Gib mir Fünf!

Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Diesmal mit Kaucyila Brooke, Yüksel Arslan, "Hidden Stories", "Tomorrow" und "A wavy line is drawn across the middle of the original plans"
// KATHARINA SIEGEL
Karlsruhe: Do You Want Me To Draw You A Diagram?

In den achtziger und neunziger Jahren erarbeitet die amerikanische Künstlerin Kaucyila Brooke Werke, die an ältere Comics oder mittelalterliche Handschriften erinnern. In diesem Stil erzählt die Künstlerin in "Tit for Twat" etwa die Schöpfungsgeschichte anders: Madam ist die Frau an der Seite von Eve. Vom Paradiesgarten aus reisen sie durch unsere heutige globale Welt der Kultur und Medien.

Diese frühen Arbeiten weisen tendenziell eine medien- und popkulturelle Formsprache auf, interpretieren inhaltlich aber oft die tradierte Geschichtsschreibung neu, mit der weiblichen Begierde im Fokus. Aber die Ausstellung zeigt noch weitere Serien der Künstlerin, so dokumentieren und archivieren ihre Fotografien etwa die extravagante Garderobe der verstorbenen Schriftstellerin Kathy Acker, eine Ikone des Feminismus. Die auf Bügel vor neutralem Hintergrund gehängten Kleider, die damals der Inszenierung sexueller Identität dienten, werden jetzt gezeigt, als ob sie noch ein Körper ausfüllte und sich mit ihnen bewegte – zum Gedenken an die Verstorbene. In gezeichneten Diagrammen erklärt die Künstlerin ihre Werke und macht sie für die Betrachter zugänglicher.

Badischer Kunstverein. 20. April – 17. Juni 2012

Düsseldorf: Yüksel Arslan

Yüksel Arslans Weg zum fertigen Bild beginnt bereits lange bevor er den Pinsel ansetzt, beim selbstständigen Anmischen seines Malmaterials. Industriell hergestellte Farben verschmäht er. Er rührt Pigmente mit natürlichen Extrakten und Öl, Kohle oder Stein an, seine Farben leuchten in ungewohnter Stärke. Wie sein fertiges Werk beschäftigen sie sich mit dem Ursprünglichen im Menschen, oft bissig dargestellt: So reichen sich der Nahe Osten und die Westmächte nur vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Vorteile die Hände, stehen sich aber eigentlich als Hunde gegenüber. Sie greifen thematisch kulturelle Strömungen auf oder schwimmen gegen sie an, um an die Quelle unseres Menschseins zu gelangen: Sexualität und Fortpflanzung, generelle Aspekte, durch die wir einander ähneln, unabhängig davon, welchem Erdteil der Boden angehört, auf dem wir uns bewegen. Die Kunsthalle Düsseldorf präsentiert Arslans nahezu 200 Arbeiten seit 1959 erstmals außerhalb der Türkei.

Kunsthalle Düsseldorf. 21. April – 24. Juni 2012

Düsseldorf: Hidden Stories

Die in "Hidden Stories" ausgestellten Gemälde, Skulpturen, Collagen und Installationen erzählen im Wortsinn vom Verborgenen. Übersinnliches, für den menschlichen Verstand nicht mehr Greifbares oder tief im Unterbewusstsein vergrabene Erlebnisse und Kindheitstraumata werden an die Bildoberfläche geholt und nehmen an dieser ganz unterschiedliche Gestalt an. Dabei entstehen Gegenentwürfe zu unserer heutigen Welt. Nigel Cooke erzählt etwa die Apokalypse mittels Skulpturen und Bildern noch einmal aus ganz neuer Perspektive und Mike Kelleys Bilder lassen Kritik an den auf falschen Moralvorstellungen beruhenden Zwängen unserer Gesellschaft laut werden. Olaf Breuning taucht in seinen fotografischen Darstellungen von Menschen herab in die Tiefenpsychologie, um unser vielschichtiges Unterbewusstes zu ergründen. Die verdrängten Kindheitserfahrungen tauchen bei ihm etwa als rosa Monster auf. Genau so wie Paul Klee forderte: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar."

KAI10. Raum für Kunst. Arthena Foundation. 20. April – 14. Juli 2012

Köln: Tomorrow

Um die Jahrtausendwende sieht sich der Mensch vielen Fragen konfrontiert, die alle in einer münden: Was wird morgen sein? Geschlechterrollen verschieben sich, Räume überlagern sich infolge der Globalisierung und bergen in sich keine Orientierungspunkte mehr. Politische Umwälzungen und ökonomische Krisen reihen sich immer nahtloser aneinander. Und dann gibt es da noch die zweite, schwer greifbare, digitale Welt des Internets und dessen Vernetzungen. Das sind die Zeiten, in denen Utopien entstehen: Entwürfe von einer absolut wünschenswerten und somit unmöglichen Welt. Die Ausstellung "Tomorrow" präsentiert künstlerische Manifestationen von Utopien und Zukunftsvisionen, aber auch Arbeiten, die sich kritisch mit der momentanen Situation befassen. Sie stammen von Künstlern aus verschiedenen Regionen der Welt. "Sunny" von Hiroki Tsukunda ist etwa eine Kritik an der gegenwärtigen Situation: Dargestellt ist ein Mädchen, dass sich wie in einer Strandszene entspannt ausgestreckt hat. Doch wie in der Atompolitik, mit der sich Tsukunda seit Fukushima intensiv auseinandersetzt, trügt der Schein. Ihr Kopf ist wie eine zerstörte Architektur. Die Bastei in Köln ist ein 1924 von Wilhem Riphahn erstellter expressionistischer Bau und daher ein idealer Ort zur Inszenierung des Themas "Tomorrow".

Die Bastei. 20. April – 22. April 2012

Köln: A wavy line is drawn across the middle of the original plans

Die aktuelle Ausstellung des Kölner Kunstvereins präsentiert Künstler, deren Inspiration ganz nah, unmittelbar vor unseren Augen liegt. Sie lassen ihren Blick nicht in "metaphysische Zwischenwelten" schweifen. Der Stoff, aus dem die Normalität gemacht ist, einfaches Material wie man es im Baumarkt findet oder täglich in die Hand nimmt, reicht ihnen völlig aus, um ihre Kunst zu praktizieren. So sägt etwa Benjamin Hirte einem Hocker, wie man ihn aus Schulzeiten kennt, die Lehne ab. Diese Interventionen in unsere Alltagswelt sind oft minimal, aber vielleicht gerade deshalb so augenfällig: "A wavy line is drawn across the middle of the original plans" bedeutet im Deutschen ein wellenförmiges Durchkreuzungen von Originalplänen wie etwa Trampelpfade, die uns den Weg erleichtern.

Kölnischer Kunstverein. 19. April – 10. Juni 2012

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo