John Kaldor

Interview



"BEUYS WAR SO VERLIEBT"

John Kaldor ist nicht irgendein australischer Kunstsammler. Die Geschichte zeitgenössischer Kunst Down Under ist eng mit seinem Namen verbunden. In den letzten 40 Jahren hat der Mäzen und zweimaliger Kurator des australischen Pavillons auf der Venedig Biennale eine bedeutende Sammlung internationaler Kunst aufgebaut und es sich zur Aufgabe gemacht, Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen.

Anlässlich des 25. Kaldor Public Art Project mit Thomas Demand, der gerade in Sydney seine neue Serie "The Dailies" gezeigt hat, sprach art-Autorin Wiebke Gronemeyer mit John Kaldor über seine Leidenschaft für die Kunst, verliebte Künstler und zukünftige Projekte.

Herr Kaldor, Thomas Demand beschreibt das Gebäude der Commercial Travellers Association, in dem er hier in Sydney seine Fotografien der Serie "The Dailies" ausgestellt hat, als einen Betonpilz, der wie vergessen zwischen den Hochhäusern der Innenstadt Sydneys steht. Haben Sie ihm geholfen, diesen Ausstellungsort zu finden?

John Kaldor: Ich habe Thomas nach Australien eingeladen und ihm viele Gebäude in Sydney, Melbourne und sonstwo gezeigt. Überall sagte er: "Das ist ja ganz interessant, aber kein guter Ort für meine Arbeiten." Als er aber dann mal alleine in der Stadt unterwegs war hat er mich angerufen und gesagt er hätte seinen Ort gefunden, diesen "Pilz" mitten im Gewusel der Stadt, der da steht wie ein Überbleibsel aus den Siebzigern. Dann haben wir es möglich gemacht.

Und jetzt zeigt Demand je eine Arbeit in jedem der kuchenstückförmig angelegten Zimmer im runden Oberbau des Gebäudes. Die Fotografien beschäftigen sich thematisch mit dem Alltäglichen, den kleinen Dingen, die wir mit unseren Blicken im Vorbeigehen erhaschen, denen wir aber keine Aufmerksamkeit widmen – eine kaputte Steckdose, eine Uhr, etc. Was fasziniert Sie an den konstruierten Papierwelten Demands, die dann in der Fotografie wieder zur Oberfläche werden?

In meiner Sammlung besitze ich einige Fotografien und Videoarbeiten von Thomas, zum Beispiel "Rolltreppe" (2000), eine Animation einzelner Fotografien des Papiermodells einer Rolltreppe. Irgendwann fragte Thomas meine Frau einmal, was ich mit den Videoarbeiten machen würde. Sie sagte, ich würde von der Arbeit nach Hause kommen und mich erst einmal eine Stunde lang davor setzen und darauf starren, um mich zu entspannen oder nachzudenken. Ich kenne Thomas schon sehr lange und habe ihn wiederholt für ein Projekt nach Sydney eingeladen. Nun hat er meine Einladung endlich angenommen, und wir konnten etwas Neues realisieren.

Letztes Jahr hat die Art Gallery of New South Wales extra neue Räume gebaut, um ihre umfangreiche Sammlung, die sie dem Museum geschenkt haben, zu zeigen. Gleichzeitig blicken Sie auf 25 individuelle Projekte im öffentlichen Raum zurück, für die Sie in über 40 Jahren internationale Künstler nach Australien geholt haben. Doch wie hat alles angefangen?

