Surrend

Kunstverein Tiergarten

"Es wird kein Plakat aus der Ausstellung zurückgezogen"

"ES WIRD KEIN PLAKAT AUS DER AUSSTELLUNG ZURÜCKGEZOGEN"

Einige wütende junge Männer muslimischen Glaubens haben am Dienstag den Kunstverein Tiergarten in Berlin bedroht und verlangt, ein Werk in der Ausstellung der dänischen Künstlergruppe Surrend abzuhängen. Der Kunstverein hat die Ausstellung vorläufig geschlossen und versucht nun, gemeinsam mit dem Landeskriminalamt ein Sicherheitskonzept zu erarbeiten.
// ELKE BUHR

"Wir würden gern wieder eröffnen, aber wir müssen die Sicherheit von Mitarbeitern und Besuchern gewährleisten", erklärte der Leiter des Kunstvereins Ralf Hartmann im Interview mit art. Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Sammlung von 21 satirischen Plakaten, in denen Surrend die verschwörungstheoretische Mär von der "Zionistischen Weltverschwörung" aufspießt.

Diese antisemitische Theorie wird vor allem von Rechtsradikalen verbreitet, und so behandelt ein Großteil der Karikaturen diesen Bereich. Einige Plakate haben aber auch den Antisemitismus der arabischen Welt zum Thema, genauso wie die Verschwörungstheorien ultraorthodoxer Juden selbst.

Das von den Muslimen kritisierte Plakat ist Teil einer Serie von vier, die jeweils mit einem schwarzen Quadrat arbeiten. Karikiert werden ein Mann mit Hitlerbart, ein autonomer Block und orthodoxe Juden. Auf dem vierten Plakat der Serie ist auf einem Foto die Kaaba in Mekka zu sehen, Sprechblasen schreiben Pilgern Verdächtigungen gegen die Juden zu, und kommentiert wird die Szene mit der Überschrift "Dummer Stein". "Die Serie richtet sich gegen Radikalismus jeder Form", sagt Ralf Hartmann.

Die Ausstellung war am vergangenen Freitag von Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste und selbst bekannter Plakatkünstler, eröffnet worden. Wie Ralf Hartmann erzählte, versammelten sich am Dienstag eine größere Menge heftig diskutierender Bürger vor den Galerieräumen. Er und seine Mitarbeiter hätten das Gespräch gesucht. Gegen Abend hätten dann sechs sehr aufgebrachte junge Männer den Kunstverein betreten und gedroht, es würden Steine fliegen, wenn "das Scheiß-Plakat" nicht wegkomme.

Die Künstlergruppe Surrend arbeitet seit Jahren mit provokanter politischer Satire. Nachdem im vergangenen Jahr beispielsweise die Berliner "taz" mit der Überschrift "Polens neue Kartoffel" eine diplomatische Krise mit den polnischen Regierungs-Brüdern Kaczynski ausgelöst hatte, verteilte Surrend in Polen Aufkleber, auf denen zwei Kartoffeln auf einer schwarz-rot-goldenen Fahne zu sehen waren, mit dem Kommentar "Deutsche Kartoffeln sind schöner".

Ärger brachte im Mai 2007 ein Plakat, auf dem der Kopf von Russlands Präsident Putin in einer Zielscheibe zu sehen war. Groß darüber stand "Erschießt Putin", klein darunter "Journalisten?". Polizisten in Wien, die das Kleingedruckte offenbar übersehen hatten, nahmen Jan Egesborg von Surrend, der die Plakate aufgehängt hatte, wegen Terrorismusverdachts vorläufig fest.

Zu sehen war dieses Plakat im Sommer 2007 bei einer Ausstellung im Karikaturen-Museum in Kassel, die den Titel "Artikel 5" trug, nach dem Artikel im deutschen Grundgesetz, der die freie Meinungsäußerung garantiert. Auf diesen Artikel will sich Surrend auch für die Berliner Ausstellung berufen, und zwar kompromisslos. "Es wird kein Plakat aus der Ausstellung zurückgezogen, sie ist ein Gesamtkunstwerk. Wir zeigen entweder alle 21 oder gar nichts", sagte Ralf Hartmann.

