnen und wirkt im Kunstareal, Münchens "guter Stube" wie ein Fremdkörper. Die Realisierung dieser Großskulptur, die von einem umfangreichen Katalog begleitet wird, ist durch das Engagement von Armin Zweite, dem Direktor des Museum Brandhorst zustande gekommen. Er hat Winfried Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums, das in der angrenzenden Pinakothek der Moderne beheimatet ist, mit ins Boot geholt. Die Planung und Realisierung der Wohnungsskulptur besorgte der Architekt Peter Ottmann.

Duchamp hat im Nachhinein behauptet, in München in einem Hotelzimmer gelebt und mit niemand gesprochen zu haben. Das ist auch die Lesart, welche das Lenbachhaus mit ihrer Ausstellung "Marcel Duchamp 1912" favorisiert, die noch bis 15. Juli mit einem eigenen Katalog und zentralen Werken des Künstlers im Kunstbau zu sehen ist. "Das hat er gemacht, um seine Spuren zu verwischen," widerspricht Rudolf Herz vehement. Aber warum sollte er das getan haben? Was sollte die ganze Geheimnistuerei um seinen Münchenaufenthalt? Auch dafür hat Herz eine Antwort parat. Denn bei seinen Recherchen fand er heraus, dass die Schneiderin Theresa Gress neun Monate später einen Sohn zur Welt brachte, der jedoch schon kurze Zeit später starb. Ob es sich dabei um ein uneheliches Kind von Duchamp handeln könnte, ist nicht belegt, sondern einer der Mythen, die sich um das Leben des Konzeptkünstlers ranken. "Die Wohnung ist eine Bühne," sagt Rudolf Herz dazu lächelnd: "Was darauf gespielt wird, bleibt der Imagination des Betrachters überlassen."

Marcel Duchamp – Le mystère de Munich

22.6.-30.9.2012

Zu Marcel Duchamps München-Aufenthalt findet am 28. Juni ein Symposium im Ernst von Siemens Auditorium in der Pinakothek der Moderne statt, das von der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und dem Architekturmuseum der TU München in Zusammenarbeit mit der Udo und Anette Brandhorst Stiftung organisiert wird.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo