Stephan Balkenhol

Documenta-Streit

Einhandsegler gegen Tanker
Der Bildhauer Stephan Balkenhol arbeitet am 25.04.2012 in seinen Atelier an einer Skulptur für die Turmspitze der Elisabeth-Kirche in Kassel (Foto: Uli Deck/dpa)

EINHANDSEGLER GEGEN TANKER

Noch bevor der Bildhauer Stephan Balkenhol seine Ausstellung in Kassel eröffnet hat, gab es Streit um seine Aluminiumfigur auf einer goldenen Kugel im Turm der katholischen Sankt-Elisabeth-Kirche am zentralen Friedrichsplatz. Die Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev stört sich an der Figur, die sich um ihre Achse dreht. In ART zieht Stephan Balkenhol Bilanz.
// ADRIENNE BRAUN

Ihre Figur steht noch auf dem Kirchturm. Haben Sie in keinen Moment überlegt, Sie abzubauen?

Nein, das kam nie in Frage.

Wollte die Documenta-Chefin vielleicht nur provozieren?

Nein. Ich kann die Argumente von Frau Christov-Bakargiev, dass die Figur eine Bedrohung darstellt, nicht nachvollziehen. Ich kann mir nur vorstellen, dass sie durch die Vorbereitungen zur Documenta so nervös war und Allmachtsgefühle entwickelt hat. Es betrifft ja nicht nur mich, sondern auch das Projekt von Gregor Schneider, das schon im Vorfeld abgewürgt wurde.

Gab es in der Debatte jemanden, der sich auf die Seite der Documenta-Chefin geschlagen hat?

Natürlich gab es Leserbriefe, die sagten, dass es das Recht der Documenta wäre, den Friedrichsplatz zu bespielen. Aber meine Figur im Turm ist in die Kirchenarchitektur integriert, es ist keine Skulptur, die draußen vor der Kirche auf der Treppe steht. Wobei es ja nicht nur um die Figur ging.

Sondern?

Frau Christov-Bakargiev hat mir in einer Email vorgeschlagen, meine Ausstellung um drei Monate zu verschieben. Wovor hat sie Angst? Das kann ich einfach nicht nachvollziehen. Es ist ja nicht so, dass ich da als Einhandsegler einen Tanker vom Kurs abbringen kann. Die Documenta muss das allemal vertragen.

Haben Sie das nicht als Angriff auf Ihre Arbeit bezogen?

Zunächst habe ich das schon persönlich aufgefasst, weil Frau Christov-Bakargiev sagte, sie wolle weg vom anthropozentrischen Menschenbild. Die Tatsache, dass sie Leiterin der Documenta ist, gibt ihr noch nicht das Recht, alle anderen Kulturveranstaltungen in anderen Institutionen in Kassel zu beschneiden oder zu kontrollieren. Kunst ist für mich der Inbegriff von Freiheit und von Dialog. Das war immer auch, was die Documenta ausgemacht hat.

Die Sie ja von Kindesbeinen an kennen.

Ja, ich habe selber in Kassel gelebt und dort Abitur gemacht. Ich war immer stolz auf die Documenta-Stadt Kassel, habe mich immer auf die Documenta gefreut – und freue mich auch diesmal darauf. Ich hoffe, dass es ein spannender Kultursommer wird.

Immerhin hat die Angelegenheit Ihnen viel Aufmerksamkeit beschert.

Ja, durch ihre Presseerklärung ist meine Turmskulptur zu unverhoffter Popularität gekommen. Ich bin schon gefragt worden, wie viel ich ihr bezahlt hätte dafür. Aber sie steht definitiv nicht auf meiner Gehaltsliste.

Was hatten Sie sich erwartet von einer Ausstellung parallel zur Documenta?

Das hat eine lange Tradition. Die evangelische Kirche macht seit den achtziger Jahren Begleitveranstaltungen und Ausstellungen in Kirchen. Die katholische Kirche, die mich eingeladen hat, macht das jetzt zum dritten Mal. Es ist ein Statement der Kirche, indem sie zeitgenössische Künstler einlädt, Position zu beziehen im Kontext des Kirchenraums. Da gibt es überhaupt keine Diskussion, ob das legitim ist oder nicht.

Das scheint Frau Christov-Bakargiev anders zu sehen.

Kassel lebt doch davon, es gibt ja auch ein ganz offizielles Begleitprogramm. Ich finde es kleingeistig, so ein Monopol errichten zu wollen. Mir wurde von der Documenta ein hegemonialer Anspruch vorgeworfen, das ist genau das, was die Documenta praktiziert. Der psychologische Begriff dafür ist die Spiegelung: Man projiziert eigene Defizite auf den anderen.

