NS-Raubkunst

Düsseldorf

"Das Bild muss raus aus der Ausstellung"
Das "Raubkunst"-Gemälde: Abraham Mignons Stillleben "Fruchtkorb an einer Eiche" (um 1670) wird im Museum Kunstpalast mit dem Hinweis "Provenienz Gertrude Bühler, verw. Traube, zwangsversteigert 1935, entschädigt im Vergleichswege durch das Land Berlin 1962" ausgestellt (Courtesy Stiftung Museum Kunstpalast)

"DAS BILD MUSS RAUS AUS DER AUSSTELLUNG"

Im Rahmen ihrer Neupräsentation stellt die Stiftung Museum Kunstpalast das Gemälde "Fruchtkorb an einer Eiche" von Abraham Mignon zur Schau. Dagegen protestieren die Erben der ehemaligen Besitzerin, die das Bild 1935 zwangsversteigern ließ.
// THERESA SENK

Unter den 450 Kunstwerken vom Mittelalter bis zur Gegenwart, die aktuell in der Neupräsentation der Sammlung im Museum Kunstpalast ausgestellt sind, ist den Besuchern das Ölgemälde „Fruchtkorb an einer Eiche“ des deutsch-niederländischen Malers Abraham Mignon (1640 bis 1679) vielleicht gar nicht weiter aufgefallen. Die Erben der einstigen Eigentümerin sind von der öffentlichen Präsentation dagegen tief betroffen.

Denn wie viele Bilder, die zur Nazi-Zeit im jüdischen Besitz waren, hat das barocke Stillleben von Mignon eine dunkle Vergangenheit: Es gehörte einst der Jüdin Gertrude Bühler, die das Bild am 4. Mai 1935 im Rahmen einer sogenannten Judenauktion zwangsversteigern ließ und im Mai 1945 kurz nach der Befreiung von Krankheit gezehrt verstarb. Damit steht die Neupräsentation der Sammlung im Schatten der Raubkunst-Diskussion.

Seit mehr als zwei Jahren bemüht sich die mittlerweile 86-jährige Tochter von Gertrude Bühler zusammen mit ihren Söhnen um die Rückgabe des Stilllebens. Erst Ende 2008 erfuhren sie, dass sich der "Fruchtkorb an einer Eiche", auch "Stilleben mit Fruchtkorb, Kürbis, Melone und Pfirsiche an einer Eiche" genannt, im Museum Kunstpalast in Düsseldorf befindet. Unter Bezugnahme auf die Washingtoner Prinzipien von 1998 und die "Gemeinsame Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz" von 1999 machten die Erben Bühler am 12. Oktober 2009 schließlich Restitutionsansprüche gegenüber der Stiftung Museum Kunstpalast geltend. Passiert ist bisher nichts, alle Bemühungen verliefen im Sande. "Für Restitutionsfragen sind wir nicht zuständig, unsere gesamte Sammlung ist im städtischen Besitz, so auch unser einziges Bild von Mignon, das wir lediglich ausstellen", erklärt Marina Schuster, Leiterin der Abteilung für Kommunikation und PR der Stiftung Museum Kunstpalast gegenüber art und verweist anschließend an die Stadt Düsseldorf.

"Mir ist es egal, ob meine Mandanten das Gemälde von der Stiftung Museum Kunstpalast oder von der Stadt Düsseldorf zurückbekommen", gesteht der Berliner Rechtsanwalt Tilo Siewer, der die Erben Bühler vertritt und sich besonders über die Provenienzangabe neben dem Bild empört. Frech und irreführend sei sie, schließlich suggeriere sie der Öffentlichkeit, dass die Erben mit der Präsentation des Fruchtkorb-Gemäldes einverstanden seien. Diese "Respektlosigkeit", wie Siewer es nennt, fühle sich an wie eine Ohrfeige. "Immerhin geht es hier um die emotionale Bindung zum Bild. Meine Mandantin hat als Kind unter dem Gemälde gespielt und die Insekten darauf gezählt."

Der Vergleich von 1962

Dass es sich bei der Versteigerung des Mignon-Gemäldes nicht um einen gewollten Verkauf, sondern tatsächlich um einen NS-verfolgungsbedingten Verlust handelt, wurde bereits durch einen Vergleich von 1962 anerkannt, den die Erben Bühler damals nach dem Bundesentschädigungsgesetz mit dem Land Berlin abgeschlossen hatten. Im Zuge dieses Vergleichs erhielten die Erben 20000 D-Mark für den gesamten Hausrat, der 1935 durch das Berliner Auktionshaus "Union" versteigert worden war. Nach den Ermittlungen von Siewer beträgt die Entschädigung für das Bild dabei umgerechnet zirka 300 Euro. Aufgrund dieser bereits gezahlten Entschädigung teilte die Stadt Düsseldorf, vertreten durch die Pufendorf Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, am 19. Juli 2010 unerwartet mit, dass sie dem Restitutionsbegehren nicht nachkommen wird. "Unser Anwalt Ludwig von Pufendorf vertritt die Meinung, dass die Erben Bühler durch den Vergleich von 1962 ausreichend entschädigt wurden – außerdem war das Gemälde zu der damaligen Zeit bestimmt keine 300 Euro wert", vermutet Hans-Georg Lohe, Kulturdezernent der Stadt Düsseldorf gegenüber art.

