Damien Hirst

London

Süße Belohnung
Damien Hirst am Montag bei der Pressebesichtigung vor "The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living", 1991 (Foto: picture alliance / landov)

SÜßE BELOHNUNG

Mitbringsel für 38 000 Dollar, Hausverbot für einen Kritiker und eine lange Schlange vor den Schmetterlingen: Die Eröffnung von Damien Hirsts Retrospektive in der Londoner Tate schlägt Wellen
// HANS PIETSCH, LONDON

Wenn Paparazzi sich wie üblich am Eingang postiert hatten, um die ankommende Prominenz abzulichten, hatte der Londoner Regen sie vertrieben. Weit und breit keine Digitalkamera. Vielleicht waren sie der Vernissage aber auch ganz ferngeblieben, denn von Starlets und Models war nicht viel zu sehen. Vorbei sind wohl die Zeiten, da Damien Hirst die junge In-Crowd anlockt. Stattdessen fuhr das Establishment vor, Banker, Galeristen, Sammler, etablierte Künstler.

Einer, der sonst immer dabei ist, glänzte mit – erzwungener – Abwesenheit: Julian Spalding, früher Museumsdirektor in Manchester und Glasgow. Der Autor mehrerer kontroverser Bücher über die zeitgenössische Kunst macht in seiner jüngsten Veröffentlichung "Con Art" mit der, wie er glaubt, betrügerischen Konzeptkunst kurzen Prozess. Sie befinde sich seiner Ansicht nach ohnehin auf dem absteigenden Ast, und so empfiehlt er allen Besitzern von Hirst-Werken, diese schnellstens abzustoßen, ehe der Markt zusammenbricht. Der Lästerer bekam, anders als sonst, keine Einladung. Schon am Pressetag, wo er in der Ausstellung selbst in Fernsehinterviews über Hirst herziehen wollte, war ihm der Zugang verwehrt worden. "Aufgabe der Tate ist es, die Kunstdebatte zu fördern", schimpfte er vor den Toren des Museums, "dass ich vor den Werken nicht über sie sprechen darf, ist verwerflich."

Bei der Vernisssage war die Bar auf der die ehemalige Turbinenhalle überspannenden Brücke aufgebaut – dennoch fand eine erstaunliche Anzahl von Partygängern den Weg die lange Rolltreppe hinauf in den Vierten Stock. Also zur Ausstellung. Die riesige Schau, mit der die Tate, wie Direktor Sir Nicholas Serota sagt, "einen der größten lebenden Künstler" ehrt, war so voll wie die Brücke, auf der es etwas zu trinken gab. Selbst vor dem Schlangestehen scheute man sich nicht: um in den Raum mit fröhlich herumflatternden Schmetterlingen zu gelangen, musste man große Geduld haben. Doch die Belohnung ist süß: Nichts geht über einen mit dem i-Phone gemachten Schnappschuss von der Gefährtin mit einem exotischen Schmetterling auf der Schulter.

Wenig Abfälliges war zu hören. Lediglich der aus der Vitrine "A Thousand Years" (1990) dringende üble Geruch eckte an. In ihr tummeln sich Schmeissfliegen, laben sich an einem gehäuteten Kuhschädel und werden von einem elektrischen Fliegentöter exkutiert. Und auch die in einen gigantischen Aschenbecher geworfenen stinkenden Zigarettenkippen – "Crematorium" (1996) – ernteten Naserümpfen. Ansonsten aber alles edel und luxuriös. Plastiker Antony Gormley, wie Hirst eines der Zugpferde von Jay Joplings Galerie White Cube, brachte es auf den Punkt: "Für Damien eine erstaunlich elegante und zurückhaltende Schau".

Als weiterer Anziehungspunkt erwies sich der Shop, in dem man immerhin einen signierten und auf 50 Exemplare limitierten bemalten Totenkopf für 38 000 Pfund erstehen kann. Neben den üblichen Postkarten und T-Shirts gibt es auch mit Hirsts Spots geschmückte Regenschirme, Skateboards und Liegestühle zu kaufen. Reissenden Absatz fanden neben dem Katalog auch mit Schmetterlingsmotiven verzierte Porzellanteller. Eine limitierte Ausgabe von 12 Tellern kostet immerhin mehr als 10 000 Pfund. Geldverdienen ist für Hirst ja kein Schimpfwort und er legt Wert auf die Festellung, dass "Kunst die beste Währung" ist.

Die Wenigsten fanden jedoch den Eingang zu der schwarzen Box in der Turbinenhalle, in der der Meister unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen sein Meisterwerk zur Schau stellt: "For the Love of God" (2007), den mit 8 601 Diamanten besetzten Totenschädel, der angeblich immer noch für 50 Millionen Pfund zum Verkauf steht.

Die Titelgeschichte des April-Hefts von art porträtiert Damien Hirst. Lesen Sie dort die Geschichte des Business Punks, der lange sagte: "Ich mag keine Kunstmuseen. Wenn man dort angekommen ist, ist man tot."

