Off-Spaces: Morgenstrasse

Karlsruhe

Off-Spaces: Morgenstrasse
Morgenstrasse versteht sich als "Off-ener" Kunstort, in dem gewohnte Routinen aufgebrochen werden. LESSSER mit Maika Hassan-Beik, Performance zur Ausstellungseröffnung (Foto: Pietro Pellini )

OFF-SPACES: MORGENSTRASSE

In der Serie "Off-Spaces" präsentiert art alternative Kunstorte. Diesmal: Morgenstrasse in Karlsruhe
// CHRISTINA GREVENBROCK

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Das ist eine schwierige Frage, da die Formate unserer Ausstellungen untereinander schwer vergleichbar sind. Einmal wäre die Gruppenausstellung "Come As You Are" zu nennen, die wir 2010 anlässlich der Präsentation des Turiner Grabtuchs gezeigt haben. Zu deren großem Erfolg hat die für einen Off-Space eher ungewöhnliche Künstlerliste mit internationalen Größen wie Bruce Nauman und Via Lewandowsky beigetragen.

"Come As You Are" war auch deshalb unsere bisher objektiv erfolgreichste Ausstellung, weil sie anschließend noch einmal im musealen Kontext gezeigt wurde. Die Ausstellung lief in erweiterter Form im Zeppelin Museum Friedrichshafen.

Unseren Besucherrekord hatten wir allerdings mit unserem Ausstellungsformat "five in a row". Das war besonders deshalb erfreulich, da es sich um ein Experiment handelte, das vor allem seitens der teilnehmenden Künstler eine Portion Mut erforderte. Wir haben an einem Abend im Stundentakt fünf unterschiedliche Ausstellungen eröffnet – jede Ausstellung stand 45 Minuten, es blieben 15 Minuten für den Umbau. Dabei ging es darum, die Grenzen zwischen künstlerischer und kuratorischer Praxis und ihr Zusammentreffen im institutionellen Rahmen des Ausstellungsbetriebs in den Mittelpunkt zu stellen. Was ist ein Off-Space und was unterscheidet ihn von einer "musealeren" Kunstinstitution? Vor allem doch dadurch, dass ein Off-Space schneller und kurzfristiger arbeiten kann, dass der "Performativ“ mehr Gewicht hat als der "Konstativ". Genau diesen performativen Aspekt wollten wir mit "five in a row" auf die Spitze treiben. Wir waren selbst überrascht, wie positiv dieses Ausstellungsformat angenommen wurde (und wird).

Und der größte Misserfolg?

Es käme uns verfehlt vor, den Erfolg einer Ausstellung von Besucherzahlen abzuleiten. Grundsätzlich sehen wir unsere Ausstellungen als Experimente. Uns liegt mehr daran, am Ende ein Ergebnis zu erhalten, als vorgefertigte Erwartungen erfüllt zu sehen. Das ist ohnehin der große Vorteil, den Off-Spaces gegenüber größeren Institutionen haben, und letztendlich wohl auch ihr eigentlicher Zweck. Da wir zum einen versuchen, Ausstellungen zu realisieren, die wir uns selber gerne anschauen würden und zum anderen Kommunikation ein zentraler Punkt unserer kuratorischen Arbeit ist, wäre eine Ausstellung, die man "so erwartet" hätte ein Misserfolg. Das ist uns bislang hoffentlich noch nicht passiert.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielte?

