Staatsgalerie Stuttgart

Interview

Ein Museum ist kein Austellungshaus
Prof. Dr. Christiane Lange, die neue Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart (Foto: Staatsgalerie Stuttgart)

EIN MUSEUM IST KEIN AUSTELLUNGSHAUS

Bisher leitet sie ein Haus, das auf Wechselausstellungen spezialisiert ist. Zum 1. Januar 2013 wechselt Christiane Lange an die Staatsgalerie Stuttgart. Die Direktorin der Hypo-Kulturstiftung hat in München Ausstellungen zur "Brücke", zu Otto Mueller oder zum Mythos Wasser gemacht, in Stuttgart will sie vor allem mit der Sammlung arbeiten – und dabei manche Entscheidung ihres Vorgängers wieder rückgängig machen.
// INTERVIEW: ADRIENNE BRAUN

Ihr Vorgänger Sean Rainbird hat sich in Stuttgart schwer getan. Er hat bei seinem Abschied die schlechte finanzielle Ausstattung und strukturelle Probleme angemahnt. Und Sie machen das nun freiwillig?

Es ist ein Traumhaus, was die Sammlung betrifft, gar keine Frage. Es ist ein Haus, das durchaus auch seine Herausforderungen hat in dieser disparaten Architektur, diesem in die Jahre gekommenen Neubau, der sehr dominant ist. Andererseits ist da der wunderbar renovierte Altbau, der Energie und Millionen verschlungen hat und Teil von Sean Rainbirds Nicht-Reüssieren war. Was er gemacht hat, war enorm wichtige Arbeit, die natürlich nicht so publikumswirksam ist. Ich werde sicher einiges von dem ernten, was er gesät hatte.

Wie hat er das Haus hinterlassen?

Für mich ist es ein wohlbestelltes Haus. Natürlich gibt es hier mit dem Stirlingbau und dem Altbau absolute Herausforderungen. Probleme möchte ich es nicht gleich nennen, aber es gibt einiges, was man ändern könnte. Ich finde schon, dass man die Berechtigung hat, über alles nachzudenken.

Was für Herausforderungen sind das?

Warum ist hier ein Teppichboden und in dem Raum Parkett? Alte Meister mögen es nicht, auf fast weißen Wänden zu hängen, damit peinigt man sie. Man braucht nicht viel Geld, um solche Gemälde wieder in einem für sie besseren Glanz zu bringen und in einem adäquateren Rahmen präsentieren zu können.

Sean Rainbird hat die Sammlung erst kürzlich komplett neu präsentiert. Wollen Sie da auch dran rütteln?

Das ist völlig klar, das ist auch der größte Spaß. Was gibt es Schöneres als Sammlungen neu zu hängen? Diese Chance lässt sich kein neuer Direktor entgehen, das werde ich natürlich auch angehen. So kann Stuttgart – ohne eine große Ausstellung aus meiner Feder 2013 – mit Neugier ins Haus gelockt werden.

Wie wichtig ist für Sie die Öffnung von Museen und die Vermittlung von Kunst?

Das Vermitteln ist eine gleichwertige Sparte, die heutzutage immer mehr in den Vordergrund gerückt wird, weil sie am sichtbarsten ist. Aber Museum ist mehr als Ausstellungen, es ist eben kein Ausstellungshaus. Die Vielzahl an Mitarbeitern ist nicht nur dafür da, dass man größere Ausstellungen realisiert, sondern dass sie entscheidende Arbeit leisten für unser gesellschaftliches kulturelles Gedächtnis. Das ist die eigentliche Arbeit des Museums. Selbst wenn ein Raum nur einmal die Woche offen wäre, ist das Museum deshalb nicht obsolet.

Es werden an Museen in Sachen kulturelle Bildung hohe Erwartungen gestellt. Wie wollen Sie damit umgehen?

Ich denke, Museum ist ein toller Ort für Bildung. Es gibt vielfältige, wunderbare Formen – im Museum mit Kindern Bilder nachstellen oder Pantomime machen bis hin zu der klassischen frontalen Vermittlung. Es gibt ja eine ganze Palette von Vermittlungsmöglichkeiten. Da sind Museen mit ihren kunstpädagogischen Abteilungen immer mehr gefordert.

Wie halten Sie es mit der Deutungshoheit der Museen? Wie mündig darf der Betrachter bei Ihnen sein?

Der Betrachter ist per se mündig, weil keiner hinterher den Schultest macht und abfragt: Was haben Sie gesehen in dem Bild? Sondern jeder darf sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen Kunst nähern. Ich darf mich dem Werk hingeben, ich darf ein physisches Erlebnis haben wie bei einem Musikereignis, wo einem die Tränen laufen oder man Gänsehaus bekommt, wo man merkt, das etwas berührt wird, das über mein normales menschliches Dasein hinaus geht. Deswegen machen wir ja Kunst.

Kann man bei Ihnen auch mit etwas ganz Schrägem rechnen?

Ich bin grundsätzlich für alles zu haben – von der prähistorischen Kunst bis zur Gegenwart. Es muss mich überzeugen und darf mir nicht das Gefühl geben: Das ist jetzt nur gerade chic oder den Namen haben gerade alle oder der Künstler ist gerade besonders teuer. Das ist für mich per se noch kein Wert. Aber wenn es mich überzeugt, bin ich für alles zu haben.

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