Kunstszene Bukarest

Rumänien

Palastrevolution
Symbol der Schreckensherrschaft: der Palast von Nicolae Ceausescu – heute teilweise ein Kunstmuseum (Foto: Davin Ellicson)

PALASTREVOLUTION

Dracula, Straßenhunde, Bettelkinder, Stillstand – noch immer dominieren die tristen Klischees das Bild von Rumänien. Doch rund um den Palast von Nicolae Ceausescu brodelt es. Die Kunstszene in Bukarest ist extrem jung, wild – und zickig. Ein Besuch aus Anlass der Bukarest-Biennale.
// ALAIN BIEBER, BUKAREST

"Nieder mit Basescu", brüllt die aufgebrachte Menschenmenge. Ein Red­ner peitscht die Demonstranten auf, sie schwenken Fahnen und Plakate und trillern bis zur Erschöpfung. Immer mehr Arbeiter, Bauern und Beamte aus ganz Rumänien laufen in Gruppen auf dem Victoriaplatz ein und werden von den bereits Anwesenden jubelnd begrüßt.

Polizisten haben den Platz umstellt, über den Köpfen kreist drohend ein Helikopter. Rund 40000 Demonstranten sind gekommen – es ist die größte Demonstration seit dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescus im Jahr 1989. Der Protest richtet sich gegen die Regierung, die die Gehälter der Beamten um 25 Prozent und alle Pensionen um 15 Prozent kürzen möchte. Dabei lebt schon jetzt rund ein Viertel der Rumänen unter der na­tio­nalen Armutsgrenze. Zwei Kunststuden­ten haben auf ein helles Stofftuch ein Porträt des Präsidenten gemalt und auf den Boden gelegt. Das Gedränge ist so groß, dass die Men­schen zwangsläufig drauftreten und ihre dreckigen Fußabdrücke hinterlassen. Als sie Traian Basescu erkennen, tanzen sie und wer­fen Münzen darauf. Eigentlich wirft man in Rumänien Münzen in frische Gräber. Ein Hauch von Revolution liegt in der Luft.

Das Kultusministerium unterstützt vor allem die Kirche

"Kunst kann ein Ausgangspunkt politischer Handlung sein", sagt Felix Vogel, 23, Kurator der diesjährigen Bukarest-Biennale. Der Karlsruher Student, der im Herbst sein Diplom zum Thema "Die Gartenarchitektur des 18. Jahrhunderts" abschließt, sieht aus wie eine Mischung aus Klassenprimus und perfektem Schwiegersohn. Während vor der Tür die Masse tobt, philosophiert Vogel über die Macht der Kunst, schlürft sei­nen frisch gepressten Orangensaft und erzählt über seine Erfahrungen. "Vieles läuft falsch in Rumänien", sagt er. "Die Strukturen sind korrupt, es gibt extreme Hierarchien. Und man muss schon im Vorfeld erhebliche Über­zeugungsarbeit leisten und immer wieder erklären, welche Bedeutung zeitgenössische Kunst hat. Die Szene ist klein, es gibt kaum Institutionen, keine Zeitschriften und vor allem kein Geld." Das Kultusministerium unterstützt vor allem die Kirche und große Museen. Private Initiativen wie die Biennale, die 2005 mit nur neun Künstlern zum ersten Mal stattfand, brauchen deshalb Sponsoren, und um Sponsoren zu begeistern, muss man sich gut verkaufen. Genau das ist die Stärke der beiden Biennale-Direktoren, eines Politologen und eines Literaturwissenschaftlers: Mit Vogel lieferten sie der Presse den "jüngsten Biennale-Kurator der Welt", bei der Pressekonferenz feierten sie die "vielleicht wichtigste Biennale Europas" und konnten dann auch noch einen Ansturm von rund 500000 Besuchern bei der letzten Biennale vermelden. Also angeblich fast doppelt so viele Besucher wie in Venedig. Aber diese dreiste Lüge stört hier niemanden. Auch nicht, dass die Gründer sich zwar als politische Aktivisten bezeichnen, die Biennale aber dann von einer Biermarke und einer Bank gefördert wird.

Spannender als die Biennale ist Bukarest selbst

Die Biennale selbst ist abstrakt und spröde und gleicht einer wilden Schnitzeljagd, bei der man in der Stadt nach den Kunstorten suchen muss. Und hat man diese dann endlich gefunden, sucht man in den Kunstorten nach der Kunst. Entweder sind die Räume winzig, so wie die ParadisGaraj, eine umgebaute Garage, in der die Filme der Otolith Group auf einer Leinwand im Loop laufen, oder man sucht sie vergeblich in den anderen Spielorten wie dem Museum für Geologie. Denn der dortige Direktor hat gleich für den größten Skandal gesorgt: Er weigerte sich in seinem Haus die Serie "Tit for Twat" der US-amerikanischen Künstlerin Kaucyila Brooke auszustellen. Begründung: zu pornografisch.

