"In meiner Wohnung liegt überall rohes Gehacktes rum"

"Unser Magazin spricht Fleischliebhaber an, aber auch Menschen, die dem Thema skeptisch gegenüberstehen", erklärt Wizansky. Das Duo berichtet über koscheres Schlachten, philosophiert über die besten Fleischszenen in Kinofilmen, interviewt weibliche Metzgerinnen, lässt ein verheiratetes Paar über Kannibalismus diskutieren – und vor allem geht es immer wieder um Kunst.

"Die ersten Kunstwerke der Menschheit, die Jadgszenen der Höhlenmalereien, handeln von Fleisch", sagt Wizansky. Und es stimmt: Fleisch als Werkstoff zieht seine blutige Spur durch die Kunstgeschichte. Schon Rembrandt verewigte 1655 einen ausgeweideten Ochsen in Öl. Und inspirierte damit den britischen Maler Francis Bacon zu dem 1946 gemalten Bild "Painting" – einen geschlachteten und ans Kreuz genagelten Ochsen. "Als Maler muss man auch immer daran denken, dass eine große Schönheit in den Farben des Fleisches liegt", bemerkte Bacon damals.

Und totes Fleisch als Provokation – das funktioniert bei dem Heidelberger Plastinator Gunther von Hagens, wie auch bei Damien Hirst, der präparierte Haie oder Kühe in Formalin einlegt. Und was wäre Hermann Nitsch ohne Fleisch? Die letzte Inszenierung seines "Orgien-Mysterien-Theaters" endete in einem wahren Blutbad: Der Wiener brauchte für seine Aktion einen frisch geschlachteten Stier, fünf Schweine, 600 Liter Blut – und dazu kübelweise Innereien.

"Und das Wort ward Fleisch", heißt es im Neuen Testament. Und so steht Fleisch am Anfang der Erschaffung der Welt, ist Beginn des Schöpfungsmythos. Ohne Fleisch kein Mensch, kein Gott, kein Überleben, keine Kunst. Und so wird dann auch für Künstlerinnen wie Julia Kissina aus 100 Gramm Hack ein mystischer Golem: "Ich mache aus Fleisch Kunst! In meiner Wohnung liegt überall rohes Gehacktes rum. Wartet auf seine Stunde. Ein Gemisch aus Kühen und Schweinen!", schreibt Kissina in ihrem Buch "Vergiss Tarantino". "Mit der Bulette kann keine Genetik mithalten. So kann man nämlich alles mögliche fabrizieren. Einen Zentaur zum Beispiel. Rohes Menschenfleisch plus Pferdefleisch – schon hast du eine Salami aus der minoischen Ära. Ohne Fake. Kunst ist eine schöne Sache."

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