The Future Of Art

Web-Doku

Zurück in die Zukunft
Filmstill: Die Regisseure Erik Niedling und Ingo Niermann, "The Future Of Art", 2010 (Courtesy Zern, Berlin 2010)

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

Ingo Niermann und Erik Niedling wollten einen Film über die Zukunft der Kunst machen. Herausgekommen ist eine Interviewsammlung mit gut vernetzten Super-Kuratoren, Super-Künstlern und Super-Sammlern. Nur: Was wissen die Etablierten der Gegenwart von der Zukunft?
// KITO NEDO

In aller Kürze, das war das Kunstjahr 2010: Olafur Eliasson im Berliner Gropiusbau, Damien Hirst in der Berliner Dependance der Power-Galerie Haunch of Venison und Marina Abramovics Langzeit-Performance im New Yorker Museum of Modern Art. All das zeigt "The Future of Art", der erste gemeinsame Film des hauptberuflichen Bücherschreibers und Journalisten Ingo Niermann und des bildenden Künstlers Erik Niedling. Bitte nicht sofort an Kulturfernsehen denken, denn gezeigt wird der Streifen nicht im TV auf 3sat, sondern im Internet auf 3min.de

Doch ein Jahresrückblicksstreifen war gar nicht das erklärte Ziel von Niermann und Niedling. Ganz im Gegenteil. Denn nicht um die Vergangenheit sollte es gehen, sondern um die Zukunft: Eine "Dokumentation über die Suche nach der Zukunft der Kunst" formuliert es Niermann bei einer in den Film montierten Vorbesprechung für den zweieinhalbstündige Streifen, der in Berlin, Hamburg, Frankfurt und New York aufgenommen wurde.

Wie die Zukunft der Kunst aussieht? Das wird leider nicht deutlich. Richtig gute Thesen haben die beiden Filmemacher nicht, dafür aber wenigstens eine furchteinflößende Liste von Gesprächspartnern: Sie haben es etwa geschafft, den Kurator Hans Ulrich Obrist in seinem Berliner Bücherlager zu treffen, den Kunstphilosphen Boris Groys zwischen zwei Seminaren in der New York University, den Hamburger Sammler Harald Falckenberg ebenso wie den Throbbing-Gristle-Bürgerschreck Genesis Breyer P. Orridge. Auch Tobias Rehberger, Sieger der letzten Venedig Kunstbiennale war zum Interview in seinem Frankfurter Atelier bereit. Die vielleicht schönsten Szenen des ganzen Films gelingen Niermann und Niedling mit dem erratisch-entrückten Terence Koh, in dessen wahnsinnigen weiß-in-weiß gehaltenen New Yorker Wohn-Werkstatt.

Als schaue man zwei Katzenbabies beim Spielen zu

Doch die Frage ist: Kann die Zukunft bei denen sein, die gerade jetzt in der Kunstszene sehr erfolgreich und präsent sind? Bei all den gut vernetzten Super-Kuratoren, Super-Theoretikern, Super-Künstlern Super-Galeristen und Super-Sammlern? Oder müsste man nicht ganz woanders, bei ganz anderen Leuten suchen? Kommen gerade aus Deutschland und USA die großen Kunstentwürfe für die nächste Dekade? Solche Fragen werden leider gar nicht gestellt, und das ist sehr schade. Statt der nötigen Stringenz verheddert sich der Film. Je mehr in "The Future of Art" geredet wird, je mehr Leute getroffen und befragt werden, desto mehr driftet das Werk ab vom eigentlichen Fokus. Schon nach der ersten Stunde hat man das Gefühl, man schaut zwei Katzenbabies beim Spielen mit einem sich aufdröselnden Wollknäuel zu. Am Ende fragt man sich, was dieser Film soll, was die Macher wollen, warum sie die strapaziöse Reise, den Stress der Recherche und Filmarbeiten tatsächlich auf sich genommen haben. Ist es die Sucht, am Kunst-Starsystem zu partizipieren? Aber was springt für den Zuschauer dabei heraus? Warum sollte man sich das ansehen wollen?

Dem Film "The Future of Art" fehlt ein echtes Ziel. Wo andere ähnlich gelagerte Filme wie die Kunstmarkt-Dokumentationen "Die Millionenblase – Zerplatzte Träume am Kunstmarkt" (2008) von Ben Lewis oder "Super Art Market" (2009) von Zoran Solomun versuchen, die inneren Mechanismen des Kunstmarktes zu ergründen, scheinen die Macher von "The Future of Art" von keinem spezifischen Erkenntnisinteresse getrieben. Stattdessen wird man das Gefühl nicht los, hier würden von zwei wichtigtuerischen Jungfilmern nur eine Handvoll wichtiger Kunstleute vorgeführt.

Andy Warhol ist nicht die Zukunft, sondern Vergangenheit

Im Grunde handelt es sich bei "The Future of Art" wohl um zwei Filme. Der eine Streifen ist ein missglückter Interviewstreifen mit den wichtigen Kunstbetriebsakteuren im Jahre 2010. Der andere Streifen ist ein nicht weniger unglücklicher Versuch, ein altes Lieblingsprojekt Niermanns, die Errichtung einer Riesenpyramide in Sachsen Anhalt, mit diesem Film aufzuwärmen. Doch die Verschraubung von beiden Dingen funktioniert leider nicht. Richtig guter TV-Journalismus kann eine Kunst sein. Andersherum wird es kompliziert: Kann Kunst richtig guter TV-Journalismus sein? Vielleicht. Hier gibt es gewisse Parallelen zum Filmdebüt des Sprayers Banksy, das bei der Kritik auch nicht gut ankam: "Exit through the Gift Shop" schrieb etwa der Kritiker Bert Rebhandl, "stellt einen Versuch dar, die moderne Medienwelt mit ihren eigenen Mitteln zu desavouieren – das Ergebnis ist ein schaler Abgesang auf die Dummheiten des Kunstbetriebs, mit dem Banksy im Grunde versucht, sich als der nächste Andy Warhol zu stilisieren."

Und Andy Warhol ist nicht die Zukunft sondern Vergangenheit. Genauso wie die ewige Pyramide und das Herumlaufen in New York und sich dabei filmen zu lassen. Vielleicht fängt die Zukunft bei den Leuten an, die aufhören können, sich selbst zu zitieren? Insofern muss "The Future of Art" ein kapitaler Irrtum sein: Diesem Gestern kann unmöglich das Morgen gehören.

The Future Of Art

Der Film erscheint als kostenfreie Internetserie auf dem Web-TV-Portal 3min.de

http://www.3min.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Thomas Freiherr von Hünefeld

20:57

15 / 11 / 10 // 

les liens invisibles

Kunst der das Morgen gehören könnte machen: <a href="http://www.lesliensinvisibles.org/works/">les liens invisibles</a> --- <a href="http://geffkenmiyamoto.com">GEFFKEN MIYAMOTO</a> - ENVIRONMENTS for FASHION, ART, CORPORATE and CULTURE

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