Gib mir Fünf!

Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche
Videostill von Cao Fei, die "Cosplayers" porträtiert (Foto: Courtesy Vitamin Creative Space )

DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor. Diesmal: die Jugend von heute, von spitzen Formen bedrohte Besucher, eines der wichtigsten deutschen Fotografiefestivals, Schmuck aus Zellophan und "Sprache und Bild"
// KATHARINA SIEGEL
Wien: Megacool 4.0. Kunst und Jugend

Bunt abfotografierte Punks in den Komplementärfarben Rot und Grün auf einem Dach vor strahlend blauem Himmel, zu HipHop tanzende schwarze Mädchen aus Atlanta auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie oder die Zeichnung zweier ganz normaler Mädchen, die gerade, so der Titel des Werks, "50 Jägermeister in 15 Minuten" getrunken haben.

All das ist die Jugend von heute, die im k/haus Wien derzeit durch Fotografien, interaktive Installationen, Videoarbeiten, Malereien, Street-Art und Skulpturen thematisiert wird. Die Ausstellung konfrontiert uns mit Bildern wie aus dem täglichen Leben. Dabei sind die "Jugend-Typen" mal mehr und mal weniger inszeniert: Den "Keven" aus Moabit, der zum Zeichen seiner Milieuzugehörigkeit ein Moabit-T-Shirt trägt, gibt es tatsächlich. Bei den Madonna-, Oasis-, oder Sex-Pistols-Reihen nahmen Jugendliche dagegen die Rolle des jeweiligen Popstars ein. Der Grad des Dokumentarischen schwankt also von Künstler zu Künstler. Doch willkürlich sind die dargestellten Typen nicht. Sie beruhen auf jahrelangen Forschungen zur jugendkulturellen Szene, welche die Kuratorin der Ausstellung, Birgit Richert, an der Frankfurter Universität vornahm. Zum Beispiel startete sie eine Umfrage für Jugendliche zum Thema "Was bin ich?" Die Werke stammen von rund 70 zeitgenössischen Künstlern und Künstlergruppen aus ganz Europa, China und den USA. Mit dabei sind etwa Erwin Olaf, der Vermeer-Preisträger 2011 und die bekannte Porträtistin Rinneke Dijkstra.

Die Ausstellung ist vom 15. Juni bis zum 7. Oktober 2012 im Künstlerhaus k/haus Wien zu sehen.

Hamburg: Florian Baudrexel

Erst verlassen, dann beengt – so könnten sich Besucher der Einzelausstellung Florian Baudrexels fühlen. Der Künstler trennte das Erdgeschoss des Hamburger Kunstvereins in zwei ungefähr gleichgroße Bereiche mit unterschiedlichen Raumkonzepten und machte so die 200 Quadratmeter zum Kunstwerk. Erst durchqueren die Besucher einen rein weißen Raum. Dieser Innenraum ist scheinbar nichts weiter als das, was ein Raum üblicherweise ist: ein Behälter für wichtigeres. Und die Besucher wundern sich, was es hier eigentlich zu besichtigen gibt. Nur die zwei nach außen weichenden Schrägen sind merkwürdig. In ihnen befinden sich schlichte Öffnungen, deren unterste der Eingang in den zweiten Raum, einen Innenraum des ersten ist. Dieser zweite Bereich ist als Gegenteil des ersten konzipiert. Denn die Wände sind nicht mehr nur Hülle, sondern gleichzeitig Skulpturen, die sich im Raum befinden. Von allen vier Seiten ragen abstrakte, spitze oder halbrunde, braune oder weiße Formen aus Karton auf die Besucher zu. Baudrexel spielt mit der Raumwahrnehmung der Besucher: Im ersten Raum wägen sie sich in Sicherheit, im zweiten weichen sie unmittelbar zurück.

Die Ausstellung ist vom 23. Juni bis zum 2. September 2012 im Hamburger Kunstverein zu sehen.