Ist die Reaktion ein Einzelfall – oder spiegeln sich darin wachsende Ansprüche der Kuratoren?

Ich hoffe nicht. Das ist meine erste Erfahrung dieser Art. Tatsächlich ist es aber so, dass in diesem Fall die Kuratorin zur Künstlerin avanciert. Das ist bedenklich, wenn eine Institution wie die Documenta sagt, was Kunst ist und was man machen darf und was nicht. Das erinnert mich an meine Studienzeit in den siebziger Jahren, als die Doktrin war, du darfst nicht malen und darfst keine Figuren machen.

Zunächst sagten Sie, Sie seien traurig. Wie beurteilen Sie die Angelegenheit jetzt mit etwas Distanz?

Es ist genug über die Debatte geredet worden. Es hat sich ja auch herausgestellt, dass dieser Schuss in meine Richtung nach hinten losgegangen ist. Man sollte diese Diskussion beenden und sich der Kunst widmen.

Was für Lehren ziehen Sie aus der Aktion?

Ich versuche mich davon nicht beirren zu lassen und arbeite weiter. Es wäre aber schön, wenn die Sache eine Frucht bringt, dass man darüber redet, was falsch gelaufen ist.

Ist die Documenta denn bereit zu diesem Dialog?

Frau Christov-Bakargiev hatte in ihrem Anruf ihre Bestürzung zum Ausdruck gebracht. Dann hat sie vorgeschlagen, dass Sie meine Ausstellung unter meiner Führung anschaut. Darauf würde ich eingehen: Wir führen uns gegenseitig über unsere Ausstellungen und reden über Kunst – und nicht über Eitelkeit und Macht.

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28 Leserkommentare vorhanden

MARTA MATO

12:31

01 / 06 / 12 // 

Hobbyschnitzer

MARTA MATO Wenn es sich bei Balkenhol um einen richtigen Künstler handeln würde und nicht um einen Hobbyschnitzer, der - wie wie sehen - ein PR-Genie ist, könnte ich die Aufregung verstehen. Frau Christov-Bakargiev, die allerdings auch keinen Unterschied zwischen menschlicher Kunst und tierischen Erzeugnissen sieht (dpa), sollte sich erstmal um Kunst kümmern.

scholl

13:34

01 / 06 / 12 // 

ein

eigenbrötler, dieser balkenhol. wenn er an einem kritischen dialog interessiert ist, wie kommt es denn zu diesen altbackenen, idyllischen arbeiten die so gar nichts über das heute aussagen.

Margitta

14:12

01 / 06 / 12 // 

Urteile- Vorurteile

Wie schon Balkenhol im Interview oben sagt, Kunst muss Spannung und Gegensätze aushalten, aufzeigen. Die Arbeiten von Balkenhol sind unverwechselbar und bemerkenswert, überall erkennt man seinen Stil und immer wieder setzt er damit neue Schwerpunkte und eröffnet Sichtweisen. Dass er sich nicht einem anthropozentrischen Weltbild verpflichtet fühlt, zeigen u.a. die wunderbaren Pinguine, die lange im MMK in Frankfurt zu sehen waren und die mit dem Holzaus dem sie gearbeitet sind, dem Geruch des Holzes nach Fisch und Meer das Zusammenspiel von Natur und Kunst.

G. Galácz

14:43

01 / 06 / 12 // 

Geruch des Holzes: Pinguine, Elefanten, Büffeln und Bären

Elefanten der Hans Störringer schon viele geschnitzt. Auf der documenta wurden seine Arbeiten, wie die Arbeiten seines Kollegen Balkenhol noch nie gezeigt. http://www.idowa.de/home/artikel/2012/05/31/von-engeln-elefanten-bueffeln-und-baeren.html

G. Galácz

14:44

01 / 06 / 12 // 

Geruch des Holzes: Pinguine, Elefanten, Büffeln und Bären

Elefanten hat Hans Störringer schon viele geschnitzt. Auf der documenta wurden seine Arbeiten, wie die Arbeiten seines Kollegen Balkenhol noch nie gezeigt. http://www.idowa.de/home/artikel/2012/05/31/von-engeln-elefanten-bueffeln-und-baeren.html

