Julian Schnabel

In Mitte, gegenüber der Museumsinsel, hält zur gleichen Zeit der New Yorker Maler und Filmregisseur Julian Schnabel in der Galerie Contemporary Fine Arts Hof. Bei öffentlichen Gelegenheiten präsentiert sich der exzentrische Großkünstler mit den getönten Brillengläsern gerne im Pyjama und farbverkrusteten Atelierschlappen. Doch den Schmuddel-Look hat er im Hotel gelassen. Schnabel im Anzug – das empfinde sie als eine "große Ehre", sagt die Galeristin Nicole Hackert erfreut. Über die großformatigen Bilder von Schnabel sind die Meinungen gespalten, für die Mehrzahl steht er unter Kitschverdacht. Seine zahlreich erschienenen Fans kümmert das jedoch wenig. An diesem Abend wird Schnabel so kultisch wie ein Popstar verehrt, immer wieder muss er seinen Katalog mit persönlichen Widmungen versehen. Ab und zu verdrückt er sich in das Büro der Galerie, um zu verschnaufen. Später am Abend dann sitzt er mit seinem Tross am besten Tisch der Paris Bar in Charlottenburg und hört der kurzen Ansprache zu, die CFA-Galerist Bruno Brunnet auf dem Tresen stehend durch ein Megafon hält. Im Restaurant ist es richtig heiß geworden. Es wird wohl wieder so ein Abend werden, an dessen Ende sie alle wie besinnungslos auf den Tischen tanzen, zu der Musik aus der unverzichtbaren Jukebox: Whitney Houston, New Order und Chic.

Enttäuscht

Desillusionierung pur betreibt Cerith Wyn Evans. Bei aller Liebe zu dem verkopften Ästhetiszmus des walisischen Künstlers, die auf drei Orte verteilten Präsentionen sind die größte Enttäuschung dieses Gallery Weekends. Seine armselig rotierenden Topfpflanzen im Schinkel-Pavillon und bei Galerie Buchholz haben derart abgeschreckt, dass man sich erst überwinden muss, auch noch bei Neu am Mehringdamm vorbeizuschauen. Dort belohnt dann eine doch gewohnt brillante Neon-Leuchtschrift mit einem liebes- und todessehnsüchtigen Zitat aus einem Song von Jimi Hendrix: "If I don't meet you no more in this world. Then I'll, I'll meet you in the next one. And don't be late, don't be late".

Kim Gordon und der Kronleuchter

Gedrängel herrscht in der tollen plüschigen Schwulenbar Harlekin in der Wilmersdorfer Schaperstraße. Über Mundpropaganda hatte sich die Nachricht verbreitet, dass die amerikanische Avantgardekünstlerin Kim Gordon nicht nur ihr bildnerisches Werk in der benachbarten Mathew-Galerie ausstellt, sondern den Eröffnungsabend mit einer Performance krönen würde. Tatsächlich steht sie plötzlich zusammen mit ihrer Nichte, der New Yorker Tänzerin Elle Erdmann auf der Mini-Bühne des vielleicht 30 Menschen fassenden Raumes. Gemeinsam quälen die Frauen rund 20 Minuten lang zwei elektrische Gitarren, kultivieren das Feedback und machen dabei irre Verrenkungen. Das junge Publikum ist absolut verzückt. Als Gordon beginnt, den von der Decke hängenden Kristall-Lüster mit ihrem Instrument zu traktieren, entsteht ein Moment purer Erhabenheit.

Pointiert

Bei neugerriemschneider riecht es gerade nicht so besonders gut. Knoblauchgeruch der am Freitag Abend zur Vernissage nach thailändischem Rezept zubereiteten Würste von Rirkrit Tiravaija schlägt einem empfindlich entgegen. Eine türkische Variante der mit geschreddertem Papier versetzten Wurst versteckt sich im Hinterraum der Galerie in einer Vitrine. Über die Wände der Galerie zieht sich der vor Schwarz nur so triefende, nur so tropfende gesprühte Ausstelllungstitel "freedom can not be simulated"/ "Freiheit kann man nicht simulieren". Udo Kittelmann befindet bei einem Dinner, dass dies der pointierteste und klügste Kommentar zu dem peinsamen Aufruf der Recyclingaktion von Sarrazin-Büchern anlässlich der Berlin Biennale ist. Da möchte man ihm keineswegs widersprechen.