"ZOG – Surrend"

Termin: bis 29. März, Kunstverein Tiergarten, Berlin.

http://www.kunstverein-tiergarten.de

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4 Leserkommentare vorhanden

Arne Jansen

21:07

08 / 03 / 08 // 

Dumme Kunst

Die Mohammedkarikaturen sind noch nicht von der Bildfläche, da bahnt sich schon das nächste fahrlässig vorprogrammierte kulturelle Missverständnis an. In einer Serie Plakate der Künstlergruppe ZOG in der Galerie Nord in Moabit, die eigentlich eine Parodie auf den Mythos einer zionistischen Weltverschwörung sein soll, steht die Kaaba inmitten von Pilgern mit der Überschrift „Dummer Stein“. Mit Mühe könnte man dies in den Kontext der Ausstellung bringen, aber doch sticht dieses Plakat sofort heraus, mit einer Vorahnung dessen was dann folgt, mit der Sicherheit eines Pavlowschen Reflexes. Nur der Kunstverein als Organisator und die Bezirkspolitik wurden anscheinend im Schlaf der Unschuldigen überrascht, um in Teil 2 des Geschehens aufzuwachen. Es wurde mit Steinen gedroht um prompt kamen die Verteidiger von Kunst- und Meinungsfreiheit auf die Bühne um reflexartig zu verkünden das man sich keinesfalls Gewalt beugen werde. Da herrscht auch Konsens rundum. Teil 1 ist aber wesentlich interessanter. In einem ohnehin aufgeheizten Klima wieder eine vorhersehbar als Provokation empfundene Darstellung zu präsentieren fragt nach dem Warum. Irritierend finde ich hierbei nicht die unterstellte Überempfindlichkeit und vermeintliche Ignoranz von muslimischen Kunstbanausen, wobei dann in der öffentlichen Diskussion auch noch eben schnell der ganze Frust über zu viele Kopftücher, adrenalingesteuerte Jugendliche, und zu wenig Anpassung überhaupt mit reingemischt wird, sondern die arrogante Ignoranz in unserer Kultur und die Anmaßung über das Recht auf beleidigt sein in einer fremden Religionsgemeinschaft entscheiden zu wollen. Wissend um die tief verwurzelten Vorurteile auf beiden Seiten und den daraus folgenden großen Bedarf an Dialog macht es macht mich auch traurig. Warum nur wieder so eine platte vorhersehbare Provokation Richtung Islam? Der Verweis, das man ja schließlich auch andere Symbole auf die Schippe nehme, geht nicht auf. Keines der anderen verwendeten Symbole hat in den Ursprungskulturen

Arne Jansen

21:10

08 / 03 / 08 // 

Dumme Kunst Teil2

Keines der anderen verwendeten Symbole hat in den Ursprungskulturen annähernd die emotionale Bedeutung wie das der Kaaba. Spätestens seit dem Konflikt um die Mohamedkarikaturen sollte man hier sensibilisiert sein. Und, weil der Vorwurf sofort erhoben wird, es hat nichts mit Ablehnung von Kunst- oder Meinungsfreiheit seitens unserer muslimischen Gemeinschaft zu tun. Es betrifft vielmehr eines jener Tabus wie sie in allen Gesellschaften vorkommen. Die Kaaba gilt als zentrales Heiligtum des Islam und als Symbol für die Hadsch, eine der fünf Säulen des Islam. Sie hat damit genauso wie der Prophet Mohammed oder der Koran eine große religiöse und unter Muslimen damit auch emotionale Bedeutung. Etwas was in unserer Gesellschaft schwer nachzuvollziehen ist. Auch weil wir sehr selbstzentriert im Denken sind. Aber auch unsere westliche Kultur hat solche Tabus, selbst wenn sie sich von vielen befreit hat. Es kann durchaus sinnvoll sein bestimmte Tabus in Frage zu stellen. Kunst hat hier, eben weil sie als gesellschaftlicher Faktor immer etwas freier war, ihre Rolle gespielt. Es gab dann aber ein Ziel in dieser Tabuverletzung: gesellschaftliche Veränderung, lösen von verkrusteten Denkmustern u.ä. . Das Ziel war hierbei nachvollziehbar. Die Folgen waren, weil man als Teil derselben Kultur mit den Tabus als solche vertraut war, abschätzbar. Und es war ein Konflikt innerhalb einer Kultur. Ein solches Ziel kann ich hier aber in keinerlei Weise erkennen. Für die künstlerische Aussage hätte man ohne weiters ein anderes Motiv wählen können. Das Heiligtum steht nicht für Extremismus. Ein provokanter Umgang hiermit ist ungeeignet als Mittel eine gesellschaftliche Diskussion innerhalb des Islam anzustoßen , wenn dies beabsichtigt sein sollte. Die schöne graphischen Spielerei im Zusammenhang mit dem Schwarzen Block ist als Auswahlkriterium völlig unzureichend. Naivität bei der Auswahl? Das ist bei Künstlern die Provokation bewusst als Mittel wählen unwahrscheinlich. Das legt den Verdacht nahe das es um kal