mohammad murmuk

18:12

01 / 06 / 12 // 

Peinlich, einfach nur peinlich

Man muss die schlichten Holzfigürchen von Balkenhol nicht mögen, der sicher nichts Weltbewegendes für sich in Anspruch nimmt, aber soviel Toleranz muss auch eine durchgeknallte Documenta-Leiterin aufbringen, dass die Freiheit der Kunst oberste Priorität haben muss. Aber wer Kunst für Hunde proklamiert und nötig hat, mit einem Hunde- und Katzenkalender Promotion zu machen, sollte nicht erwarten, dass man ihn bzw. sie ernst nimmt. Damit hat sich mal wieder die offizielle Kunstwelt ein Armutszeugnis ausgestellt, dass sie zur Bewältigung unserer wirklichen Herausforderungen keinen Beitrag leisten kann. Schauen wir auf die KünstlerInnen, die unabhängig von den selbsternannten Kunstgrößen eine gute Arbeit machen und sich einmischen, damit die verkrusteten Strukturen aufgebrochen werden. Frau CCB, Sie arbeiten nur für die übersättigten Reichen und deren Profit, auf Sie kann ich gut verzichten. Erzählen Sie Ihre Probleme besser Ihrem Hund!

scholl

18:29

01 / 06 / 12 // 

mit dem charme

und esprit eines tischlermeisters. ich frierst an den e....

hugo hoss

19:05

01 / 06 / 12 // 

Aufgedeckt!

Und jetzt ist es endlich aufgedeckt! Wer steckt hinter dem Pseudonym des Holzschnitzers Balkenhol, dessen Bruder den örtlichen Kunstverein leitet? Na? Genau: Das Foto oben beweist: PAUL PANZER! Wen wundert es da, dass hier etwas aus der Reihe gelaufen ist. Ich begrüße Sie!

von Kleingeist

10:31

03 / 06 / 12 // 

zu Kleingeist

Ich persönlich vermute die Qualitäten der Arbeiten einer Frau Christov-Bakargiev werden schon lange vergessen sein, da stehen die Sulpturen von Balkenhol noch immer in Sammlungen, auf Plätzen und in Museen - - - - - Lassen wir doch die Zeit urteilen - - - - - Ein Kurator der sich von einer Skultur bedrängt fühlt, sollte sich aber vielleicht selbst fragen ob ein Beruf mit etwas geringerer Anforderung an die Weite und die Freiheit des eigenen Geistes nicht der geeignetere wäre - - - - - Was würde einem wohl ein Kurator auf die Bitte entgegnen eine unerwünschte Arbeit aus seiner Schau zu entfernen? - - - - - Eben!

F. MOSSBACH

10:50

03 / 06 / 12 // 

Irren ist menschlich.

In Deutschland stehen auf vielen Plätzen sogenannte Skulpturen rum. Weiss Gott welche Namen ihre Schöpfer trugen. Auch die Werke von Balkenhol werden dazugehören. Sein Name wird bald vergessen werden. Kunst waren seine hobbymäßigen Werke nie. Da haben sich nur einige Museumsleute geirrt. Irren ist menschlich.

Leo

11:15

03 / 06 / 12 // 

Irren ist menschlich

Ein Glück, dass Christov-Bakargiev sich nicht irrt !

F. Scholl

12:48

03 / 06 / 12 // 

kunst ist keine religion

wen nach egalitärer seligkeit dürstet kann zur messe gehn.

Leo

14:32

03 / 06 / 12 // 

?

Llyn Foulkes hingegen ist für Christov-Bakargiev wieder hohe Kunst vor der sie sich nicht " bedroht " fühlen muss . . . . http://bunnywax.files.wordpress.com/2012/03/sjma-37.jpg?w=500

Leo

15:28

03 / 06 / 12 // 

??

Bakargiev: Wahlrecht für Hunde und Beeren. Aber warum keine Wahlfreiheit Künster und Kirchen in der Nachbarschaft?

Jupp Schmitz

22:11

03 / 06 / 12 // 

Leo hat Recht: Wer Wahlrecht für Hunde und Beeren fordert, sollte Michel aus Lönneberga seine Holzmännchen schnitzen lassen!

Aber seien wir mal ehrlich: Der ganze Hype über diesen geistigen Dünnschiss ist nicht das Papier wert, mit dem man sich den davon befleckten Arsch abwischt. Hallooooh? War da nicht noch was Anderes? Klimakatastrophe, Misswirtschaft, soziale Ungerechtigkeit, Hunger, und und und. Und wir verballern die Zeit mit CCD. Das ist sie nicht wert.

P. Ippimann

22:20

03 / 06 / 12 // 

Stell dir vor, es ist documenta und keine Sau interessiert sich dafür...

gut, die Kunstzeitschriften leben davon, zu jedem Mist ihren Beitrag zu leisten, da kann man verstehen, dass sie über die documenta berichten wollen. Aber müssen wir diesen bullshit wirklich lesen und uns damit auseinander setzen? Ein wunderbares Beispiel, wie selbstherrlich und feudalistisch die Intendanz vorgeht. Klar, dass die Kunstsammler - selber Despoten und Ausbeuter - sich hier so wohl und in guter Gesellschaft fühlen.

