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Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor. Diesmal mit dem Umzug der Alsterfontäne und Mangas auf einer Wasserwand in Hamburg, Nichtstun am Arbeitsplatz, der Suche nach "blinden Flecken", dem Test eines Kunst-Autos auf der Flugbahn und Aufnahmen vom Alltag.
// ANGELIKA KINDERMANN, KATHARINA SIEGEL
Hamburg: Art Week und Projekt Alsterfontäne

Zwei Wochen lang werden die Touristen und sicher auch viele Hamburger sie an der Binnenalster vermissen: Die berühmte Alsterfontäne gibt vom 2. bis 17. Juni ein Gastspiel auf dem Außenmühlenteich im Stadtteil Harburg.

Die Idee dazu hatte Boran Burchhardt, einfallsreicher Künstler, der mit dieser Aktion den "Temporären Kunstpfad Harburg" bereichert. Der 39-jährige Burchhardt, der auch schon die Minarette der Hamburger Centrumsmoschee bemalen ließ, liebt es "neue Weg zu gehen, die undenkbar erscheinen". Während die Alsterfontäne also in Harburg ihren Wasserstrahl gen Himmel schickt, herrscht im Innenstadtbereich kein Mangel an Ersatz-Attraktionen, speziell künstlerischer Art. Denn ab 1. Juni findet zum zweiten Mal die Hamburg Art Week statt, an der sich 26 Galeristen der Stadt beteiligen. Zum umfangreichen, auf verschiedene Spielorte verteilten Programm gehört die Gruppenausstellung "Bridget. Am Rande der Vernunft" in der Hafencity. Zu sehen sind Arbeiten von acht Künstlern, die sich mit Übergängen und Verwandlungen befassen. Eines der spektakulärsten Projekte der Art Week präsentiert der deutsch-japanische Videokünstler Kanjo Také am Rathausmarkt. Auf einer 30 Meter breiten, 17 Meter hohen Wasserwand, einem sogenannten Hydroschild, projiziert er täglich ab 22.30 Uhr Bilder von Manga-Heldinnen.

Die Alsterfontäne ist vom 2. bis 17. Juni in Harburg zu sehen. Die Art Week findet vom 1. bis 10. Juni an verschiedenen Orten in der Hamburger Innenstadt statt (Programm: Hamburg Art Week)

Bremen: Pilvi Takala

"Hat diese Johanna etwas zu tun? Ich meine, es sieht so aus, als würde sie nur dasitzen ...". "Ich habe ihr einige Aufgaben gegeben, die sie bislang noch nicht beendet hat, also sollte sie etwas zu tun haben." "Hey wirklich, sie sitzt einfach nur da." So lauten Ausschnitte aus dem E-Mail-Verkehr von Johanna Takalas neuen Kollegen. Johanna ist eigentlich die finnische Künstlerin Pilvi Takala, die sich einen Monat lang mit Hilfe einiger Komplizen als Praktikantin in das finnische Marketing-Unternehmen Deloitte geschmuggelt hatte, um dort die Reaktionen anderer auf ihr provokantes Nichtstun zu untersuchen. Den ganzen Arbeitstag lang fährt sie mit dem Fahrstuhl auf und ab oder starrt vor einem leeren Schreibtisch und unbenutztem Computer Löcher in die Luft. Auf ihrer versteckten Kamera hält sie die Reaktionen auf ihr Verhalten fest, das von Interesse über Verwirrung und Belustigung bis zu Verärgerung und ernsthaften Gesprächen mit Vorgesetzten reicht. Fragt jemand direkt nach Gründen für ihr Verhalten, heißt es, dass sie nachdenken müsse. Andere Bilder zeigen, wie die Finnin mit einer durchsichtigen Plastiktüte voller Geldscheine durch Kaufhäuser zieht. Nach erstem Tuscheln der Verkäufer und Kunden heißt es, dass sie ihr sittenwidriges Verhalten einstellen müsse – in einer Institution, die sich um Konsum dreht, soll das Geld ausgegeben, aber nicht gesehen werden. "The Trainee" (2008) und "Bag Lady" (2008) sind beispielhaft für die Langzeitstudien und Performances der Künstlerin, die inkognito mit gesellschaftlichen Konventionen bricht und Toleranzgrenzen auslotet. Das Filmmaterial verarbeitet sie zu Videos, Installationen und Fotografien.

Die Ausstellung ist vom 2. Juni bis zum 26. August 2012 im Künstlerhaus Bremen zu sehen.

Berlin: The Blind Spot

Ein Mann mit weißem Schleier läuft auf den Betrachter zu. In die entgegengesetzte Richtung des Fluchtpunkts verläuft links eine durchgehend mit Wäsche auf einfachen Bändern behängte Mauer und rechts eine Wohnhausfront, in der sich Tür an Tür reiht. Inmitten des schmalen Gangs befinden sich die von Melik Ohanian erbauten, etwa 100 Meter langen Kameraschienen. Der französische Künstler ließ 2011 elf Tage lang seine Kamera auf- und abfahren, um Tag und Nacht eines Arbeitslagers in den Vereinten Arabischen Emiraten zu filmen. Seine Videoinstallation "DAYS, I See what I Saw and what I will See" zeigt in einer 42-minütigen Doppelprojektion ein Porträt der Bewohner in ihrem Camp, das auch "blinde Flecken" nicht auslässt. "Blinde Flecken" sind in der Wirklichkeit enthaltene Unklarheiten, die sich nicht einfach abfotografieren lassen. Aber manche Bilder machen sie spürbar. Diesen Anspruch erheben die elf internationalen Fotografen und Künstler der Ausstellung "The Blind Spot" für ihre Werke. So ist die Welt auch in Marguerite Duras filmischem Monolog "Les mains negatives", der durch die morgendlichen blau-schwarzen Straßen von Paris führt "noch nicht erfunden". Die Ausstellung ist Teil des Festivals Berlin Documentary Forum 2, an dem vier Tage lang neu für den Anlass erarbeitete Live-Performances, Vorträge und Aufführungen mit internationalen Künstlern, Filmemachern, Kunsthistorikern und Theoretikern stattfinden.