Die neueren Verkaufs- und Schätzpreise für Gemälde des Altmeisters Mignon weisen allerdings daraufhin, dass der Preis für "Stilleben mit Fruchtkorb, Kürbis, Melone und Pfirsiche an einer Eiche" weit über einen Wert von 300 Euro liegen muss. So wurde etwa Mignons Ölgemälde "Früchte- und Blumenstilleben in einer Steinnische" am 26. März 2010 durch das Auktionshaus Koller für umgerechnet circa 285 956 Euro verkauft, und die obere Preisgrenze für Mignons "Stillleben mit Pfingstrosen, Rosen, Papageientulpen und Trichterwinde" wurde im Jahr 2007 auf umgerechnet 1,7 Millionen Euro geschätzt. Hinzu kommt, dass die Nachkriegsentschädigung für einen Rückgabeanspruch völlig irrelevant ist, da nur die damalige 'Entschädigung' von 300 Euro an den Bund zurückgezahlt werden muss. Kulturdezernent Lohe findet den Vergleich von 1962 dennoch zeitgemäß und sieht keinen Anlass für eine erneute Fallprüfung: "Wir finden es schade, dass Herr Siewer das jetzt über die Öffentlichkeit austrägt, und dass wir sehr wohl zur Kunstrestitution bereit sind, zeigen vergangene Fälle." Vor sechs Jahren hat die Stadt Düsseldorf zum Beispiel das Bild "Tricktrack-Spieler und Raucher" von Dirck Hals an die Erben des Amsterdamer Kunsthändlers Jacques Goudstikker zurückgegeben. Im Fall der Bühler-Erben wird sie hingegen nichts unternehmen.

Der auf Kunstrestitution spezialisierte Rechtsanwalt Gunnar Schnabel hält nur wenig von der Argumentation der Stadt Düsseldorf und vertritt klar die Meinung, dass der Fall erneut geprüft werden muss. Auch die öffentliche Präsentation des Mignon-Gemäldes findet er völlig unangemessen: "Ich kenne nur Museen, die solche Bilder bis zur Klärung des Sachverhaltes ohne Zustimmung der früheren Besitzer nicht zeigen. Das Bild muss raus aus der Ausstellung und die Stiftung Museum Kunstpalast beziehungsweise die Stadt Düsseldorf endlich ihre Hausarbeiten machen." Schnabel veröffentlichte 2007 zusammen mit der Historikerin Monika Tatzkow das Kunstrestitutions-Handbuch "Nazi Looted Art", in dem über 100 weltweite Fälle zusammengetragen und sowohl juristisch als auch historisch untersucht werden.

Rückgabeanspruch ja oder nein?

Schnabel unterstreicht seine Aufforderung damit, indem er die Stadt Düsseldorf dazu anhält, der Gemeinsamen Erklärung nachzukommen, die Bund, Länder und Kommunen 1999 als Selbstverpflichtung unterschrieben haben. "Danach gilt als Prüfungsmaßstab alliiertes Recht, weshalb die Erben Bühler aufgrund ihres verfolgungsbedingten Vermögensverlusts grundsätzlich einen Rückgabeanspruch haben." Um den verfolgungsbedingten Vermögensverlust widerlegen und damit den Rückgabeanspruch guten Gewissens zurückweisen zu können, müsste die Stadt Düsseldorf beweisen, dass der Verkaufspreis damals verkehrsüblich war und ungeschmälert dem Verfolgten zufloss. "Letzteres", so der Restitutionsexperte Schnabel, "ist bei staatlichen Judenaktionen regelmäßig ausgeschlossen, weil zuerst Abgaben vom Staat einbehalten worden sind". Solange dieser Sachverhalt noch nicht geklärt sei, könne vor Gericht noch gar keine Rückgabe verlangt werden. Schuld daran sind die in Deutschland fehlenden Rückgabegesetzte. So ist auch die Gemeinsame Erklärung nur eine freiwillige Selbstverpflichtung und kein rechtsbindendes Gesetz. Trotz dieser frustrierenden Situation rät Schnabel bei einem Raubkunststreit zur Sachlichkeit: "Auch wenn es schwerfällt, müssen wir Rechtsanwälte stets bei der Sache bleiben, rechtlich messerscharf argumentieren und die Empörungsfloskeln sein lassen, solange das Verfahren schwebt."

Der Weg über die Öffentlichkeit

Rechtsanwalt Siewer kann sich die Empörung nicht länger verkneifen. Nach zwei Jahren erfolglosen Schriftverkehrs ist er ungeduldig geworden und will nun mit Hilfe der Öffentlichkeit Druck auf die Stadt und das Museum ausüben. "Wenn wir die Bundesregierung jetzt nicht auffordern, einen rechtlich verbindlichen Rahmen zu schaffen, wird uns die Rückgabe-Problematik noch lange beschäftigen", befürchtet Siewer. Er wird auch das Gefühl nicht los, dass das Land und die Museen das Washingtoner Abkommen gar nicht wollen: "Die haben einfach zu viele Raubkunst-Werke im Keller." Die Erben Bühler hoffen trotzdem, dass ihr Rechtsanwalt die Politik dazu bringen kann, endlich Farbe zu bekennen, ob das Washingtoner Abkommen für sie gilt. Zusammen mit seinen Mandanten wird Siewer deshalb den Kulturminister Neumann, die Landesregierung Nordrhein-Westfalen und die Düsseldorfer Ratsfraktionen einschalten. "Wir erwarten von allen eine eindeutige Stellungnahme."

Neupräsentation der Sammlung

Termin: ab 07. Mai 2011

Stiftung Museum Kunstpalast
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
Tel. +49(0) 211-899 02 00

http://www.smkp.de

info@smkp.de

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