Ausstellungen, deren Konzept so überzeugend ist, dass Geld keine Rolle spielt.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Ausstellungssituationen und Konzepte zu zeigen, die dem Besucher (und uns selbst) die Möglichkeit eröffnen, in einen Spiegel zu schauen, in dem sie sich und ihre "eigenen Bilder" durch den Blick eines anderen begegnen können. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass wir versuchen, unseren Ausstellungsraum nicht als reinen "white cube" zu behandeln, sondern Formate und Künstler zu finden, die sich bewusst mit dem Raum und seinen Eigenheiten und Beschränkungen auseinandersetzten. Durch diese ständige Veränderung der Raumsituation und die Ortsbezogenheit können auch in "klassischen" Medien performative Ausstellungssituationen entstehen.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Karlsruhe ist ein eigentümlicher Standort, was die Kunstszene angeht: Einerseits ist es eine Stadt mit gleich zwei Kunsthochschulen und einer Musikakademie, zahlreichen Galerien und wichtigen Ausstellungshäusern und Museen. Andererseits ist es nicht Berlin, wo die Szene einen wesentlichen Teil des Stadtbilds bildet und Projektemachen zum Lebensstil gehört. Das Ausstellen und Vermitteln von Kunst findet in Karlsruhe doch zumeist in einem größeren institutionellen oder gleich kommerziellen Rahmen statt. Pragmatisch gesehen füllen wir also als Off-Space eine Lücke in der künstlerischen Infrastruktur. Persönlich gesehen ist sicher die Neugier am Experiment ein wichtiger Antrieb. Das ist eine Neugier, die wir mit den Künstlern und dem Publikum teilen, aber auch eine Neugier, die wir zunehmend in der Nachbarschaft wecken können. Kunst in einem Eckladen in einem Wohnviertel kann auf eine ganz andere Weise Interesse erzeugen als jeder noch so schön subventionierte Workshop im Museum, der doch nur diejenigen anspricht, bei denen das Interesse bereits vorhanden ist.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Neben der Qualität ihrer künstlerischen Position und einer gewissen Experimentierfreudigkeit ist uns die Bereitschaft wichtig, die eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen (das gilt natürlich auch für uns), sich auf die Ausstellungssituation einzulassen und dabei im besten Fall mit dem Raum selbst zu arbeiten. Da wir kuratorische Praxis als einen Kommunikationsprozess verstehen, ist Dialogfähigkeit ein weiterer entscheidender Punkt. Der Raum selbst ist natürlich auch ein Auswahlkriterium – eine Arbeit kann noch so gut sein; wenn sie nicht in den Raum passt, tut das weder dem Künstler, noch der Ausstellung gut.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Da fallen mir spontan zwei Situationen ein: Anlässlich einer Ausstellung hat ein Künstlerduo die komplette Einrichtung meines damaligen Zimmers als Ready-made im Ausstellungsraum aufgebaut. Es war spannend zu beobachten, wie die Besucher der Ausstellung über meine, teilweise sehr privaten, Dinge sprachen wie über Kunstwerke und ganz unbefangen in Schubladen und Briefen herumstöberten. Interessanterweise kippte die Stimmung radikal, als klar wurde, dass es sich tatsächlich um persönliche Gegenstände handelte – die meisten Besucher waren verunsichert, wie sie sich verhalten sollen, und die Installation bekam plötzlich einen eigentümlich musealen Charakter.

Die zweite Anekdote ist das Feedback eines Besuchers zu einer Ausstellung, die wir im Rahmen einer Einladung in einer größeren Kunstinstitution gezeigt haben: "Das gesamte zweite Stockwerk wurde permanent durch eine abartige Installation eines 'KÜNSTLERS' sehr stark verunstaltet. Ein Vorschlag: Wie wäre es, wenn Sie eine solche Installation, natürlich für spezielle Besucher, hinter verschlossenen und schalldichten Türen im Keller installieren könnten! Bitte lassen Sie die FINGER von solchen TYPEN – jede Provokation muss nicht immer KUNST bedeuten! 99 Prozent Inhalte waren TOP und mit der Liquidation von dem einen FLOPP von 1 Prozent werden Sie 99 Prozent Ihrer Kunden glücklich machen!"

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Sicherheitsdenken, Ressentiment, Unfähigkeit zur Kommunikation und Stillstand. Immer dann, wenn man anfängt, sich als Insel zu begreifen, die sich gegen ein Außen behaupten muss. Hier liegt meiner Meinung eine Gefahr des Begriffs Off-Space, da die ungeheure Freiheit eines solchen Ausstellungsortes ja gerade darin besteht, die Grenze zwischen Innen und Außen immer wieder überschreiten zu können – als Off-ener Kunstort, oder als Zwischenraum, in dem Kommunikation stattfinden kann. Die Freiheit hört auf, wenn dieser Punkt vergessen wird.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Ein Spiegelkabinett oder ein Labyrinth.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Mehr Kooperationen mit anderen Kunsträumen und Institutionen und öfter die Möglichkeit zu haben, die in den Ausstellungen eröffneten Diskurse in Form von Katalogen zu vertiefen.

Die Fragen beantwortete Martin Heus

Fakten, Fakten, Fakten:
Gründungsjahr: 2007
Leitung:Martin Heus, Jacob Birken
Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Die Leitung
Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: 10 – 15 Stunden
Ausstellungsfläche: 32 Quadratmeter
Altersdurchschnitt der Besucher: 25 – 35 Jahre
Jahresbudget: Budget?

Morgenstrasse

Morgenstrasse 45 76137 Karlsruhe

http://www.morgenstrasse.de

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