Die Antwoord

Interview

"Wir sind das letzte verfickte Kunstwerk"
Die fokken Antwoord: Produktionsfoto für das Musikvideo "Enter the Ninja" (© Rob Malpage)

"WIR SIND DAS LETZTE VERFICKTE KUNSTWERK"

"Die Antwoord" ist die größte Popsensation des Jahres. Innerhalb weniger Monate sahen über fünf Millionen Menschen im Netz ihre Musikvideos, alle großen Plattenfirmen buhlten um sie – und jetzt touren sie gerade durch die Welt. Doch noch immer wird gerätselt: Wer steckt eigentlich wirklich hinter dem verrückten, südafrikanischen White-Trash-Duo Ninja und Yo-Landi Vi$$er? Komiker? Werber? Künstler? Sicher ist nur: Ninja heißt eigentlich Watkin Tudor Jones und ist ein südafrikanischer Chamäleon-Performer. art traf das Duo in Hamburg.
// ALAIN BIEBER, HAMBURG

Manche Kritiker halten Sie für Comedians, andere wittern eine Guerilla-Marketing-Aktion. Ich sehe in "Die Antwoord" eine Kunstperformance, ein Pop-Art-Gesamtkunstwerk. Es gibt doch zahlreiche Anspielungen auf Künstler wie Keith Haring, Andy Warhol oder den Fotografen Roger Ballen?

Ninja: Ballen ist einer unserer Lieblingskünstler. Aber die Arbeiten von Keith Haring kannte ich nicht. Wir haben Fotografien von Ballen genommen und diese mit Knast-Tattoos und Kinderzeichnungen vermischt. Ich kann zeichnen, aber es langweilt mich. Deshalb habe ich auch angefangen, mit meiner linken Hand zu malen. Aber eigentlich ist unsere einzige künstlerische Reverenz: Kunst von Kindern, Verrückten und Kriminellen.

Und ich mag Pop! Ob wir einen Song schreiben, eine Zeichnung malen oder ein Video drehen – es geht immer um die gleichen Themen. Es muss stark und ergreifend sein. Aber zu Ihrer Frage: Das Gehirn arbeitet auf eine bestimmte Weise. Und deshalb sieht man Dinge, die man sehen möchte. Andere sind faul, die stoßen wir an. Und wenn man dann genau hinschaut, entdeckt man Dinge, die andere nicht sehen können. Weil man sie sucht! Wir spielen mit diesen verschiedenen Ebenen. Vielleicht könnte man unseren Stil auch als "unsichtbare Kunst" bezeichnen. Aber vor allem sind wir Popstars!

Der Fotograf Roger Ballen fotografiert arme Menschen in Südafrika. Sind Sie nicht ein "Tableaux Vivant", quasi eine Live-Version genau dieser Menschen?

Yo-Landi: Südafrika ist wirklich abgefuckt, aber auch sehr stolz. Arme und reiche Menschen leben dicht beieinanander. Man muss nur die Tür öffnen und befindet sich bereits an einem ganz anderen Ort. Als ich zum ersten Mal die Fotografien von Ballen sah, erinnerten sie mich an einen düsteren Comic. Ballen hat seine eigene Welt erschaffen. Er hat dem ganzen Schmutz einen neuen Dreh gegeben und diesen so fast romantisiert. Genau das haben wir mit "Zef" gemacht, das war eigentlich ein Begriff, um die Unterschicht zu beschimpfen. Jetzt ist das Schimpfwort funky, und Jugendliche tätowieren sich diesen Begriff.

Ninja: Im Pop kann man sich so präsentieren, wie auch immer man möchte. Man kann sich kleiden wie man will und denken was man will. Unser Denken basiert jetzt auf einem futuristischen Science-Fiction-Style: Alles kann wirklich passieren!

Die totale Freiheit?

Ninja: Ja, deshalb haben wir unsere Musik auch ins Internet gestellt. Aber wir hätten niemals gedacht, dass es so intensiv wird.

Welchen Nerv haben Sie getroffen?

Ninja: Wir wollten etwas Futuristisches machen, etwas wirklich Neues, eine Herausforderung für viele Menschen. Deshalb sagen auch viele: Ihr seid Fake! Aber das liegt daran, dass sie mit etwas Neuem nicht umgehen können. Das sind Menschen, bei denen alles einen Sinn ergeben muss, die immer Bezüge zu etwas brauchen. Die Antwoord ist die Zukunft – so denken wir über das Leben! Wir sind das letzte verfickte Kunstwerk!

