art im Gespräch
Marius Babias
"ALS SEISMOGRAF AM EUROPÄISCHEN GESTALTUNGSPROZESS MITWIRKEN"
art: Im Januar starten Sie Ihre Tätigkeit als neuer Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins. Was ist geplant?
Marius Babias: Ich werde mit meinem Programm erst im Juni beginnen können, weil es noch zwei geplante Ausstellungen des ehemaligen Direktors, Alexander Tolnay, gibt. Das war die Verabredung, so dass es hinterher einen klaren Schnitt und einen sichtbaren Wechsel gibt. Alexander Tolnay macht seine Ausstellung zeitgenössischer Fotokunst aus Ungarn im Januar und im Anschluss daran die Ausstellung von Christiane Möbus, kuratiert von Kathrin Becker. Danach trete ich mit Silke Wagner im Sommer an.
Weshalb ist Ihre Entscheidung auf Silke Wagner gefallen?
Silke Wagner ist eine Künstlerin, die mit Räumen, das heißt mit Raumfunktionen und Displays arbeitet; dabei interagiert sie mit den jeweiligen Kontexten, in denen sie ausstellt. Ich möchte ein neues Zeichen setzen, indem ich nicht nur andere Künstler ausstelle, sondern indem ich auch die Funktionsräume und den Kunstraum als solchen neu zu definieren versuche. Wagner wird das ganze Haus komplett einrichten und umräumen. Auch in der Artothek wird über ein bestimmtes Display von Silke Wagner die Attraktivität erhöht, die Praktikabilität verbessert und der Aspekt Vermittlung stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.
Werden die Installationen von Silke Wagner dauerhaft im NBK bleiben?
Das ist geplant. Zumindest das Video-Forum und die Artothek betreffend, aber auch die Ausstellungsräume selbst. Denn dort wurde bisher so verfahren, dass man klassischerweise einen Künstler eingeladen hat, der dort Werke zeigt. Ich möchte nun gemeinsam mit Silke Wagner die Ausstellungsräume, quasi das Kernstück des Kunstvereins, neu definieren – ausgehend von der Frage, was ein Kunstverein heutzutage überhaupt noch leisten kann, was er überhaupt noch für einen Sinn hat, angesichts der zunehmenden visuellen Kolonisierung durch Galerien, durch Events, durch überschüssige Ausstellungen. Das Kernstück wird die Ausstellung bleiben, doch wir wollen zusätzlich einen Diskursbereich definieren, einen Bereich, wo zukünftig Veranstaltungen, Seminare, Workshops und Symposien stattfinden sollen.
Wie wird sich der NBK weiter entwickeln?
Im Juni 2008 werden wir eine Künstlerresidenz in der Gartenstadt Atlantic einrichten. Die Gartenstadt ist eine renovierte Arbeitersiedlung und ein wunderschönes Areal aus den zwanziger Jahren. Ich möchte Gäste aus allen kulturellen Bereichen einladen, die über einen gewissen Zeitraum hier in Berlin leben können, ohne dass sie für den Kunstmarkt ausgebeutet werden. Und ab 2009 wird der NBK Teil eines europäischen Netzwerks von Spitzeninstitutionen, unter anderem gemeinsam mit dem MACBA in Barcelona, mit dem Lentos-Museum in Linz und mit dem Van Abbemuseum in Eindhoven. Wenn die EU-Mittel bewilligt sind, kann der NBK für fünf Jahre an Projekten und Ausstellungen mit den Partner-Institutionen europaweit kollaborieren. Die Initiative wird organisiert vom Netzwerk European Institute for Progressive Cultural Policies (eipcp) in Wien.
Worin unterscheidet sich der NBK von anderen Kunstvereinen?
Der NBK ist ein Spezifikum in der deutschen Kunstlandschaft. Wir haben zwei Sammlungen, die vielleicht bisher nicht so stark im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert sind. Das möchte ich ändern.
Was haben Sie mit der Sammlung von Videoarbeiten vor?
Das Video-Forum besteht aus 1000 Videoarbeiten. Wir haben historisch alles gut abgedeckt von internationalen bis hin zu zeitgenössischen Positionen. Wir verfügen über eine Präsenzbibliothek, wo Interessierte und Wissenschaftler zur Videokunst forschen können. Das ist ein enormer Schatz. Ich will dem Video-Forum eine ständige Präsenz geben und es in die Ausstellungsräume zur Straße hin verlagern. So möchte ich eine neue Schnittstelle zur Öffentlichkeit herstellen, bei der das reguläre Ausstellungs- wie auch das Straßenpublikum reinkommen kann, um sich Videos anzusehen. Wir werden ein Programm entwickeln mit Screenings, Vorträgen und Diskussionen.

