Technokultur

Rezension



HISTORIKER DES TECHNO

Längst ist Techno keine Jugendbewegung mehr, sondern Gegenstand historischer Einordnung. Zwei neu erschienene Bücher untersuchen das Phänomen und zeigen, wie eng das Verhältnis zwischen Kunst und Techno war.
// KITO NEDO, BERLIN

Zum Ausgehen gehört, dass man sich am nächsten Morgen eher nur verschwommen an die Ereignisse der vorangegangenen Nacht erinnert. Und was kann man eigentlich noch über Nächte wissen, die eine oder zwei Dekaden zurückliegen?

Dennoch versuchen gleich zwei aktuelle Bücher über Feierkultur und DJ-Wesen in Berlin und Frankfurt genau dies: Sie handeln beide auf verschiedene Weise von der Frage, was da in den Neunzigern beziehungsweise der letzten Dekade los war und vielleicht auch davon, wie die Nacht, ihre Räume und Rituale, ihre Musik und Akteure die Gegenwartskultur prägten. Das ist nicht nur erinnerungstechnisch eine Herausforderung, denn schließlich gilt es – so steht es schon im Vorwort des dem gleichnamigen Frankfurter Club gewidmeten "Robert Johnson Book" – mindestens zwei Dinge zu meistern: "plausible Clubszenen … die nicht in Nostalgie versinken oder einen emotionalen Sachverhalt, für den es keine Worte gibt, in die richtigen zu packen." So ein Film aus Filmrissen verlangt also nach Bildern für vergangene Situationen, Räume, Zeit und Szenen. Soll dies gelingen, muss beim Erinnern die Nostalgieabwehr angeschaltet bleiben.

Gleich vorweg: Beide Neuerscheinungen schaffen es auf ihre Art, die Ausweitung der Nacht zu dokumentieren. Der gerade bei Suhrkamp erschienene Band "Der Klang der Familie", eine von den beiden Berliner Journalisten Felix Denk und Sven von Thülen produzierte, 400 Seiten starke Interviewcollage, die zu den Anfängen von Techno in Berlin Ende der Achtzigerjahre zurückgeht und die Szene bis zur Blütezeit Mitte der Neunziger verfolgt, vertraut dabei auf die Macht des gesprochenen Wortes. Obwohl sich im Buch vereinzelt auch schwarzweiße Fotos von Größen wie Wolfgang Tillmans oder Martin Eberle finden, geht es doch hauptsächlich um den Text, die erzählte Geschichte. Und diese hat ihre Vorläufer in zwei, drei Büchern: zum einen das bereits 1997 im Merve Verlag erschienene, "Mix, Cuts & Scratches" betitelte lange Gespräch zwischen Rainald Goetz und Westbam, zum anderen natürlich Jürgen Teipels Deutsche Postpunk-NDW-Collage "Verschwende Deine Jugend", veröffentlicht 2001, sowie Tobias Rapps 2009er Berlin-Techno-Reportage-Essay "Lost and Sound: Berlin, Techno und der Easyjetset".

Um dem Mythos Berlin auf die Spur zu kommen, führten Denk und von Thülen im Laufe eines Jahres mit über 100 Protagonisten Interviews über den Techno-Boom in der zunächst geteilten und später wiedervereinigten Stadt. Anschließend montierten sie das Material zu einer großen, flüssigen Erzählung, die ihren narrativen Sog entfaltet. Sie handelt von der Freiheit des Machens und denjenigen, die sich diese Freiheit nahmen. Beiden Autoren liefern damit nicht nur, wie die "Berliner Zeitung" bereits jubelte, den besten "Wenderoman, den man sich vorstellen kann", sondern entsprechen auch der großen Theoriemüdigkeit der Popkultur. Denn anstatt ihrem Gegenstand eine weitere DJ-Kulturtheorie anzuflanschen, lassen die Autoren zur Abwechslung mal die Macher selbst sprechen. Es gibt viel zu erzählen.

