Adam Lindemann

Art Basel

Der Club der Sammler
Kunstsammler und Milliardärs-Sohn Adam Lindemann (Foto: Peter Gregoire/Courtesy Venus over Manhattan)

DER CLUB DER SAMMLER

Adam Lindemanns Aufruf zum Boykott der Messe Art Basel Miami Beach, die er als aufgeblasenen Party-Event mit mittelklassiger Kunst abtat, schlug Wellen in der Kunstwelt. Umso überraschender war es, dass Sammler Lindemann mit ”Venus Over Manhattan“ seine eigene Galerie auf der Upper East Side im gleichen Haus mit Larry Gagosian eröffnete. ART sprach mit Lindemann über junge Künstler, Kunst-Shopping-Malls, den internationalen Messebetrieb und Art Basel.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Bekannt wurde Adam Lindemann 2006 mit seinem Buch ”Zeitgenössische Kunst sammeln“, in dem er einen Einblick in die geheimnisvolle Welt des Sammelns gewährte. Seit zwei Jahren schreibt der Milliardärs-Sohn seine Kunst-Kolumnen für den ”New Yorker Observer“. Zu Lindemanns Privatsammlung zählen Arbeiten von Andy Warhol, Urs Fischer, Jeff Koons, Takashi Murakami und Damian Hirst.

Er hat eine Vorliebe für testosterongesteuerte Macho-Kunst, gestand Lindemann in einer seiner Kolumnen. Ein Gespür für gute Geschäfte scheint er ebenfalls zu haben. Jeff Koons ”Hanging Heart“ kaufte Lindemann Gerüchten zufolge für vier Millionen Dollar von Gagosian, um mit der Arbeit zwei Jahre später in 2007 bei Sotheby's einen Rekord von 23 Millionen Dollar zu erzielen. Lindemann ist in zweiter Ehe mit der Kunsthändlerin Amalia Dayn verheiratet, die früher bei Gagosian arbeitete.

ART: Warum haben Sie sich dazu entschlossen unter die Kunsthändler zu gehen?

Adam Lindemann: Nach all den Jahren hatte ich das Gefühl, mich weiter bewegen zu müssen. Vor allem, weil so viele Leute sagen, dass ein Sammler kein Kunsthändler sein kann. Charles Saatchi macht es auf seine Weise, ebenso wie Damian Hirst. Richard Prince eröffnete einen Buchladen. Ich werde meinen eigenen Weg finden.

Aber Sie entschieden sich dagegen, mit Ihrer Galerie Künstler zu repräsentieren.

Ein befreundeter Galerist riet mir davon ab, weil mich sonst jeder hassen würde. Wir werden niemandem die Künstler wegnehmen. In dieser Position befinde ich mich gar nicht, bislang habe ich ja nicht einmal ein Büro. Aber wir laden Künstler zu Einzelausstellungen ein. Ich entschied mich mit dieser Gruppenshow zu einem eigenwilligen Start. Das Thema lehnt sich an den Roman ”Gegen den Strich“ von 1884 und die Romanfigur des exzentrischen Herzogs Jean Floressas des Esseintes mit seinem dekadenten Sammlergeschmack an. Wir haben durchaus Arbeiten verkauft. Womit ich gar nicht gerechnet hätte.

Haben Sie eine Ahnung, warum der New Yorker Kritiker Jerry Saltz so bissig auf Ihre Kolumnen anspringt? Er ernannte Sie zum Prinzen der ”One Percent”.

Dieser unglückliche Mann will einfach meinen Datenverkehr klauen. Als ich anfing, für den Observer zu schreiben, gab es dort keine Rubrik für Kunst. Ich verfügte über keine Plattform, sondern musste mir meine Leser selbst schaffen. Allein 20 000 Leute gingen auf meine private Website, um den Boykott-Aufruf zur Messe in Miami zu lesen. Anschließend schrieben dann alle darüber, dass Sie die Messe, die Sie so stark kritisiert hatten, dann doch besuchten.

Leute, die mir nahe stehen, sagten mir damals, dass ich im Anschluss an den Artikel nicht nach Miami kommen dürfte. Sogar meine Frau riet mir davon ab. Ich hielt meinen Artikel für spaßig, für eine Satire. Dass sich alle so darüber aufregten, zeigt wie konservativ die Kunstwelt ist.

Die ganze Aufregung um Ihre Person lenkte leider von Ihrer eigentlichen Kritik zum Messe-Rummel ab.

Weil ich auf Messen auf der ganzen Welt zu Gast bin, habe ich dieselben Arbeiten von Hongkong, zur Fiac in Paris, zur Frieze nach London und weiter reisen sehen. Die Galeristen sagen: So verdienen wir nun mal unser Geld. Wie kannst Du Dich darüber lustig machen? Ich kann nur entgegnen, dass es letztlich um die Kunst geht. Wohin führen wir die Kunst? Jeder ist daran beteiligt: die Kunsthändler, die Sammler, all die Party-Leute, die Künstler. Mir fällt immer wieder auf, dass Künstler mittelmäßige Arbeiten für Messen produzieren.

