Julian Schnabel
Interview
"ICH KANN MACHEN, WAS ICH WILL"
Mit 27 stellte Julian Schnabel, der 1951 in Brooklyn geboren wurde, die Kunstwelt mit Scherbengemälden aus zerbrochenen Tellern und Tassen auf den Kopf. Das war im Jahr 1979. Die New Yorker Börse boomte und überall ging es um mehr Geld, mehr Status und mehr von allem. Es war der Anfang der sogenannten Dekade der Gier.
Schnabel, der von der Galeristin Mary Boone entdeckt worden war, als er noch als Koch in einem kleinen Restaurant in SoHo arbeitete, verlangte bereits bei seiner zweiten Ausstellung Preise in fünf- und sechsstelliger Höhe. Die Kunstszene hatte den Minimalismus und die Konzeptkunst satt und suchte nach dem nächsten großen Ding – dem Pollock der achtziger Jahre. Mit seiner Arroganz, Rotzigkeit und seinem Ehrgeiz fiel Schnabel auch den großen Galeristen und Sammlern Leo Castelli, Charles Saatchi und Bruno Bischofberger auf. Mit über 100 Einzelausstellungen, einem Auftritt auf der Venedig-Biennale 1980 und einer großen Retrospektive im Whitney-Museum 1987 war Schnabel der gefeierte Star der achtziger Jahre.
Der kometenhafte Aufstieg provozierte natürlich auch Kritik. Ein Kritiker verglich seine Malerei mit Sylvester Stallones Qualitäten als Schauspieler: "eine taumelnde Zurschaustellung von geölten Brustmuskeln", ein anderer sah darin "das visuelle Equivalent von schlechtem Essen". Ende der Achtziger bagann Schnabels Stern zu verglühen – zumindest in den USA, während er in Europa noch gefeiert wurde. Aber Schnabel machte einfach weiter mit dem, was ihm am liebsten war: malen, surfen, Häuser rennovieren und ausstatten, schöne Frauen umwerben und manchmal heiraten, Kinder zeugen und – zur Überraschung seiner Kritiker – Filme machen.
"Ende der Achtziger bagann Schnabels Stern zu verglühen"
Mittlerweile hat Schnabel bei fünf Filmen Regie geführt: "Basquiat" (1996), "Before Night Falls" (2000), "Lou Reed’s Berlin" (2008) und "The Diving Bell and the Butterfly" (2007). Für letzteren gewann er Preise bei den Golden Globes und dem Filmfestival in Cannes und eine Oscar-Nominierung als Bester Regisseur. "Miral", Schnabels neuster Film, basiert auf einem Buch der Journalistin Rula Jebreal – Schnabels derzeitige Lebensgefährtin – und erzählt die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts aus der Perspektive von vier palästinensischen Frauen. Mit Premieren auf den Filmfestivals in Venedig und Toronto startet der Film deutschlandweit am 18. November. Zum Interview traf art den amerikanischen Künstler in der Art Gallery of Ontario, dem großen Kunstmuseum in Toronto, wo derzeit die Ausstellung "Julian Schnabel: Art and Film" läuft, die größte Retrospektive seit 1987.
Edward Rubin: Die meisten Leute kennen Sie als den Künstler mit den Scherbenbildern und sind immer noch überrascht, wenn sie von Ihrer Karriere als Filmemacher hören. Wie kam es dazu?
Julian Schnabel: Ins Kino zu gehen war für mich ähnlich wie die Malerei eine Flucht vor der Gewöhnlichkeit des normalen Lebens. Filme waren für mich realer als mein Leben zu Hause. Als Kind fand ich DeMilles „Zehn Gebote“ oder John Houstons "Moby Dick" großartig. Und als ich Roman Polanskis "Ekel" zum ersten Mal sah, wurde mir klar, dass ein Film einen wirklich innerlich packen kann. Trotzdem habe ich mir nie vorgestellt, mal Filmregisseur zu werden. Aber als Jean-Michel Basquiat starb, wollte ich seine Geschichte erzählen und der Film "Basquiat" ist das Ergebnis davon. Allerdings würde ich sagen, dass der Kern von allem, was ich mache, davon beeinflusst ist, dass ich ein Maler bin und meine Filme aus der Perspektive eines Malers mache.
Ohne irgendwelche vorherigen Erfahrung mit Kameratechnik, Casting oder Schauspielführung haben Sie überraschend schöne Filme geschaffen, die sogar zahlreiche internationale Preise errungen haben. Wie haben Sie das geschafft?
Offensichtlich kenne ich mich mit meinen Stoffen aus. Ich glaube, viele Regiesseure haben keine Ahnung von ihrem Thema. Sie kennen nur das Handwerk und wissen, wie man ein Skript illustriert.
Ihr neuster Film "Miral" spielt in einem Waisenhaus in Jerusalem. Er basiert auf einen Buch Ihrer derzeitigen Lebensgefährtin, der palästinesischen Schriftstellerin Rula Jebreal, und erzählt die Geschichte des Palästina-Konflikts von 1948 bis zu den Intifada-Aufständen 1987 aus pro-palästinensischen Sicht. Das ist neu für Sie. Denn Ihre vorangegangenen Filme waren nicht besonders politisch.
Alle meine Filme sind anders, genau wie meine Bilder. Sie sind sich ähnlich und doch verschieden. Eigentlich glaube ich, dass es in diesem Film auch um dieses Mädchen Miral im Waisenhaus geht, das schließliche Schriftstellerin wird, um ihre Geschichte erzählen zu können. Eigentlich ist es kein pro-palästinesischer Film, es ist ein Pro-Frieden Film. Und ich denke, was für die Palästineser gut ist, ist auch gut für die Israelis und umgekehrt.
Dennoch hat es bei der Premiere in Venedig kritische Stimmen gegeben, die sagen, dass der Film zu einseitig sei und die israelische Sicht zu negativ darstellt wird. Sie sind selbst jüdischer Herkunft. Trifft Sie solche Kritik?
Meine Mutter war erste Präsidentin der jüdischen Frauenorganisation Hadassah in Brooklyn. Ich habe mich immer für die Juden eingesetzt und tue das noch immer. Aber ich denke, dazu muss man auch seine Nachbarn verstehen. Es geht um den Respekt der Menschen voreinander.