Karen Undes

10:09

04 / 06 / 12 // 

Bildzeitungsniveau

Warum die Aufregung um Balkenhol und Christov-Bakargiev? Trotz professioneller PR werden beide Namen in der Zukunft keine Rolle mehr in der Kunstszene spielen.

Gilles Neuve

14:50

04 / 06 / 12 // 

Eintagsfliegen

Beide nur Eintagsfliegen auf einem dicken Haufen Scheiße

Herman Goes

12:06

06 / 06 / 12 // 

Zensur

Es geht ja nicht nur um das Verbot von Balkenhol, sondern auch um die Absage des Projektes von Gregor Schneider. Letzterer ist ebenfalls ein herausragender Künstler und hat einen hervorragenden Vorschlag bei der Kirche eingereicht. Es ist völlig unbegreiflich, wieso es ihm untersagt wurde, dieses Projekt zu realisieren. Das ist Zensur. Zensur in Deutschland. Zensur in Deutschland im Jahr 2012.

j. berty

10:56

07 / 06 / 12 // 

Essentialkitsch-PR

Auch Essentialkitscher Gregor Schneider ist ein PR-Meister!

evert everts

23:37

08 / 06 / 12 // 

Komm geh weg

Und noch ein Wort zu Kassel: Außerhalb der documenta will dort keiner was mit Kunst zu tun haben und während der Schau nur, weil es damit was zu verdienen bzw. Aufmerksamkeit gibt - aber sonst?! Komm geh weg! Im September ist alles wieder tief provinziell und bieder, wetten?

Oliver K

11:16

10 / 06 / 12 // 

Bedroht???

Man kann der Frau doch keinen Vorwurf machen, schliesslich ist sie Amerikanerin (haben wir eigentliche keine heimischen Fähigen mehr?) und ist von daher schon mit Angst "gesäugt" worden. Wenn sie sich so bedroht fühlt von dieser Skulptur, dann sollte sie vielleicht nach Hause gehen, da ist es schliesslich sicher in den "freien" USA. Aber Streit, Missgunst und Allmachtsphantasien haben schon immer zur documenta gehört, das ist nichts neues, bis auf dass diese Dinge nur alle 5 Jahre auftreten.

ars evolutoria

19:53

12 / 06 / 12 // 

Nicht - KUNST CCB d13

WAHLFREIHEIT FUER DOGS ... keine KueNstler... AB ...SCHAFFUNG DES KUNSTBEGRIFFS BISSIGE CCB. KUNSTINFARKT D 13 ...NICHT KUNST ALS KUNST IDEOLOGIE.. IN HESSEN.. NEIN DANKE BOUFFIER HILGEN & CO!!!

ars evolutoria

20:01

12 / 06 / 12 // 

Nicht - KUNST CCB d13 & DOCUMENTA DEMOKRATISIERUNG

Wo ? -in Giessener Zeitung als ebook und bei you tube. Schon 3 Videos... Antidocumenta ...BAKARGIEVIADE GOOGELN ...

ars evolutoria

20:13

12 / 06 / 12 // 

Nicht - KUNST DarsiMAMA CCB d13 & DOCUMENTA DEMOKRATISIERUNG

Zur d 14 haben wir DARSI BAKARGIEVIADE vergessen... Gauck als MUTBUERGER?

ars evolutoria

06:47

13 / 06 / 12 // 

DUMMHEIT & MARKE D13

Bazon Brock: Aetzende Kritik - zur Dummheit verkommene DOCUMENTA MARKE

Hermann Friedrich

18:16

20 / 06 / 12 // 

Religion, Kirche, Kunst

Die Botschaft der Religion: Glaube und Du kommst in den Himmel! Die Botschaft der Kirche: Zahle und Du darfst glauben! Die Botschaft der Kunst: Schau her, uns gibt's auch noch

KunstdenKünslern

00:55

10 / 07 / 12 // 

Kuratoren sind keine Künstler

Wer sich für Kunst interessiert, aber nicht den Mut oder das Talent hat, Künstler zu werden, nennt sich heute Kurator. Kuratoren sind geschichtlich gesehen Museumsarchivare mit spezifischem Auftrag für den Erhalt und die Pflege des eigenen Museumsbestandes. Mit Kunst hat das wenig zu tun. Immer mehr der heutigen "Kuratoren" sehen ihre Rolle falsch. Wer als Kurator einem Künstler - und sei er auch nur ein minderbemittelter Straßenmaler - seine Kunst absprechen oder wegzensieren will, erweist der Kunst einen Bärendienst!

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