Richard Armstrong

Interview

Freunde fürs Leben
Das Solomon R. Guggenheim Museum nach dem Abschluss der letzten Restoration (Foto: David Heald / © The Solomon R. Guggenheim Foundation, New York)

FREUNDE FÜRS LEBEN

Das New Yorker Guggenheim-Museum befindet sich unter der Leitung von Richard Armstrong, der die Museumsgeschäfte Ende 2008 von seinem umstrittenen Vorgänger Thomas Krens übernahm, in einer Phase der Neuorientierung und wie die meisten Kulturinstitutionen in Amerika auf der Suche nach Geldquellen. art traf Guggenheim-Direktor Armstrong und unterhielt sich mit ihm über die neue Kooperation mit der Schweizer Großbank UBS, über eine globale Zukunft, protestierende Berliner, die Baustelle in Abu Dhabi und die Visionen für sein Museum.
// INTERVIEW: CLAUDIA BODIN

Herr Armstrong, bei der auf fünf Jahre angelegten Kooperation mit UBS, der "MAP Global Art Initiative", soll es sich laut "New York Times" um die größte in der Geschichte des Guggenheims handeln. Sie kostet UBS mehr als 40 Millionen Dollar.

Richard Armstrong: Was auch immer die "New York Times" sagt, stimmt allemal. Lassen Sie es mich so sagen: Es ist eine historisch großzügige Summe, mit der die Beschaffenheit der Sammlung verändert werden wird.

Warum entschied sich das Guggenheim dazu, sich mit diesem Projekt und mit Hilfe von Gastkuratoren aus den jeweiligen Regionen in Richtung Asien, Lateinamerika, Mittlerer Osten und Nordafrika auszurichten?

Unsere Sammlung aus Lateinamerika reicht bis in die vierziger Jahre zurück. Wir besitzen bedeutende Beispiele asiatischer Kunst seit den fünfziger Jahren. Es handelt sich also nicht um das erste Mal, dass das Museum seine Sammlung überdenkt. Mit der Unterstützung des koreanischen Konzerns Samsung haben wir eine Kuratorin für asiatische Kunst und können in den vergangenen fünf Jahren eine gute Bilanz von kleineren and großen Ausstellungen aufweisen. Guggenheim Abu Dhabi hat ebenfalls ausgelöst, dass wir unsere Vorstellungen von Globalität überdenken.

Es soll sich bei der MAP-Initiative um einen kulturellen Austausch mit den Ländern handeln. Dabei ist das Interesse an zeitgenössischer westlicher Kunst in vielen anderen Teilen der Welt gering.

Es macht Spaß, der Außenseiter zu sein. Das hat den positiven Effekt, dass wir unsere Ansichten einer allgemein akzeptierten Wahrheit in Frage stellen. Es gibt viele alternative Universen. Das größte Universum ist China, gefolgt von Indien. Beide Länder haben eine Geschichte, die mehrere tausend Jahre alt ist. Die USA bringen es gerade eben auf 240 Jahre. In diesem Moment stellt sich die Frage: Wer ist hier der Neureiche?

Es werden von den Gastkuratoren organisierte Ausstellungen stattfinden, die von New York weiter in ausgewählte Museen in zwei Länden reisen. Was ist sonst für den Austausch geplant?

Die Kuratoren aus den jeweiligen Regionen werden sich für zwei Jahre in New York aufhalten, aber haben die wirtschaftliche Freiheit, weit zu reisen. Wir nehmen an, dass sie im Anschluss an das Projekt in ihre Länder zurückkehren und unsere Verbündeten bleiben, so dass ein konstanter Austausch von Informationen stattfindet. Es ist ein bisschen wie mit einem Zimmerkameraden im Internat. Man hofft, dass man einen Freund für das Leben findet.

In der Guggenheim-Zweigestelle in Abu Dhabi herrscht inzwischen Stillstand, die Bauarbeiten wurden gestoppt.

Es werden Neuerwerbungen getätigt und das Personal wird ausgebildet. Die Bauarbeiten sollen in einem Jahr wieder aufgenommen werden, die Eröffnung ist für 2017 geplant.