Arne Jansen

21:11

08 / 03 / 08 // 

Dumme Kunst Teil3

Das legt den Verdacht nahe das es um kalkulierte Effekthascherei geht. Garantierte Medienaufmerksamkeit, und auf Grund der vorhersehbaren Reaktion die Selbstinszenierung als kulturell überlegener Vorkämpfer für Meinungsfreiheit. Europa hat leider auch eine Tradition um seine Wertvorstellungen anderen Kulturen als überlegen überstülpen zu wollen. Die Arroganz mit der hier über die Gefühle von Muslimen gewalzt wird hat etwas von einem kulturellen Neokolonialismus. Es ist ein Widerspruch sich frei eines Symbols einer anderen Kultur zu bedienen und sich aber in keiner Weise Gedanken über die Bedeutung innerhalb des Kontextes der Ursprungskultur zu machen und vorauszusetzen das man sich gefälligst an die hier herrschende Bewertung davon anzupassen habe. Das etwas, das für uns ohne weiteres als harmlose Satire erkennbar ist, dort als tiefe persönliche Verletzung aufgefasst werden kann wird ignoriert. Eine globalisierte Welt erfordert eine Neuorientierung auch in der Kunst im Umgang mit kulturellen Tabus. Der Hang zur Provokation, um ihrer selbst willen, um seine Freiheit zu beweisen, hat etwas traurig Zwanghaftes, Anachronistisches. In unserer selbstzentrierten Besessenheit von Freiheit haben wir anscheinend jene Freiheit verloren ein kleines Stück Respekt zu zeigen, mehr ist nicht gefragt. Diese Verweigerungshaltung ist letztendlich auch eine Form von Extremismus, gegen den sich die Künstler eigentlich stellen wollen. Es fehlt hier in unserer hochzivilisierten und intellektualisierten Gesellschaft ein Stück einfacher Menschlichkeit. Die beabsichtigte, oder wissentlich in Kauf genommene Provokation von Muslimen hat in einem ohnehin schwierigen gesellschaftlichen Klima zwei Lager wieder fest in ihre Positionen gezwungen. Auf der eine Seite Muslime, hier und in der Welt, die das Gefühl haben der Westen habe keinen Respekt vor ihrem Glauben und benehme sich überheblich, auf der anderen Seite Vertreter unserer westlichen Gesellschaft die meinen die Meinungsfreiheit und die Errungenschaften unsere Zivil

Arne Jansen

21:13

08 / 03 / 08 // 

Dumme Kunst Teil4

die Errungenschaften unsere Zivilisation wären in Gefahr und nicht anders können als diese lautstark mit viel Trara zu verteidigen. Die vorhandene Spaltung wird verfestigt anstatt eine Öffnung zu bringen. Das proklamierte eigentliche Ziel der Ausstellung geht völlig unter, anstatt dessen betreibt man gesellschaftspolitischen Vandalismus.

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