Aber die Messetrubel hat doch auch etwas Gutes. Immer mehr Leute sehen sich Kunst an.

Sicherlich wird heutzutage ein breiteres Publikum als jemals zuvor erreicht. Der Club der Sammler ist größer geworden. Aber es handelt sich nach wie vor um eine winzige Welt. Wir reden immer über all das Geld in der Kunst. Im Vergleich zu einem Unternehmen wie Facebook handelt es sich um eine kleine Pfütze. Sobald man eine Messe veranstaltet, kommt jeder in New York angereist, um ein Glas Champagner zu trinken. Wenn man wie ich eine Galerie eröffnet, muss man Werbung machen, um die Leute durch die Tür zu bewegen. Es ist Teil des Shopping-Mall-Phänomens von Amerika. All die kleinen Boutiquen verschwinden. Dafür wird bei einer Messe wie in einem Einkaufszentrum alles bequem unter einem Dach angeboten. Aber natürlich werde ich mit meiner neuen Galerie auch an Messen teilnehmen.

Werden Sie nach Miami gehen?

Wir werden uns zumindest bewerben. Auch wenn man uns ablehnt.

Sie bezeichneten Art Basel Miami Beach immerhin einmal als die zweitwichtigste Messe der Welt.

Das war 2005. Die einzig wichtige Messe ist Basel. Es werden sonst nicht mehr viele bedeutende, gute Arbeiten auf Messen angeboten.

Was raten Sie Leuten, die von Ihnen wissen wollen, ob es sich bei Kunst um eine gute Investitionsmöglichkeit handelt?

Im Vergleich zu anderen Luxusgütern handelt es sich um die beste Investition. Eine Yacht verliert an Wert. Ein Hotel bringt oftmals nicht genügend Geld ein. Ein Ferrari ist bereits am nächsten Tag weniger wert. Ein gutes Kunstwerk hingegen hält den Wert, den man bezahlt hat. Und in Zukunft mag er sogar steigen. Jedenfalls in der Theorie. Schließlich muss man in dem Moment, in dem man verkaufen will, einen Sammler finden, der die Arbeit noch mehr als man selbst besitzen will oder der über noch mehr Geld verfügt. Es ist ein bisschen wie mit einem Ferienhaus. Wenn Madonna das Haus kaufen will, kann man das Doppelte oder Dreifache veranschlagen. Doch ohne Madonna setzt eine andere Realität ein. Gerade um junge Künstler gibt es viel Spekulation. Bei der nächsten Ausstellung mögen die Preise um ein Dreifaches gestiegen sein. Aber das heißt nicht, dass man Arbeiten auch für so viel Geld verkaufen kann. Ich sollte das nicht so laut sagen. Schließlich bin ich ein früher Sammler von Urs Fischer und Dan Colen, bei dem es sich um einen talentierten jungen Künstler handelt. Doch ein Künstler dieses Alters kann keine Galerie bei Gagosian füllen, in der Richard Serra ausgestellt hat. Das gleiche gilt für Anselm Reyle.

Was treibt Sie weiter zum Sammeln an?

Ich habe das Gefühl, dass mich meine Sammlung vervollkommnet oder mich ermächtigt. Sie gibt mir diese Zufriedenheit, dass sich etwas unglaublich Einzigartiges und vielleicht Historisches in meinem Besitz befindet. Es handelt sich nicht um einen Druck. Das wahre Werk hängt in meinem Wohnzimmer. Es lässt mich privilegiert und besser als alles andere fühlen.

Besitzen Sie immer noch die Arbeit von Julian Schnabel, die Sie als junger Sammler gekauft haben? Weil sie mich an meine Ex-Frau erinnerte, habe ich sie verkauft. Ich ließ sie gehen. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern im Sinne einer emotionalen Reinigung.

Was können wir aus der Finanzkrise von 2007 lernen, als die Preise für Kunst kurzfristig absackten?

Wir dachten, dass die Party vorbei ist. Doch Ende 2009 fingen die Geschäfte wieder an zu laufen. Dass die Kunst diesen Moment überlebt hat, bedeutet, dass der Markt niemals wieder wie damals in den neunziger Jahren zusammenbrechen wird. Zwar mag es Jahre anstelle von Monaten dauern, um ein Werk zu verkaufen. Aber es wird nicht an Wert verlieren. Nehmen wir das Mobile von Alexander Calder, das im Mai für 18,6 Millionen Dollar bei den Auktionen in New York versteigert wurde. Der Schätzpreis lag bei acht Millionen. Die Arbeit war vor der Krise für 15 Millionen angeboten worden. Nun verkaufte sie sich für sogar noch mehr. Ob an einen Sammler aus dem Mittleren Osten, aus Russland, an ein Museum aus Indonesien oder an einen chinesischen Milliardär. Wenn man einen großartigen Calder besitzen will, gibt es nicht viele Gelegenheiten. Und das gleiche gilt für die besten Arbeiten von Damian Hirst oder Jeff Koons.

www.venusovermanhattan.com/

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