William Turner

London

"Unangebrachtes Verscherbeln!"
Großbritannien besitzt viele Bilder von William Turner: Hier ein Blick in die Ausstellung "Turner inspired: In the Light of Claude" – in der Mitte ist Turners Gemälde "Keelmen Heaving in Coals by Night', 1835, zu sehen (Foto: EPA / Andy Rain / dpa )

"UNANGEBRACHTES VERSCHERBELN!"

Der britische Großsammler Charles Saatchi schlägt vor, die Tate solle Turner-Werke gegen neuere Kunst eintauschen
// HANS PIETSCH, LONDON

Die Briten sind stolz auf ihren Joseph Mallord William Turner (1775 bis 1851), den sie zu Recht für einen der größten Maler aller Zeiten halten. Dazu beschenkte der als "englischer Claude Lorrain" bekannte Romantiker sie auch mehr als großzügig: Alle Werke, die sich bei seinem Tod 1851 in seinem Atelier befanden, vermachte er testamentarisch der Nation. Das sind immerhin etwa 30 000 Aquarelle, Zeichnungen und Skizzenbücher sowie mehr als 300 Ölgemälde.

Dieser Schatz wird seitdem 19. Jahrhundert vom Londoner Museum Tate Britain verwaltet, das in den achtziger Jahren dafür einen eigenen Flügel anbauen ließ. Doch aus Platzmangel kann immer nur ein Bruchteil der Werke gezeigt werden, und obwohl das Institut gerne und oft verleiht, auch ins Ausland, fristet der Großteil der Sammlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein trostloses Dasein.

Meisterwerke im Tauschhandel

Hier nun hakt der britische Supersammler Charles Saatchi ein. In einem Artikel für den Guardian schreibt er, "Turner würde es heute sicher vorziehen, seine Werke auf bedeutende Museen auf der ganzen Welt verteilt zu sehen, als sie in Depots wegzustecken." Die Tate solle doch ihren Besitz mit Instituten in Paris, New York, Berlin, aber auch in Russland, Brasilien und China teilen. Saatchi geht sogar noch einen Schritt weiter. Er beklagt die klaffenden Lücken der großen britischen Sammlungen, was die Kunst des 20. Jahrhunderts angeht, und weiß auch gleich, wie diese zu füllen seien. "Einige unserer eingelagerten Turners könnten gegen Meisterwerke anderer Museen eingetauscht werden", so schreibt er. Sogar ein Verkauf ist für ihm nicht tabu.

Tate-Direktor Nicholas Serota schweigt sich bislang zu Saatchis ungewöhnlichen Vorschlägen aus. Doch Stephen Deuchar, Ex-Direktor des Tate und als solcher jahrelang für die Turner-Schenkung verantwortlich, wehrt sich energisch gegen "das unangebrachte Verscherbeln unserer nationalen Sammlungen an ausländische Käufer, um modischere Ankäufe zu finanzieren", wie er in einer Entgegnung schreibt und er fügt hinzu: "Wir sind ziemlich reich, was die moderne und zeitgenössische britische Kunst angeht." Das darf man getrost als Seitenhieb verstehen auf Saatchis Bemühen, seine eigene Sammlung zeitgenössischer britischer Kunst einem öffentlichen Museum zu übergeben.

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