Spencer Tunick

München

Neuer Kontext für nackte Deutsche
Spencer Tunick (angezogen) inmitten seiner Statisten auf dem Max-Joseph-Platz, Installation am 23. Juni 2012 (© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

NEUER KONTEXT FÜR NACKTE DEUTSCHE

Amerikanischer Künstler fotografiert 1700 Nackte in der Münchner Innenstadt.
// CORNELIA GOCKEL, MÜNCHEN

Was treibt Menschen, sich in den frühen Morgenstunden bei kühlen Temperaturen zu entkleiden und mit hunderten von anderen mitten in der Stadt nackt für ein Foto zu posieren? "Das Erlebnis in der Masse, Teil eines Kunstwerks zu sein, die Herausforderung, selbst über sich hinauszuwachsen", waren die Kommentare der Teilnehmer.

1700 Menschen sind am letzten Samstag dem Aufruf des amerikanischen Künstlers Spencer Tunick gefolgt und haben sich an seiner Fotoperformance im öffentlichen Raum in München beteiligt. Dabei gab es nicht einmal Geld für den vollen Körpereinsatz, nur ein signiertes Erinnerungsfoto der Aktion vom Künstler.

Die Bayerische Staatsoper hatte Tunick anlässlich der Münchner Opernfestspiele eingeladen, die Neuinszenierung von Wagners Ring in seinen Bildern zu interpretierten. "Die kraftvollen, poetischen, manchmal brutalen Körperwelten, mit denen Andreas Kriegenburg seinen Ring erzählt, sind Spencer Tunicks Installationen aus Körpern im öffentlichen Raum auf verblüffende Weise ähnlich," begründete Staatsintendant Nikolaus Bachler die Entscheidung. Der US-amerikanische Künstler ist bekannt für seine fotografischen Inszenierungen mit nackten Menschen. Mehr als 75 Aktionen hat er seit 1994 schon weltweit im öffentlichen Raum durchgeführt. Etwas bemüht war die vermeintliche Münchner Premiere. Zum ersten Mal fotografiere Tunick angemalte Nackte "im urbanen Umfeld" hatte die Staatsoper im Vorfeld mitgeteilt. Denn schon 2010 hatte er im englischen Herefordshire entblößte Menschen mit Bodypainting abgelichtet, allerdings auf einer Wiese.

In München wählte Tunick drei Plätze in der Innenstadt für seine Inszenierung. Da er Körpermakeup für die Teilnehmer einsetzte, bedeutete dies eine besondere logistische Herausforderung für ihn und seine Helfer. Von einer hohen Leiter aus dirigierte er mit einem Megaphon die rot und gold bemalten Menschen vor dem Siegestor und der Feldherrnhalle. Trotz der morgendlich frischen 13 Grad war die Stimmung gut, auch wenn zwischendrin Protestgeschrei ertönte, als sich die Teilnehmer auch noch auf den kalten Steinboden legen sollten.

Als letztes Bild formten die Menschen einen Ring um das Denkmal von Max Joseph vor der Oper. Hoch oben von einem Hubwagen aus dirigierte Tunick die Massen. Passend zum Finale fielen dann auch noch die ersten Sonnenstrahlen auf den Platz und ließen die roten und goldenen Körper leuchten. Mit brandendem Applaus bedankten sich die Teilnehmer zum Schluss bei Spencer Tunick. Viele seien von weit her angereist, so auch aus England und Israel, erzählte der Künstler in seinem Abschlussstatement: "Es ist eine großartige Chance, den nackten Körper in Deutschland in einen neuen Kontext zu stellen und den Menschen Leben und Liebe bewusst zu machen."

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