Viel spannender als die Biennale ist Bukarest selbst: Überall Überbleibsel vergangener Epochen, Bauskelette des realen Sozialismus, Paläste im französischen eklektisch-akademischen Stil, Bauhaus neben Gründerzeit, Villen mit orientalischen und italienischen Motiven vermischen sich mit Ceausescus Zuckerbäckerstil. Und sie alle sind verbunden durch Dutzende Stromkabel, die in Kopfhöhe von den Masten baumeln. Der Verkehr staut sich jeden Tag. Ros­tige Dacias versinken in den Schlaglöchern, und in den Hinterhöfen dösen die Straßenhunde. In den Vororten sieht man die Vorboten des Kapitalismus: internationale Handelsketten, die ein schöneres Leben versprechen, eine bunte Sofaecke für die grauen Plattenbauten oder Make-up vom Baumarkt für all die Fassaden, von denen der Putz abblättert.

"Die Neureichen sind die Schlimmsten: Das sind Schimpansen im Armani-Anzug"

Ruxandra Balaci versteckt sich hinter einer großen Sonnenbrille – man sieht ihre Verbitterung trotzdem. Sie ist die wahrschein­lich meistgehasste Person im Bukarester Kunstbetrieb. Balaci hat das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst (MNAC) im Jahr 2004 mitgegründet, internationale Beziehungen geknüpft, Künstler aus aller Welt eingeladen und dabei viele Freunde verloren. Das Museum befindet sich in ei­nem Seitenflügel von Ceausescus "Haus des Volkes", von den Bukarestern damals spöttisch "Haus des Sieges über das Volk" getauft. Der Palast, das größte Gebäude Europas, ist ein 365000 Quadratmeter großes Monstrum aus Marmor und Stein. Ein ganzes Viertel, die historische Altstadt mitsamt Kirchen und Klöstern, wurde dafür niedergewalzt, und rund 50000 Menschen wurden vertrieben. Tag und Nacht erbauten fünf Jah­­re lang 20000 Arbeiter den Palast. Heute ist das Symbol der Schreckensherrschaft die größte Touristenattraktion der Stadt, und man ist sich gar nicht mehr so sicher, ob man nun Stolz oder Hass dafür empfinden soll. Ein unmöglicher Ort für ein Kunst­mu­seum, fanden zumindest viele Kritiker, andere war­fen Balaci vor, sie würde nur nach Westen schauen und die rumänische Kunstszene vernachlässigen. Und dann gab es auch noch Vorwürfe, sie wäre nur durch alte kommunistische Seilschaften zu ihrer Position gekommen.

Viele Künstler und Kurato­ren füh­ren einen Krieg gegen sie – auch deshalb ist das MNAC kein Spielort der Biennale. "20 Jahre lang wollte ich etwas für diese Menschen tun, aber es ist sinnlos", sagt sie. "Künst­ler bekämpfen sich gegenseitig, jeder redet schlecht über den anderen. Und alle sind traurig, aggressiv und voller Komplexe. Es ist wie eine kollektive Psychose." Sie will nur noch weg. Und gerne würde sie etwas Positives über die zeitgenössische Kunstszene sagen – aber ihr fällt nichts ein. "Wir machen ein politisches, provokatives und radikales Programm in diesem grotesken Gebäude. Wir suchen die Herausforderung. Wir richten uns gegen diese Mafiosi-Politiker, die immer noch Ceausescu verehren", sagt sie und zeigt auf das Parlament gegenüber. Aber trotzdem würde niemand ihre Bemühungen würdigen. Das generelle Problem sei das Fehlen einer visuellen Kultur. "Ceausescu hat alles ausgelöscht. Deshalb ist Bukarest so hässlich, und deshalb haben die Menschen keinen Sinn für Ästhetik. Die Neureichen sind die Schlimmsten: Das sind Schimpansen im Armani-Anzug. Die kaufen sich lieber für Millionen eine Yacht als ein Kunstwerk für ein paar Tausend Euro." Fakt ist: Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Rumänien unter sowjetischen Einfluss, die Kunst verkam zur Propaganda, das kulturelle Leben wurde zensiert, und bis 1989 existierte offiziell nur der sozialistische Rea­lismus. Die Aufarbeitung der Geschichte ist ein langwieriger Prozess, und in Rumänien hat er gerade erst begonnen.

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