20 / 03 / 2008
Thomas Krens
Interview
NEUES GLÜCK IN DER WÜSTE
Thomas Krens tritt ab! Das war dann doch eine ziemlich große Überraschung. Zwar stand der mächtige Guggenheim-Chef, der seit 20 Jahren das New Yorker Museumsimperium leitet, immer wieder unter Beschuss. Aber entweder hatte er seine Kritiker bekehrt oder einfach links liegen gelassen.
Mal sorgte sein laxer Umgang mit Stiftungskapital und Kunstschätzen für Aufregung, mal sein tollkühner Expansionsfeldzug, mal sein selbstherrlicher Führungsstil (art 3/2003). Doch alle Vorwürfe perlten von ihm ab wie Wasser vom Otternpelz. Die letzte Schlacht gewann Krens, 61, vor drei Jahren: Als Peter B. Lewis, damals Vorsitzender des Guggenheim-Verwaltungsrats und Millionenspender des Museums, den umtriebigen Direktor zu mehr Sparsamkeit und Konzentration auf die Museumsgeschäfte im New York verpflichten wollte, holte sich Krens einfach ein paar bessergesonnene Mitglieder in den Verwaltungsrat. Schließlich legte Lewis entnervt sein Amt nieder. Letztes Jahr kündigte dann auch Lisa Dennison, die geschäftsführende Direktorin des Guggenheim New York und Krens langjährige Vertraute.
Jetzt also nimmt der visionäre Museumsmann, der ein exzentrisches Ausstellungshaus für abstrakte Kunst zum globalen Markennamen machte, seinen Hut. Natürlich geht auch das nicht ohne große Geste. Krens bleibt "Senior Advisor for International Affairs" der Guggenheim-Stiftung und wird ihr vielleicht größtes Projekt weiter vorantreiben: das Guggenheim-Abu Dhabi, ein 42000 Quadratmeter großer Museumskomplex auf Saadiyat Island, der "Insel des Glücks", in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Kurz vor seinem Rücktritt traf art Thomas Krens zur Besichtigung der 27 Quadratkilometer großen Wüsteninsel vor der Küste Abu Dhabis.
art: Sie planen hier ein 30 000 Quadratmeter großes Museum – das größte Guggenheim der Welt. Warum gerade in Abu Dhabi?
Thomas Krens: Warum nicht? In einer Welt, die zunehmend global funktioniert ist es ein Dünkel zu glauben, zeitgenössische Kunst sei das exklusive Eigentum Europas und des Westens. Auch in Asien, Afrika oder im Mittleren Osten werden wichtige kulturelle Aussagen gemacht. Kultur kann ein Mittel sein, trennende Gräben der Verständigung zu überbrücken. Die Entscheidung, ein Guggenheim-Museum in Abu Dhabi zu bauen, eröffnet uns die Möglichkeit, neu zu definieren, was ein Museum heute sein könnte. Die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen und sich mehr abzugrenzen, könnte fürchterliche Konsequenzen haben.
Welche Konsequenzen meinen Sie?
Es geht ums langfristige Überleben und dauerhafte Relevanz. Wenn wir hier Erfolg haben, können wir eine Plattform für globale Kultur werden – mit einer Betonung der hiesigen Traditionen, von denen wir einiges lernen können. Die islamische Kultur des achten, neunten Jahrhunderts war eine der progressivsten, fortschrittlichsten wissenschaftlichen und künstlerischen Kulturen der Welt.
Ist es nicht merkwürdig, dass sich solch eine traditionsreiche Kultur jetzt die Museen aus dem Westen holt?
Das ist kein Kulturkrieg. Es geht um den Transfer von Informationen und Technologie. Dieser Teil der Welt genießt die Vorzüge eines außergewöhnlich reichen Reservoirs an natürlichen Rohstoffen und hat intelligente Entscheidungen getroffen, diese Reichtümer einzusetzen. Es gibt hier keine kulturelle Infrastruktur, keine Kunstmuseen oder Konzertsäle. Aber das eröffnet auch neue Möglichkeiten. Schauen Sie sich doch mal in diesem Hotel um, sehen Sie das Konsumverhalten, die Automarken. Unsere Kulturen sind ähnlich und anders zugleich.
20 / 03 / 2008
