Ai Weiwei

Im Kino

Nicht Chinas einziger Kritiker
Regisseurin Alison Klayman war drei Jahre lang mit ihrer Kamera an der Seite von Ai Weiwei. Ergebnis ist der Film "Never Sorry". Bild: Filmstill aus der Dokumentation "Ai Weiwei: Never Sorry", 2012 (© dcm world)

NICHT CHINAS EINZIGER KRITIKER

Regisseurin Alison Klayman begleitete den chinesischen Künstler Ai Weiwei drei Jahre lang, bis kurz vor seiner Verhaftung im letzten Frühjahr, mit der Kamera in- und außerhalb Chinas. Passend zur Aufhebung der einjährigen Beschränkungen gegen Ai Weiwei durch die Regierung am 22. Juni kommt das Porträt nun in die Kinos. Zu kurz kommen andere Regierungskritiker und Helfer wie etwa Urs Meile oder der Sammler Uli Sigg.
// KITO NEDO, BERLIN

Fragt man chinesische Gäste derzeit nach Ihrem Landsmann Ai Weiwei, so erntet man leicht entnervtes Augenrollen. So neulich wieder geschehen in Berlin, anlässlich eines Abendessens mit jungen Journalisten aus Beijing und Shanghai: Die Chinesen berichten, dass beinahe jeder, den Sie bislang auf Ihrer mehrtägigen Deutschland-Reise getroffen hätten, sie auf Ai, den Sohn des berühmten und verehrten Dichters Ai Qing angesprochen hätte.

Diese Fixierung sei merkwürdig, denn Ai sei vielleicht der im Westen bekannteste, doch bei weitem nicht der einzige Kritiker der Regierung. Andere Kritiker stammten aus weniger prominenten Familien und hätten weniger oder keinerlei Verbindungen in den Westen. Auch jene gingen Risiken ein und kassierten hohe Strafen für Ihr Engagement. Dennoch, die deutsche Obsession will nur einen China-Dissidenten kennen: Ai Weiwei.

Insofern ist es wenig erstaunlich, wenn jetzt ein Berliner Verleih Mitte Juni die erste abendfüllende Ai-Dokumentation in die deutschen Kinos bringt. Am 22. Juni enden die einjährigen Beschränkungen, die die Regierung nach der fast dreimonatigen Verschleppung Ais angeordnet hatte. Nicht nur deswegen darf ein Film über Ai, der seit seiner documenta-Teilnahme vor sechs Jahren sowie seiner großen Retrospektive im Münchner Haus der Kunst 2009 hierzulande Kultstatus genießt, gerade jetzt Zuschauerinteresse erregen. "Never Sorry" heißt der Film der jungen amerikanischen Regisseurin Alison Klayman und verspricht "das Porträt einer der wichtigsten Persönlichkeiten des beginnenden 21. Jahrhunderts". Klayman begleitete den chinesischen Superkünstler drei Jahre lang, bis kurz vor seiner Verhaftung im letzten Frühjahr mit der Kamera in Beijing und folgte ihm unter anderen auf Reisen in die Sichuan-Provinz, nach München und London.

In 90 Minuten entfaltet sich vor dem Auge des Zuschauers das rastlose Leben eines global und lokal handelnden Kunstaktivisten zwischen Atelier, Flugplatz und Polizeistation: Es ist die Zeit, in der sich Ai und ein Team von Freiwilligen vor allem um die Aufklärung der Opferstatistik des Erdbebens von Sichuan im Mai 2008 gekümmert hatte. Die Naturkatastrophe tötete damals mindestens 69 000 Menschen und machte 5 Millionen Chinesen obdachlos. Ai fand heraus, dass viele Kinder starben, weil die Schulgebäude aufgrund von schlampiger Konstruktion und Baukorruption während des Bebens besonders schnell einstürzten. Die Behörden versuchten die Recherchen zu verhindern, bei einer Polizei-Attacke wurde der Künstler sosehr verletzt, dass er sich im September 2009 in München einer Operation am Kopf unterziehen musste.

So ist Ai, der aufrechte Aktivist und Kritiker, die zentrale Figur des Streifens: eine Facette des Chinesen, die in den letzten Monaten und Jahren fast alles andere in den Schatten treten ließ. Und genau da liegen die Defizite des Films: Klayman ist so geblendet von dieser dissidenten Lichtfigur, dass sie glatt vergisst, ein paar interessante Fragen zu stellen. Etwa die nach dem Erfolg im Kunstbetrieb. Schließlich ist Ai der erste internationale Superstar, der es in kürzester Zeit von der Peripherie nach ganz oben in das dunkle Herz des Zentrums geschafft hat. Bezeichnenderweise taucht also keiner von Ais Galeristen, wie etwa Urs Meile auf. Mit Uli Sigg, dem mächtigen Sammler, von dem manche behaupten, dass ohne seine Unterstützung Ai nie diesen Ziegeszug durch die Institutionen des internationalen Kunstbetriebs angetreten hätte, gibt es lediglich eine kleine Szene. Einseitig erscheint auch Ais Verhältnis zu den Behörden – sollte es tatsächlich wahr sein, dass die chinesischen Kommunisten sich 2008 ihr schickes Olympiastadion vom Staatsfeind Nr.1 entwerfen ließen? Spannend wäre auch die Frage nach seiner Sicht auf die chinesische Immobilienblase gewesen – schließlich steuerte er als Architekt mit "Ordos 100" ein eigenes Riesen-Projekt für die chinesisch-mongolische Geisterstadt "Ordos" bei.

Weil sich Klaymans Film ohne Not auf ein einseitiges Bild von Ai festlegt und seine Widersprüche ausblendet, bleibt das Bild des chinesischen Großkünstlers unvollständig. Mehr noch: In der Art wie sich diese Dokumentation in der moralischen Empörung bequem macht, erzählt sie wieder einmal mehr über den westlichen Blick als über die Verhältnisse von Kunst und Politik im heutigen China selbst.

Kommentieren Sie diesen Artikel

3 Leserkommentare vorhanden

Ernst Cornell

14:25

13 / 06 / 12 // 

Ai Weiwei ein Schweizer Markenprodukt

Ai Weiwei, der nur im Westen bekannte chinesische Gegenwartskünstler ist nur in Deutschland als Dissident bekannt, war laut eigenen Angaben kaum künstlerisch tätig, bis er 1995 Uli Sigg in Peking kennenlernte: http://www.nzz.ch/aktuell/international/ai-weiwei--kein-wirklicher-regimekritiker-1.10548627

Frisco

21:18

14 / 06 / 12 // 

Und der wird jetzt

so zum Politikum stilisiert, dass seine Kunst total in den Hintergrund gerät. Ich weiß ja gar nicht wirklich was der so macht und ob das gut ist. So wie bei Justin Bieber.

Frisco

21:19

14 / 06 / 12 // 

Oder:

Oh wai oh wai

Abo