Sticker Awards 2007

Grassi-Museum

Die Kunst des Klebens
"Just do it": Street Artist sputnikk aus Italien kam mit seinem Anti-Nike-Sticker auf den zweiten Platz (Sticker Award)

DIE KUNST DES KLEBENS

Aufkleber sind schön, bunt und machen Spaß. Aber Kunst? Die Ausstellung im Leipziger Museum für Völkerkunde beweist: Das klebrige Phänomen ist zu einer beliebten Kommunikationsform geworden, die auf gesellschaftliche Sachverhalte eingeht und diese kommentiert. Und die kleinen Klebewerke sind so wie die junge Kunstgeneration: bunt, frech, schnell.
// ALAIN BIEBER

Die drei älteren Damen schauen neugierig auf den Einkaufswagen voller Aufkleber. Sie nähern sich, betrachten die Klebewerke, greifen zu, fangen an zu schmunzeln – und schon verschwindet ein dicker Stapel Sticker in der Manteltasche.

Seit über drei Jahren organisiert Andreas Ullrich, 31, zusammen mit der Gruppe "Ideal" den Internationalen Sticker Award. Straßenaktivisten aus aller Welt können dabei ihre Klebekunst einsenden, dann prämiert eine Jury die schönsten, verrücktesten und ironischsten Aufkleber – und einmal im Jahr findet eine Ausstellung statt. Nach einer Schau in Berlin und einer Hamburger "Stickersafari" im öffentlichen Raum, findet die Ausstellung diesmal im Leipziger Grassi-Museum für Völkerkunde statt.

Ein eher ungewöhnlicher Ort. Der Direktor, Dr. Claus Deimel, versuchte sich dem Thema in seiner Eröffnungsrede deshalb auch betont jugendlich zu nähern. "Als Herr Ullrich mir vor einem Jahr diese Ausstellung vorschlug, musste ich sofort an die Steinzeit denken", begann er seinen kurzen, historischen Exkurs, um dann von der Höhlenmalerei zu den modernen Symbolen, Zeichen und Logos der Street-Art-Szene zu kommen.

"Wenn der Aufkleber eine einzigartige Situation im Raum erschafft, bei der auf die vorgefundene Realität Bezug genommen wird und diese Realität dann uminterpretiert wird, dann ist der Sticker Kunst", erklärt Andreas Ullrich im art-Interview, um Skeptikern gleich eine Interpretationshilfe zu liefern. Vor allem geht es den Organisatoren darum, die aktuelle Kultur der Straße zu fördern und zu dokumentieren. Denn Sticker sind zu einer urbanen Kommunikationsform geworden, die auf gesellschaftliche Sachverhalte eingeht und diese kommentiert. Vor allem tragen der geringe Produktionsaufwand und die hohe Aufmerksamkeit zur neuen Lust am Kleben bei. Die Stadt wird zu einem demokratischen Abenteuerspielplatz. Und das klebrige Phänomen ist so wie die junge Kunstgeneration: bunt, frech, schnell.

Fakt ist: So viele junge Besucher hatte das Völkerkunde-Museum sicherlich schon lange nicht mehr. Und der Versuch aktuelle Jugendkultur mit Artefakten der Steinzeit zu kombinieren ist mutig und interessant. Mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail haben die drei jungen Ausstellungsmacher Andreas Ullrich, Matthias Müller und Matthias Marx Artefakte aus dem Kontext der Straße herausgelöst – und diese in die beleuchteten Schaukästen des Museums gestellt. Statt afrikanischer Masken und südamerikanischer Töpferware locken jetzt ein vollgeklebter Zigarettenautomat, verfremdete Straßenschilder, eine Original-Bushaltestelle – und eben ein Einkaufwagen voller "Sticker To Go" die Museumsbesucher an.

"Hello my name is – Artefakte des Sticker Awards"

Termin: Bis zum 17. Februar, Grassi-Museum für Völkerkunde, Leipzig.

http://www.mvl-grassimuseum.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Martin Teuschel

21:14

03 / 02 / 08 // 

Kunst ? Keine Ahnung... aber populär...

Das Völkerkundemuseum mit jungen Menschen zu füllen ist sicherlich eine faszinierende Sache. Was ich aber noch viel schöner an Streetart finde, ist die unglaubliche Bandbreite an Publikum, die beim Planet-Prozess im x-berger Senatsreservenspeicher erschien. Natürlich kamen junge tonnenweise hereingeschneit, aber ebenso waren Menschen aller Altersgruppen mit Gehstöcken auf Treppengerüsten erschienen. Auf Anfrage wurde schnell klar, wo der Kontakt entstanden war... natürlich auf der Straße. Nicht über Museum oder Bildung, nein einfach en passant. Fand ich wundervoll. Martin Teuschel : http://www.berlinerplakate.de

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