Das gibt Ihnen Zeit, die Arbeitsbedingungen auf der Großbaustelle zu verbessern.

Wir sind sehr nah davor, sagen zu können, dass wir eine Lösung gefunden haben.

Hat Sie der Protest der mehr als 100 internationalen Künstler und Kuratoren überrascht, die mit Boykott drohen und die Einhaltung der Menschenrechte auf dem Bau fordern?

Zunächst war ich überrascht, dann kam mir der Gedanke, dass es sich um reformerische Impulse handelt, die wir unterstützen. Wir müssen die Verantwortung übernehmen. Es reicht nicht aus, in der Region einkaufen zu gehen, zu lächeln und Leute zu treffen. Unsere Partner vor Ort haben einen sehr guten Job gemacht. Aber die Frage ist, wie man die Personalvermittler in Bangladesh, wenn man sie so nennen will, kontrollieren kann. Wir haben hier keine wirkliche Kontrolle. Es handelt sich um ein globales Problem, das aufgeklärt und gelöst werden muss.

Es ist verwunderlich, dass die Architekten, die hinter diesen prestigeträchtigen Projekten stecken, keine stärkere Position einnehmen.

In unserem Fall geht Frank Gehry sehr feinfühlig mit dem Problem um. Aber die Frage stellt sich zu recht: Wie demonstriert man Solidarität?

Wie sieht es mit den Plänen für das nächste Guggenheim in Helsinki aus?

Zu uns kommen fast jede Woche Leute, die ein Guggenheim in ihrer Stadt haben wollen. Gelegentlich trifft wie im Fall von Helsinki eine Delegation ein, die alles beisammen hat: Ambitionen, Kapital, Intelligenz, politische Führung. Wir besuchten die Stadt und die Vertreter erzählten uns von ihren recht radikalen Ideen für die Zukunft. Wir können viel von Helsinki lernen. Darüber, wie sie mit der Umwelt umgehen, von ihrem Schulsystem, der Technologie, der Bereitschaft, sich der Welt zu öffnen. Während Helsinki früher am Rand der Welt zu liegen schien, handelt es sich heute um eine der größten Pforten nach Asien. Mehr Menschen als in irgendeiner anderen Stadt der Welt reisen auf ihrem Weg nach China oder Indien durch Helsinki. Die Nähe zu Russland ist ein faszinierender Aspekt. Es handelt sich bei Finnland um eine Gesellschaft, die von Frauen geführt wird. All diese Aspekte ergeben die richtige Mischung. Nun werden wir sehen, ob wir daraus einen Kuchen backen können.

Leider lehnen 75 Prozent der Bevölkerung das Projekt ab.

Es wirft viele Fragen auf: Sollen wir in Kultur anstelle von etwas anderem investieren? Warum sollen wir in Leute investieren, die nicht aus Finnland stammen? Welche Rolle spielt Kultur in unserer Gesellschaft? Der Stadtrat wird nächsten Monat über einen Antrag entscheiden, in dem es darum geht, ob ein weltweiter, von der Stadt ausgeschriebener Architekten-Wettbewerb stattfindet. Das Gebäude soll nicht den Charakter des Ortes bestimmen. Wir wollen das Gebäude aufgrund des Ortes festlegen.

Was nach Bilbao ein neuer Ansatz wäre.

Nun, so sollte es sein. Es gab eine solche Fixierung auf ikonische Architektur. Wogegen ich nichts einzuwenden habe, wenn sich herausstellt, dass es sich um den richtigen Weg handelt. Aber es erscheint mir für uns und für die Welt besser, wenn wir eine größer angelegte Diskussion darüber führen, was ein Kunstmuseum in den nächsten 50 Jahren sein soll und wie es sich an die Öffentlichkeit wendet.

Anm. d. Red.: Die Ratsversammlung der Stadt Helsinki hat den Museumsbau unterdessen mit acht zu sieben Stimmen abgelehnt, wie die Stadt am 3. Mai auf ihrer Webseite bekannt gab.

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