Die Ausstellung ist vom 31. Mai – 1. Juli 2012 im Haus der Kulturen der Welt zu sehen.

Wien: Simon Starling + Superflex

Ein weißer LKW rast, von einer wellenförmigen Stahlkonstruktion mit Aluminiumplatten und reichlich Verglasung umhüllt, über eine Flugbahn nahe Bratisava. Der 18. Mai dieses Jahres war ein bedeutender Tag für den Turner-Preisträger Simon Starling, der sein neu kreiertes Fahrzeug auf seine Geschwindigkeit und Aerodynamik testete und dabei auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigte. Sein "Prouvé (Road Test)" ist eine Kombination aus einem zeitgenössischen Lastkraftwagen und einem modernistischen Konzept. Denn das geschwungene Barackendach über dem LKW ist eine Erfindung des Architekten und Designers Jean Prouvé. In den fünfziger Jahren war das Dach lichtdurchlässiger, wasserdichter, leichter und schneller vor Ort anzufertigen als jedes andere zuvor und kam deshalb oft zum Einsatz. Nun erweckt Starling eines seiner Exemplare, das um 1956 zur Überdachung des Lycée Blaise Pascale, einer Schule in Orsay gedacht war, zu neuem Leben. Seiner damaligen Funktion beraubt und aus dem musealen Kontext genommen dient es nun als aerodynamisches Skelett seines Fahrzeugs, das in Augarten parkte, wo es gemeinsam mit sieben weiteren Arbeiten Starlings und der dänischen Künstlergruppe Superflex den neuen Sitz der TBA21 (Thyssen-Bornemisza Art Contemporary) eröffnet. Die Exponate erwecken die Erinnerung an Erfindungen, die wegen strenger Urheberrechte davon bedroht sind, in Vergessenheit zu geraten.

Die Ausstellung ist ab 30. Mai 2012 im Atelier Augarten zu sehen.

Goslar: Der andere Blick. Alltagswelten von Martin Parr, Tom Wood und Antanas Sutkus

Die Arbeiten der Fotografen Martin Parr, Tom Wood und Antanas Sutkus haben eines gemeinsam: Sie zeigen Bilder aus dem wirklichen Leben. Etwa die britische Unterschicht, wie sie in ihren Sommerferien den verwilderten Badestrand New Brighton nahe Liverpool besucht. Eine junge Mutter schlägt auf verdorrtem Rasen ihr Lager auf und missachtet ihr Baby, das in seinem Kinderwagen schreit. Kinder drängeln sich gierig um Getränke, Eis oder Soßen für ihre Hotdogs in Pausenräumen. Auf einer Fotografie posiert eine junge Verkäuferin mit Dauerwelle im Achtzigerjahre-Stil an der Eisausgabe vor der Kamera, während auf der hinteren Seite des Tresens ein kleinerer Junge hungrig nach einem Eis greift. Der intensive türkise Farbton der Eiskugeln wiederholt sich in den Latten des Tresens und in einem Schrank am rechten Bildrand. All dies sind Aufnahmen aus der Serie "The Last Resort" (1983-86) von Martin Parr. Wie er gekonnt Farbe im Bildraum verteilt und das einfache Volk darstellt, wirkt inszeniert. Doch keines der Bilder ist gestellt. Die Serie war lange umstritten. Einige interpretierten sie als Verspottung, andere als Emporhebung der Arbeiterklasse. Diese Vielschichtigkeit behält der Brite in auch seinen neueren Werkgruppen bei. Authentische Fotografien aus New Brighton prägen auch das Werk des britischen Fotografen Tom Woods. Doch bei ihm gäbe es sogar die posierende Verkäuferin nicht. Denn seine Kamera bleibt stets respektvoll im Hintergrund und somit unbemerkt. Die Menschen schauen am Betrachter vorbei, während sie ganz natürlich ihrem Alltag nachgehen, und aus Bussen steigen oder in Altkleidern wühlen. Auch der Fotokünstler Antanas Sutkus trifft spontan auf seine Modelle. Er zeigt sie in Schwarz-Weiß während ihrer täglichen Rituale. Da diese unvollkommen sind, waren Sutkus Fotografien zur Zeit des Kommunismus in Litauen verpönt, machen heute aber neugierig auf die Kultur und Geschichte des Lands.

Die Ausstellung ist vom 2. Juni bis 5. August 2012 im Mönchehaus Museum Goslar zu sehen.

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2 Leserkommentare vorhanden

artflaneur

19:16

01 / 06 / 12 // 

Hamburg Art Week 2012

Eine wichtige Ausstellung mit 50 Hamburger Künstlern und Galerien wurde nicht erwähnt:(dis)placement, Eröffnung 04.Juni 2012, 19.00 Uhr, Schaartorhof 1, Hamburg

Grete globotschil

19:58

02 / 06 / 12 // 

Alsterfontäne

Das hamburger Heiligtum alsterfontäne in Harburg! Was für ein witziges und geistreiches projekt!

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