Was sind Ihre Pläne?

Ninja: Wir werden insgesamt fünf Alben veröffentlichen, deshalb habe ich mir auch fünf Punkte auf die Hand tätowiert. Das erste Album heißt "SOS" – weil, wenn uns das jetzt verdammt noch mal nicht rettet, sind wir gefickt. Das zweite Album werden wir "Tension" nennen. Denn wenn es einmal geknallt hat, geht es darum, diesen Moment, die Kraft und Energie zu erhalten. Die dritte CD wird das Soloalbum von Yo-Landi mit dem Titel "The Voice", gleichzeitig erscheint dann auch mein Soloalbum "The Dominator". Wir machen einen Battle und schauen, wer mehr Platten verkauft. Und das fünfte Album wird ein Epilog. Das ist die Vision, die wir haben. Aber wir machen auch noch viele Projekte nebenher: Nächstes Jahr wird auch ein Film von uns erscheinen – die Antwort auf "Die Anwoord". Wie alles begann, Einblicke aus der Welt, aus der wir kommen und wie wir die Welt sehen. Die meisten Leute haben keine Ahnung von Südafrika.

Und jetzt repräsentieren Sie die neue südafrikanische Kultur.

Ninja: Nein, wir repräsentieren nur den ganz normalen Menschen. Wir wollen ganz normale Typen erreichen und Musik machen, die jeder verstehen kann. Unsere erste Ebene versteht jeder, und die knallt einfach. Das ist unser Geheimnis: Wir versuchen den ganz normalen Menschen anzusprechen, den Typ auf der Straße mit seinem alltäglichen Leben und seinen alltäglichen Problemen. Und das funktioniert eben auch auf der ganzen Welt.

Ein typischer Besucherkommentar bei Ihrem Konzert war: "Die sind so Trash. Aber ich liebe Trash!" Ist Trash vielleicht die neue Avantgarde?

Ninja: Wir sind nicht Trash, wir sind "Zef". Ich habe Goldzähne, weil ich es mir leisten kann, und ansonsten hätte ich gar keine Zähne. Und ich habe doch einen schicken Pulli an. Außerdem habe ich gerade geduscht und rieche gut. Ich fühle mich nicht trashy, ich fühle mich funky! Wir sind einfach "Zef"-Futuristisch!

Angefangen haben Sie an der südafrikanischen Michaelis School of Fine Art...

Ninja: Nein, das ist Bullshit. Ich habe nie Kunst studiert, ich habe keine Ahnung von Kunst, in der Schule hatte ich richtig schlechte Noten. Ich war ein Looser.

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3 Leserkommentare vorhanden

Bader

13:34

15 / 07 / 10 // 

Ganz ehrlich?

Jetzt mal ganz im Ernst: Was hat das mit Kunst zu tun? Ich bin ja für vieles offen, aber das ist doch wirklich nichts anderes als pathetisch geladener Primitivismus... Anspielungen auf Ballen und Cappucino mit Lynch können da auch nicht helfen. Sich zu wundern wo die Maßstäbe zur Bewertung zeitgenössischer Kunst geblieben sind bringt absolut nichts, wenn man jedem Mist einen Kunstcharakter zugesteht. Bin ein wenig enttäuscht, dass art mit solchen vermeintlichen "Künstlern" nicht kritischer umgeht.

Mazec

23:07

11 / 03 / 11 // 

Nicht jeder versteht alles

Wenn man OFFEN ist, erkennt man in diesem Projekt etwas unglaublich, wahrhaftig Neues. Ich habe einige kunstbegeisterte Freunde, aber kaum einer versteht meine Begeisterung so wirklich. Mag meine Freunde trotzdem........

Mashka

21:05

16 / 01 / 12 // 

Danke Mazec

Mir geht es genau so! Was gibt es schon neues auf dem heutigen musikmarkt? Die antwoord ist neu. Man muss sich mit dieser band auseinander setzen, um zu begreifen, wie vielschichtig und sozialkritisch sie sind. Leute wie bader haben meiner meinung eine eingeschränkte vorstellungen von kunst.

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