Damien Hirst

Tate Modern: Exhibition 4 April – 9 September 2012

http://www.tate.org.uk

Kommentieren Sie diesen Artikel

3 Leserkommentare vorhanden

wernerhahn

11:34

06 / 04 / 12 // 

Vernissage-ART-HOFBERICHTERSTATTUNG – art-INFARKT …

Einer, der sonst immer dabei ist, glänzte mit – erzwungener – Abwesenheit: Julian Spalding, früher Museumsdirektor in Manchester und Glasgow. Der Autor mehrerer kontroverser Bücher über die zeitgenössische Kunst macht in seiner jüngsten Veröffentlichung "Con Art" mit der, wie er glaubt, betrügerischen Konzeptkunst kurzen Prozess. Sie befinde sich seiner Ansicht nach ohnehin auf dem absteigenden Ast, und so empfiehlt er allen Besitzern von Hirst-Werken, diese schnellstens abzustoßen, ehe der Markt zusammenbricht. Der Lästerer bekam, anders als sonst, keine Einladung. Schon am Pressetag, wo er in der Ausstellung selbst in Fernsehinterviews über Hirst herziehen wollte, war ihm der Zugang verwehrt worden. "Aufgabe der Tate ist es, die Kunstdebatte zu fördern", schimpfte er vor den Toren des Museums, "dass ich vor den Werken nicht über sie sprechen darf, ist verwerflich." Bei der Vernisssage war die Bar auf der die ehemalige Turbinenhalle überspannenden Brücke aufgebaut – dennoch fand eine erstaunliche Anzahl von Partygängern den Weg die lange Rolltreppe hinauf in den Vierten Stock. Also zur Ausstellung. Die riesige Schau, mit der die Tate, wie Direktor Sir Nicholas Serota sagt, "einen der größten lebenden Künstler" ehrt, war so voll wie die Brücke, auf der es etwas zu trinken gab. Selbst vor dem Schlangestehen scheute man sich nicht: um in den Raum mit fröhlich herumflatternden Schmetterlingen zu gelangen, musste man große Geduld haben. Doch die Belohnung ist süß: Nichts geht über einen mit dem i-Phone gemachten Schnappschuss von der Gefährtin mit einem exotischen Schmetterling auf der Schulter. Wenig Abfälliges war zu hören. Lediglich der aus der Vitrine "A Thousand Years" (1990) dringende üble Geruch eckte an. In ihr tummeln sich Schmeissfliegen, laben sich an einem gehäuteten Kuhschädel und werden von einem elektrischen Fliegentöter exkutiert. Und auch die in einen gigantischen Aschenbecher geworfenen stinkenden Zigarettenkippen – "Crematorium" (1996) – ernteten Naserüm

wernerhahn

11:36

06 / 04 / 12 // 

Vernissage-ART-HOFBERICHTERSTATTUNG – art-INFARKT …

Warum lange Schlange vor den Schmetterlingen gesichtet wurden, frage ich mich: Die Eröffnung von Damien Hirsts Retrospektive in der Londoner Tate mit ESTABLISHMENT - „Banker, Galeristen, Sammler, etablierte Künstler“ – war wohl wichtig, um gesehen zu werden. Zerpflückte Schmetterlinge mals SYMMETRISCH (radiär, bilateral) von fleißigen Assistenten angeordnet – ist noch KEINE INNOVATION in der Bildenden Kunst. Julian SPALDING - früher Museumsdirektor in Manchester und Glasgow – hat RECHT: sog. zeitgenössische Kunst-MARKT-Kunst/AntiKUNST ist „betrügerisch“: Dass der Institutionelle „allen Besitzern von Hirst-Werken“ empfiehlt, „diese schnellstens abzustoßen, ehe der Markt zusammenbricht“, ist nicht zu verstehen. „OCCUPY-Kunstmarkt“ scheint NICHT seine Devise zu sein. Lästern und über HIRST herziehen: das erwarte ich auch von „art“ – will das KUNSTmagazin ERNST genommen werden. JA sicher: „Aufgabe der Tate ist es, die KUNST-Debatte zu fördern", schimpfte der Museumsmann - "dass ich vor den Werken nicht über sie sprechen darf, ist verwerflich". Die riesige Schau, mit der die Tate, wie Direktor Sir Nicholas SEROTA sagt, "einen der größten lebenden Künstler" zu ehren, ist KUNST-historisch/wisseschaftlich gesehen ein SKANDAL zum art-INFARKT. Vom Markt-Establishment war natürlich NICHTS „Abfälliges“ zu hören. NASE-Rümpfen …“edel und luxuriös“ …. Wie das „Meisterwerk“ - "For the Love of God" (2007), mit 8 601 Diamanten besetzter Skandal-Totenschädel, der angeblich immer noch für 50 Millionen Pfund zum Verkauf stehe. Die Titelgeschichte des April-Hefts von art porträtiert Damien Hirst – ebenda Kommentare KRITISCH ….

wernerhahn

19:39

06 / 04 / 12 // 

Ikone des Kapitalismus

Wolfgang Ullrich - Kunsthistoriker & kritischer Kunst-Kritiker - betrachtet Werke wie den mit 8.600 Diamanten besetzten Totenschädel des Künstlers Damien Hirst, den er als Ikone des Kapitalismus interpretiert. IN: An die Kunst glauben [Taschenbuch] 2011 mehr dazu.

Abo