Interview Frank Bajohr

Raubgut

100 000 Hamburger Bürger griffen zu
Frank Bajohr gibt Auskunft über den Verbleib von Raubkunst in Hamburg (Foto: Maike Raap / FZH)

100 000 HAMBURGER BÜRGER GRIFFEN ZU

Die Rückgabe des Wandteppichs aus dem Hotel "Vier Jahreszeiten" hat gezeigt: Bei Restitution geht es nicht nur um Meisterwerke der Malerei. art sprach mit dem Historiker Frank Bajohr, nach dessen Forschungen allein in Hamburg während der NS-Diktatur der Besitz von rund 30 000 jüdischen Haushalten enteignet und versteigert wurde: Selten waren berühmte Gemälde und Skulpturen darunter, aber edle Möbel, Porzellane, Antiquitäten, Kunsthandwerk, Teppiche, Schmuck.
// ANGELIKA KINDERMANN

Bis vor kurzem hing im Hamburger Hotel "Vier Jahreszeiten" ein Wandteppich, den die Nazis 1937 der jüdischen Familie Budge geraubt hatten. Die Herkunft des Schmuckstücks war über die Jahre kein Geheimnis. Doch erst als der Anwalt der Erben an die Öffentlichkeit ging und das vornehme Hotel Negativ-Schlagzeilen in der Lokalpresse hinnehmen musste, wurde die zwölf Quadratmeter große Tapisserie flugs abgehangen und den Budge-Erben überstellt. Ein ungewöhnlicher Fall, der zeigt, dass es bei Restitution bei weitem nicht nur um spektakuläre Kunstwerke geht. Der Historiker Frank Bajohr forscht seit langem zu diesen Themen, er sprach mit art über Erbstücke aus Raubgut und die besondere Rolle von Hamburg.

art: Spielte Hamburg als Versteigerungsort für enteigneten jüdischen Besitz eine besondere Rolle?

Bajohr: Ja. Zum einen fungierte Hamburg als zentraler Auswandererhafen des deutschen Reiches. Durch den Kriegsausbruch 1939 hatte jedoch das Umzugsgut jüdischer Emigranten oft nicht mehr verschifft werden können, so dass im Freihafen 3000 bis 4000 containerähnliche "lifts" lagerten, die ab Februar 1941 an die Bevölkerung versteigert wurden. Zum anderen war Hamburg ein zentrales Ziel alliierter Bombenangriffe und profitierte deshalb in besonderem Maße von Lieferungen aus dem Besitz deportierter westeuropäischer Juden: Im Hafen wurden 45 Schiffsladungen mit insgesamt 27 227 Tonnen Möbel, Hausratsgegenstände und Kleidung aus dem Besitz deportierter niederländischer Juden gelöscht, während die Reichsbahn insgesamt 2699 Eisenbahnwaggons mit dem Besitz französischer Juden in die Hansestadt transportierte. Hinzu kam der Besitz der deportierten Hamburger Juden.

Gibt es Dokumente über diese Versteigerungen?

Die gibt es durchaus, vor allem in Gestalt von Abrechnungen der Auktionatoren und Gerichtsvollzieher. In einigen Fällen existieren auch vollständige Listen der versteigerten Gegenstände, die allerdings nur in Ausnahmefällen die Nachnamen von Erwerbern enthalten.

Wer waren die Käufer?

Sie kamen aus allen Schichten der Bevölkerung. Allein in Hamburg haben sich schätzungsweise rund 100 000 Personen an den Versteigerungen beteiligt. Ausgebombte und junge Familien wurden dabei bevorzugt berücksichtigt.

Bei Raubgut im öffentlichen Besitz gibt es Regelungen zur Restitution, was ist aber mit den Objekten, die sich heute in privater Hand befinden?

Die Bestimmungen der Restitution griffen prinzipiell auch hier, doch war es im Einzelfall oft schwierig, Erwerber namentlich ausfindig zu machen, die zudem oft behaupteten, der Gegenstand oder das Kunstwerk sei im Bombenkrieg verloren gegangen. Entscheidend aber war, dass nach den Bestimmungen des Bundesrückerstattungsgesetzes die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches die finanzielle Entschädigung bei versteigertem Gut übernahm. Damit ersparte die Bundesrepublik hunderttausenden ihrer Bürger, sich mit ihrer Beteiligung am NS-Unrecht auseinandersetzen zu müssen.

Welche Möglichkeiten haben die Erben, solche Stücke aus Familienbesitz wieder zu bekommen?

Geringe, denn die Restitution ist rechtlich abgeschlossen, und die Erwerber sind namentlich oft nicht einmal bekannt.

Was schätzen Sie, in wie vielen Hamburger Haushalten noch solches "Raubgut" vorhanden ist?

Eine solche Schätzung halte ich für schwierig bis unmöglich. In vielen Fällen existiert das "Raubgut" heute vermutlich nicht mehr, sondern wurde irgendwann verkauft oder im Wohnungs- und Generationenwechsel entsorgt. Das grundlegende Problem besteht vor allem darin, dass die Erwerber ihren Kindern und Erben die Herkunft der Gegenstände in der Regel verschwiegen haben.

Was kann man tun, wenn man herausfindet, dass beispielsweise das geerbte Porzellan ursprünglich den jüdischen Nachbarn des Großvaters gehört hat und Opa es in der Nazi-Zeit günstig ersteigern konnte? Gibt es eine Stelle, bei der man sich zwecks Rückgabe melden kann?

In solchen Fällen empfiehlt es sich, mit der Stiftung "Zurückgeben" Kontakt aufzunehmen, die sich vor Jahren in Berlin gegründet hat und mit ihren Stiftungserträgen jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft fördert. (http://stiftung-zurueckgeben.de)

Frank Bajohr: "Arisierung in Hamburg"

Hans Christian Verlag , Hamburg 1977, 415 Seiten, 28 Euro

http://www.zeitgeschichte-hamburg.de

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