Phantom der Oper

Das Gala-Diner ereignete sich dieses Jahr in einem Gerichtsgebäude in der Littenstraße. Was für eine Location! In dem von Jugendstilgeländern garnierten Kuppelsaal lässt es sich über drei Geschosse treppauf, treppab schlingernd wie in einer begehbaren Operette flanieren, Stationen mit Gastronischem säumen den Weg. VIP-Impresario Michael Neff predigt zum Auftakt gespenstisch angestrahlt vom ersten Stockwerk aus auf die im Erdgeschoss dicht versammelte Kunstgemeinde. Dummerweise verstehen wir akustisch rein gar nichts von dem, was er mitzuteilen hat. Um so faszinierender seine gleichsam transzendentale Erscheinung, so als habe sich Neff für Minuten in das Phantom der Oper verwandeln können. Rund 1300 Gäste wohnten dem Abschlussspektakel bei.

Meditative Aufladung

Martin Boyce ist bei Johnen Galerie eine der in sich stimmigsten Installationen des Gallery Weekends gelungen. Mit an Ketten aufgefädelten Lochblechlampen asiatisch anmutender Couleur, einer geometrisierten Maske, typographisch bezeichneten Betonbildern und Mobiliar schafft er eine auch lichtmäßig abgedimmte Atmosphäre. Pate standen unter anderen auf subtil entlegene Art die Brüder Joel und Jan Martel, die 1925 für einen Garten in Paris Betonbäume bauten. Wunderlich melancholisch wirkt diese Welt zwischen Moderne und Design, Fernost und visueller Poesie. Eigentlich würde man hier, in dem sogenannten Lob des Schattens am liebsten die nächsten Stunden zur meditativen Aufladung verbringen. Aber es hilft nichts, draußen tobt das sonst eher schrille, überbevölkerte Kunstleben zwischen Gallery Weekend und Berlin Biennale.

Robert Longo Rules!

Dieses Gallery Weekend gehört den Amerikanern, genauer den amerikanischen Künstlern der achtziger Jahre. CFA fährt groß auf mit protzigen Bildern von Julian Schnabel, Sprüth/Magers zeigt konzeptuelle Malerei von Jenny Holzer. Der Star des Wochenendes aber ist Robert Longo. Seine Schau "STAND" bei Capitain/Petzel ist nicht nur großartig inszeniert, sie offenbart auch eine künstlerische Meisterschaft und inhaltliche Komplexität, die vielen anderen Ausstellungen (einschließlich der Berlin-Biennale) fehlt. Es geht um Amerikas Allmachtsanspruch und die Gefahren, die dieser ewige Missionierungstrieb mitbringt. Die Galerie ist von außen komplett in eine wehende amerikanische Flagge gehüllt, oder besser in das Schwarz-Weiß-Abbild dieser Fahne. Drinnen hängt dieselbe Flagge als riesige Kohlezeichnung gleich gegenüber dem Eingang. Sie wird flankiert von dem Bild eines einsamen US-Soldaten und einer Occupy-Wall-Street-Demo.

Im Hauptraum der Galerie hat Longo ein Schlüsselwerk von Hans Haacke, "Ölgemälde, Hommage à Marcel Broodthaers", nachgestellt und aktualisiert. Zu sehen ist ein staatstragendes Porträt von Barack Obama hinter samtenen Absperrkordeln. Er wird konfrontiert mit einem Bild von konservativen Tea-Party-Protestlern. Bei Hans Haacke waren die Gewichte noch umgekehrt. Da hing der konservative US-Präsident Ronald Reagan gegenüber von einem Bild, das linke Nachrüstungsgegner bei einer Demo in Bonn zeigte. Im oberen Kabinett zeigt Longo einen Zyklus von 25 Zeichnungen, die die amerikanische Ikonographie prägen: Astronauten, Fighter Jets. Fast Food, Baseball, Monster Trucks, Darth Vader, KKK-Fanatiker... " a Peep Show of American Pornography" nennt der Künstler das. Im Keller bietet er dann mit einer kakophonischen Leseperformance die Erklärung für das amerikanische Dominierungsgehabe: Moby Dick! Aus Melvilles Klassiker könne man den "genetischen Code Amerikas, all seine Versprechen, Probleme, Konflikte und Ideale" herauslesen, meint der Künstler. Dieser These muss man nicht unbedingt folgen. Aber Longos Ausstellung ist ein wohl durchdachtes, überzeugend präsentiertes künstlerisches Statement.