Mit knapp 13 Jahren habe ich meine Leidenschaft für die Kunst entdeckt. Bevor ich als gebürtiger Ungar mit meiner Familie nach Australien kam, verbrachten wir 1948 einige Monate in Paris, wo wir als staatenlose Flüchtlinge vor dem Kommunismus darauf warteten, dass wir von einem Land aufgenommen wurden. Derweil schickten mich meine Eltern in eine örtliche Schule. Weil ich aber kein Französisch sprach, fand ich mich mit Fünfjährigen in einer Klasse wieder, was für mich keine Freude war. Durch meine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und auf der Flucht war ich für einen Zwölfjährigen doch schon recht erwachsen. So bat ich meine Eltern, nicht mehr in die Schule gehen zu müssen. Sie waren nur unter der Bedingung damit einverstanden: Ich sollte jeden Tag mit meiner Mutter ein Museum besuchen. Paris hatte so viel zu bieten, und wir wussten ja auch nicht, ob wir je wieder zurückkommen würden. So verbrachte ich viele Stunden mit der Kunst, was ich sehr genoss.

Wann haben Sie angefangen zu sammeln?

Als junger Mann arbeitete ich im Textilwesen. Mein damaliger Arbeitgeber schickte mich oft nach Paris und London. Das war so Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger zu der Zeit, als gerade Pop Art aufkam. Für wenig Geld, 50 oder 100 Dollar, habe ich dann erste Arbeiten gekauft, zum Beispiel von Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg.

Letztes Jahr haben Sie ihre Sammlung mit über 200 Werken der Art Gallery of New South Wales vermacht. Haben Sie nie daran gedacht ein eigenes Museum zu gründen?

Nein. Das hat mich nie interessiert. Ich wollte, dass so viele Menschen wie möglich meine Kunst sehen können. Dafür erschien es mir am sinnvollsten, die Sammlung einer der renommiertesten Institutionen Australiens zu vermachen, die sich gut um die Kunst kümmern können. Ich legte schon immer sehr viel Wert darauf, Kunst in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Das erste Kaldor Public Art Project veranstalteten Sie 1969 mit Christo and Jeanne-Claude, die einen Küstenstreifen verhüllten. Wie kam es dazu?

Als ich die beiden 1968 kennenlernte, lud ich sie nach Australien ein, um hier eine Ausstellung zu machen und einen Vortrag zu halten. Das lehnten sie ab. Stattdessen baten sie mich, einen Küstenstreifen zu finden, den sie einpacken könnten. Das war ein seltsamer Auftrag, fand ich, aber sie waren so charismatisch, dass ich mich auf die Suche machte. Knapp ein Jahr später haben sie dann Little Bay, eine kleine Bucht südlich von Sydney, verhüllt.

War Ihnen schon damals klar, das dies der Beginn einer Serie individueller Projekte im öffentlichen Raum war?

Nein, gar nicht. Doch dann erregte "Wrapped Coast" viel Aufmerksamkeit und erfuhr großen öffentlichen Zuspruch der Australier, die bis dato kaum Berührungspunkte mit internationaler zeitgenössischer Kunst hatten. Das ermutigte mich dazu weiterzumachen.

2004 hat die australischer Regierung Kaldor Public Art Projects dann den Status einer gemeinnützigen Organisation verliehen.

Das war sehr wichtig, denn jetzt können wir auch von Unternehmen und Förderern unterstützt werden. Ich habe ein kleines Team zusammengestellt, und seitdem ich mein Textilgeschäft aufgegeben habe konzentriere ich mich voll und ganz auf die Projekte. Allein in den letzten acht Jahren haben wir über 13 Stück realisiert, mit Jeff Koons, Sol Lewitt, Urs Fischer, Bill Viola, Santiago Sierra, und vielen mehr. Einmal habe ich auch Joseph Beuys eingeladen. Doch der war zu der Zeit so sehr in eine Engländerin verliebt, dass er nicht nach Australien kommen wollte.

Was steht denn als nächstes an? Im Mai kommt Gregor Schneider. Er war schon einmal 2007 hier und hat 21 große Käfige am Strand von Bondi Beach aufgestellt. Jetzt wird er sein Totes Haus u r in der Art Gallery of New South Wales zeigen.

Kaldor Public Art Projects

http://kaldorartprojects.org.au

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