CityLeaks

Köln



STRASSENKUNST

Das Festival CityLeaks gibt internationalen Straßenkünstlern freie Hand und lockt damit etliche Stars der Szene an den Rhein. Seit letzter Woche sind 20 Wandbilder von smash137, El Bocho oder Herakut in Köln entstanden, nun zeigt eine Ausstellungswoche die Street Art in Off-Locations und Galerien.
// MICHAEL KOHLER, KÖLN

Obwohl Keith Haring die Graffiti schon vor 30 Jahren museumsreif machte, riecht die Straßenkunst immer noch etwas nach Urin. Das liegt an den zahllosen Mauern, Hinterhöfen und Unterführungen, an denen mal mehr und mal weniger begabte Sprayer mit Kritzeln ihr Revier markieren.

Auf diesem soliden Grund der urbanen Sonntagsmalerei ruht auch – der Name sagt es – das Kölner Urban Art Festival CityLeaks. Gleichzeitig lässt es ihn mit einer Auswahl von 44 internationalen Künstlern und Künstlerduos himmelweit unter sich. Dabei erweist sich die immer noch um Anerkennung ringende Straßenkunst in handwerklicher Hinsicht als erstaunlich konservativ: So eindeutig kommt Kunst sonst nirgendwo von Können.

In ihren Pioniertagen war die Straßenkunst grundsätzlich eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Mittlerweile hat sich das zwar geändert, doch sind die Arbeitsbedingungen, die CityLeaks seinen Künstlern bietet, trotzdem etwas Besonderes. Jedem Gast wird eine großflächige Hausfassade, eine mobile Hebebühne und eine Farbdosen-Palette gestellt, außerdem bekommt er freie Hand bei der Auswahl des Motivs und vor allem mehrere Tage Zeit. So sind ausgefeilte Malereien wie Claudio Ethos surrealistisch ausfransender Mönch oder eine zwischen Konstruktivismus und Groteske schillernde Figur von AMOSE entstanden. Über die virtuose Dosenführung und Maltechnik (mit Sprühaufsätzen werden die verschiedenen „Pinselstärken“ erzeugt) kann man auch in den meisten anderen Fällen nur staunen. Passend dazu wurden die Malarbeiten überwiegend freundlich begrüßt und waren teilweise von Fans umlagert. Auch soll lediglich eine private Hausbesitzerin ihre Teilnahme am Festival mittlerweile bereuen; allerdings ist ein fassadenfüllender, gehäuteter und kopfüber an den Pfoten aufgehängter Feldhase auch nicht jedermanns Geschmack.

Seit einigen Jahren lässt sich die zunehmende Professionalisierung der Straßenkunst nicht mehr übersehen. Etliche Künstler werden von Galerien vertreten oder von Spraydosen-Herstellern unterstützt, smash137 machte laut CityLeaks-Kuratorin Anne Scherer Karriere, als er sich vor einem Schweizer Gericht schuldig und gleichzeitig zu seiner Berufung „seriöse Kunst“ bekannte. Gerade bei seiner Arbeit zeigt sich allerdings die leichte – möglicherweise aber auch nur große Teile der Straßenkunst getreu abbildende – konzeptionelle Schwäche des insgesamt gelungenen Festivals. Zwar hat Köln einige neue Schauseiten bekommen. Andererseits könnten alle auch in anderen Städten stehen. Man hat praktisch nie den Eindruck, die Künstler hätten sich auf die Umgebung ihrer Wände eingelassen.

Es fehlt also, was der Street Art, vor allem in Person von Banksy, zu Aufmerksamkeit verhalf: soziale Eulenspiegeleien, die als Stolpersteine ins Straßenleben eingelassen sind. Ansätze dazu gibt es von El Bocho, der seine Porträtreihe "Citizen" auf Köln ausdehnt und mit Kalle und Bernd zwei sprechende Überwachungskameras aus Berlin mitbrachte. Insgesamt erfordern derartige "Eingriffe" in den Alltag aber einen konzeptionellen wie logistischen Aufwand, der von einem schamlos unterfinanzierten Festival wohl schlichtweg nicht zu leisten ist.

Seit dem 16. September wird das CityLeaks-Festival um eine Ausstellungswoche erweitert, in der einige Szenegrößen in alternativen Räumen und ausgewählten Galerien zu sehen sind. Zu ihnen gehört Stefan Strumbel, der kürzlich mit seiner deutschen Heimatkunst in den USA für Wirbel sorgte, und mit Jim Avignon ist sogar ein Elder Statesman der Straßenkunst vor Ort. Das Rahmenprogramm umfasst neben einem Symposium, täglichen Führungen, mehreren Workshops und Konzerten natürlich jede Menge Partys. Außer den Stars sollten dort auch die unermüdlichen CityLeaks-Macher ausgiebig gefeiert werden.

Urban Art Festival CityLeaks Cologne

bis 25. September 2011

http://www.cityleaks-festival.de

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5 Leserkommentare vorhanden

Tobias Sänger

12:16

20 / 09 / 11 // 

falsches Fazit

Dass der sich oben als Titelbild abgebildete Bud Spencer (Shopping Sucks!) an einer Wand befindet, in deren unmittelbarer Nachbarschaft Teil des alternativen Kunst- und Partyviertels abgerissen und einer großen Shoppingmall weichen soll, wurde - glaube ich - übersehen. Oder wie wäre es mit dem riesigen Captain Borderline Mural (Kinogehirnwäsche) unmittelbar neben dem Cinedom? Ein bisschen genauer hinschauen bitte!

.

14:35

20 / 09 / 11 // 

doppelt falsches Fazit

@ Tobias Sänger: wer einen BLU mit Captain Borderline verwechselt, hat in meinen Augen nicht viel zu kamellen was das Thema Streetart betrifft...

amelie krug

15:51

20 / 09 / 11 // 

re: doppeltfalsch

seitdem es QR codes an allen CityLeaks wänden gibt, wird es auch laien nicht schwer fallen, die richtigen wände den richtigen künstlern zuzuweisen. das bild "gehirnwäsche" am mediapark (in unmittelbaren umgebung des cinedom) stamm vom kölner künstlerkollektiv captain borderline. direkt daneben befindet sich das BLU-mural mit der giftgrünen hydra. ich kann mich der meinung von tobias sänger nur anschließen. bei den führungen des CityLeaks festivals habe ich erfahren, dass viele der künstler auf die aktulle kölner politik (siehe mural von thomas baumgärtel und captain borderline an der marzellenstrasse) eingegangen sind. meine persönliche lieblingswand befindet sich in der wißmannstr auf einem kinderspielplatz. hier hat die südafrikanische künstlerin Faith47 eine madona gemalt, wobei sie die farbgebung ihrer bilder immer an die äußere umgebung anpasst. umbedingt empfehlenswert!!!

blabla

18:15

20 / 09 / 11 // 

team robbo

streetart ist doch längst kein kritisches medium man versucht doch nur noch sein image als rebellische jugenkultur zu pflegen. langweilige künstler,rebellion der angepassten...

noron

19:17

27 / 09 / 11 // 

team robbo: kritisches medium?

graffiti ist auch kein kritisches medium mehr insofern es zumeist ja um den eignen Ego push oder dem gemeinsamen Egopush der Crew geht und Graffiti somit die Richtung der ganzen Gesellschaft wiederspiegelt nur halt im Mikrokosmos der Szene. Aber ein Medium wie Graffiti oder Streetart gefüllt mit gesellschaftskritischen Inhalten die auf mehr als den eigenen Namen verweisen wird weiterhin dringend benötigt in der heutigen Zeit...

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