In den Geschichten von Türstehern, Produzenten, Barkräften, Alles-Machern und Ravern der ersten Stunde scheinen die Schlüsselmomente der letzten Berliner Jugendbewegung und ihre Orte erneut auf. Es wird deutlich: Techno lieferte nicht nur den Sound der Wiedervereinigung, sondern war Teil des Prozesses: "Die Vereinigung von Ost und West, die hat im Untergrund stattgefunden." wie etwa die Raverin Annie Lloyd erklärt. Die Feierkultur stellte zudem einen Bruch mit der verkrusteten Verweigerungshaltung des Punk her, die die Stadt bis dahin lähmte: "Im Techno" so der DJ und Produzent Mijk van Dijk, "war man für etwas, für die Musik, für den Lebensstil."

So wird die schillernde Techno-Szene als das "große eskapistische Meisterwerk" plastisch. Dr. Motte, der Erfinder der Loveparade, berichtet, wie es zu jenem berühmten Friede-Freude-Eierkuchen-Motto kam: "Im Vorfeld waren alle elektrisiert. Wir machen was Illegales, was auch noch legal ist. Fantastisch. Jeder Deutsche kann ja eine Veranstaltung unter freiem Himmel anmelden. Das steht im Grundgesetz. Was man daraus macht, ist jedem selbst überlassen. Die Begründung war klar: Friede – das ist ja auch Abrüstung, auf allen Ebenen. Freude – Musik als Mittel der Verständigung. Eierkuchen – für gerechte Nahrungsmittelverteilung." Die Parade ist längst Geschichte, doch später, unter Berlins Regierendem Bürgermeister Wowereit mutierte die Motte-Idee quasi zur bis heute gültigen Berliner Leitideologie: Man spricht von Politik, es geht aber um Party.

Von der Dehnbarkeit der Begriffe spricht auch der Kulturunternehmer Dimitri Hegemann, der erläutert, wie die gegenseitige Nutz-Beziehung zwischen Kunstbetrieb und Ausgehkultur in der Nachwendezeit funktionierte. Als Hegemann Anfang der Neunziger den ersten Tresor an der Leipziger Straße ("kein Wasser, kein Strom, kein Gas, kein gar nichts") von der Ostberliner Immobilienverwaltung mit der vorgeblichen Begründung anmietete, dort eine "Galerie mit Stehausschank" zu betreiben zu wollen: "Ein dehnbarer Gastronomiebegriff, der auch in Westberlin schon sehr kommod war für solche Orte." Tatsächlich wurde es um die Mitte der Neunziger Mode, zu Kunst-Vernissagen auch Djs zu buchen oder für hinterher gleich einen Club: Zwischen Kunst und Feierkultur herrschte also ein ausgeglichenes Ausnutzungsverhältnis, von dem beide Bereiche profitierten.

Und deshalb passt es auch gut in Bild, dass das andere aktuelle Club-Buch, das "Robert Johnson Book" im Schweizer Kunstbuchverlag JRP veröffentlicht wird: In Bildstrecken, Interviews und kurzen Essays wird hier coffeetable-tauglich die Geschichte des seit 1999 in Offenbach/Main existierenden Ladens verarbeitet, der stets die Schnittstellen zu anderen gegenwartskulturellen Bereichen wie Mode oder Kunst pflegte – ablesbar an Beiträgen von bildenden Künstlern wie Tobias Rehberger und Stefan Marx. Über das aktuelle Verhältnis von Hedonismus und Kunstschaffen lässt aus beiden Büchern trotzdem wenig ziehen. Das ist gut, aktuell geht es ja um mehr als die Geschichtsschreibung von schwer erinnerbaren Ereignissen.

Die Geschichte von Techno

Felix Denk, Sven von Thülen: Der Klang der Familie - Berlin, Techno und die Wende. Suhrkamp Verlag 2012, 14,99 Euro

Ata Macias, Christoph Keller (Hg.): Come in my Kitchen. The Robert Johnson Book. Christoph Keller Editions / JRP Publishers, 2012, 39,90 Euro

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