Leipzig: f/stop 2012. The History of Now. 5. Festival für Fotografie Leipzig

Ägypten 2011. Nach drei Jahrzehnten unter Hosni Mubaraks Diktatur entschließt sich das ägyptische Volk, notfalls sein Leben für die Freiheit zu geben. Mitten unter den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz befindet sich der Fotograf Ivor Prickett, der in seiner Serie "Days of Anger" ("Tage des Zorns") vom 28. Januar bis zum 12. Februar 2011 den arabischen Frühling in Kairo dokumentierte. Seine Bilder zeigen etwa Anti-Regierungs-Demonstranten, die von dem Dach eines verlassenen Hauses aus Steine auf Mubaraks Anhänger werfen. Sie geben Zeugnis ab von einem Stück jüngster Vergangenheit. Das Dokumentarische kann heute aber auch andere Formen annehmen. Korpys und Löffler schneiden in ihrem Kunstfilm "Stadt von morgen" (2007) einen 1957 entstandenen Film, der den Abriss der Ruinen im zerstörten Berliner Hansaviertel zeigt, mit zeitgenössischen Szenen zusammen, in denen sie einen Baumstamm durch das Viertel tragen, mit dem sie Designobjekte der 50er und 60er-Jahre zerstört haben. All das sind Fragestellungen der f/stop 2012, die zu den wichtigsten deutschen Fotografie-Festivals zählt. Im Kern thematisieren die Ausstellungen, Talks, Lectures, Führungen, Filme und Workshops die heutige fotografische Berichterstattung.

Die Ausstellung ist vom 23. Juni bis zum 1. Juli 2012 in der Baumwollspinnerei und weiteren Stationen in Leipzig zu sehen.

Berlin: Karla Black

Fast kann man die mit Klebeband fixierte Zellophan-Schleife an der Decke des Schinkel Pavillons knistern hören. Das abstrakte Gebilde funkelt im Licht. Bunte Perlen aus Nagellack und Farbe am Saum lassen es kostbar wirken. Doch als Exponat darf "For Another Purpose" zwar umgangen, aber nicht berührt werden. Mit derartigen Bedürfnissen der Betrachter spielt Karla Black. Dabei bezieht sie immer die jeweilige Ausstellungssituation mit ein: Der Schinkel Pavillon ist rundum verglast. Material wie Zellophan glitzert dadurch besonders verführerisch im Licht und in der Art, wie die schottische Künstlerin es verarbeitet, wirkt es wie ein abstraktes Schmuckstück in einer großen Glasvitrine.

Die Ausstellung ist vom 23. Juni bis zum 5. August 2012 im Schinkel Pavillon zu sehen.

Bremen: Beyond Words

Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl – so könnte man das Kunstwerk "One and three chairs" des amerikanischen Konzeptkünstlers Joseph Kosuths beschreiben. Das Werk zeigt einen realen Stuhl, dessen fotografisches Abbild und seine schriftliche Beschreibung: Dreimal derselbe Stuhl in unterschiedlicher Ausprägung. Wie die Ausstellung "Beyond Words" zeigt, beschäftigt sich auch jüngere Kunst gerne mit dem Wechselverhältnis zwischen Wort und Bild. So baut der französische Künstler Saâdane Afif aus Karton und Plexiglas auf einem grau gestrichenen Holzsockel seinen eigenen weißen Kasten-Turm zu Babel und referiert damit auf den biblischen Text. Die Künstlerin Kajsa Dahlberg verarbeitet dagegen gelb gebundene Bücher zu einer Installation, indem sie diese auf einem Wandregal verteilt. Sie benennt die Arbeit durch mehrere deutsche Übersetzungsvarianten von "A Room of One's Own" ("Ein Zimmer für sich allein"), dem Titel des berühmten Essays von Virginia Woolf. Ob zerredet oder frisch analysiert – was über ein Bild gesagt wird, kann den Blick des Betrachters beeinflussen. Auch umgekehrt rufen Worte innere Bilder hervor, welche Künstler gern visualisieren. Das Sagbare und das Sichtbare können sich dabei einander angleichen, werden aber niemals eins. Diese Phänomene untersucht die Ausstellung "Beyond Words".

Die Ausstellung ist vom 23. Juni bis zum 2. September 2012 in der GAK (Gesellschaft für Aktuelle Kunst) Bremen zu sehen.

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