Winnetou und Old Shatterhand waren schwul

Den schrillsten Mix aus romantischer Landschaftsmalerei, homoerotischen Cowboy- und-Indianer-Fantasien, kitschigem Cross-Dressing-Spaß und ernsthafter Kulturkritik liefert die Galerie FlorentTosin (Potsdamer Straße 81 C). Da sieht man in minutiös gemalten Ideallandschaften das Personal aus Karl-May-Romanen herumstehen, Old Shatterhand und Winnetou vergnügen sich am Wasserfall mit dem Lone Ranger und seinem Indianerfreund Tonto. Noch deutlicher wird die Sache in einer lebensgroßen Installation, in der Winnetou den Tod seines Gefährten beklagt. Der gemeuchelte Old Shatterhand trägt eine adrette Frauenschürze, über ihm an der Blockhauswand hängt Oscar Wildes Sinnspruch von der "Liebe, deren Name man nicht ausspricht" als Stickbild an der Wand. Sieht aus wie ein schlechter Witz, ist aber ernst gemeint. Der Künstler Kent Monkman ist Kanadier, Indianer und schwul. Und er arbeitet sich mit seinen Performances, Filmen und Gemälden an der eurozentrischen, homophoben Kunstgeschichtsschreibung ab – eine witzige Kampfansage an die ewigen Jagdgründe des weißen Mannes.

Das Lachen aus dem Keller

Bei Supportico Lopez gekommt das Begriff "Underground Gallery" eine ganz eigene Bedeutung. Die italienische Galerie, seit zwei Jahren in Berlin und zum ersten Mal beim Gallery Weekend dabei, hat ihre Räume im Keller eines Hinterhauses in der Gräfestraße, also am Rande des neuen Trendbezirks "Kreuzkölln". Ist das die neue Untergrundkultur? Abgerockte Hinterhauswohnung statt White Cube, King of Falafel statt Museumsinsel als Nachbar: Jedenfalls dringt aus dem Keller höhnisches Gelächter. Es stammt von Gino De Dominicis, einer der mysteriösesten und umstrittensten Künstlerfiguren Italiens. Der 1998 in Rom gestorbene Konzeptkünstler hatte seine Anfänge in der Arte Povera, betätigte sich als Maler, Bildhauer, Philosoph und Architekt. Vor allem war er ein Querdenker, Geheimniskrämer und Dandy. Und der grüßt mit seiner Sound-Installation "D‘IO (God, From Me)" jetzt aus dem Jenseits.

Die Schlacht um Berlin

Die "Schlacht um Berlin", eine Biennale-Aktion am Plänterwald, haben wir leider verpasst. Kurz nach 14 Uhr kommt per Twitter schon die erste Nachricht von der Rummelsburger Bucht: "Viel mehr Journalisten anwesend als 1945". Da wollen wir auch noch hin. Wenig später aber twittert es: "Es ist vorbei!" Das Re-Enactment-Spektakel hat noch nicht einmal eine halbe Stunde gedauert und ist ganz ohne Panzer ausgekommen. Die Dokumentation wird vermutlich bald im Deutschlandhaus an der Stresemann-Straße gezeigt.

Murakami in Kreuzkölln

Apropos Trendbezirk. Man sagt ja, dass es mit dem angesagten Vierteln immer dann zu Ende geht, wenn die großen Ladenketten einziehen. So gesehen könnte es auch mit Kreuzkölln bald eine schlimmes Ende nehmen. Pünktlich zum Gallery Weekend hat sich dort jedenfalls der erste Großkonzern der Kunstwelt eingenistet. "Takashi Murakami und Kaikai Kiki freuen sich, die baldige Eröffnung der Galerie Hidari Zingaro Berlin bekannt zu geben", heißt es auf den Flyern, die vor der Dieffenbachstraße 15 verteilt werden. In der unspektakulären Ladengalerie malt eine japanische Künstlerin manga-artige Bilder. Es ist das Soft Opening von Murakamis neuster Filiale. Die feierliche Eröffnung ist für Juni geplant.

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2 Leserkommentare vorhanden

Michael Neff, Gallery Weekend Berlin

10:17

04 / 05 / 12 // 

Der Rubel rollt

Danke und schöner Artikel. Die Redaktion ist ja brav umtribieg in Berlin unterwegs gewesen (mehr als ich :-))...und zur allgegengewärtigen Gerüchteküche zum Sammlerpaar Rubells: Keineswegs werden sie nach Berlin oder Köln eingeflogen. Ich denke beide events stehen sehr gut da ohne Anschubfinanzierung in Form von Flugtickets und Hotellaken da:-) Die Rubells haben die zeitliche Annäherung zwischen der Art Cologne und unserem Gallery Weekend ordentlich genutzt und den Deutschen Mittelsstandsmuseen einen Besuch abgestattet, wie sie mir stolz in Berlin berichteten...in vielen Museen auf dem Jakosbweg von Köln nach Berlin prangt also nun das Rubell`sche Familienwappen im Gästebuch. Der Rubel rollt :-) Beste Grüße, Michael Neff

f. scholl

10:46

09 / 05 / 12 // 

und siehe da

eders neue arbeiten: ein tussen-maler auf abwegen...?

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