Leserreise

China

Und die Chinesin sagt "Grüezi"
Das klassische China gehörte auch zum Programm der art-Leserreise: Besuch eines buddhistischen Tempels (Foto: Ralf Schlüter)

UND DIE CHINESIN SAGT "GRÜEZI"

Peking erleben, die Tempel und Paläste, aber auch die zeitgenössische Kunstszene – das Angebot dieser ersten art-Leserreise nahmen 20 Teilnehmer an. Eine Woche lang erkundeten sie die aufregende und widersprüchliche Metropole. Einer der Teilnehmer hat uns seinen Reisebericht geschickt – wir veröffentlichen ihn hier und weisen darauf hin: Für die Reisen nach Indien und Istanbul sind noch einige wenige Plätze frei!
// HANS-JOACHIM HEINS

"Joseph, bist du traurig, dass unsere Woche jetzt zu Ende geht und wir alle wieder zurück nach Deutschland fliegen?" Joseph, er assistierte Carola als chinesische Reiseleiter unserer Gruppe, heißt eigentlich Zhaiun, "aber das könnt ihr euch sowieso nicht merken, nennt mich einfach Joseph." – "Weißt du, wir Chinesen sind nicht traurig, wir freuen uns, wenn wir nette Leute getroffen haben, und wir freuen uns darauf, diesen Menschen vielleicht wieder zu begegnen." Das saß und wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Carola, die eigentlich Li heißt, und Joseph hatten uns am dritten, neuen Terminal des internationalen Flughafens in Peking abgeholt. Die leichte, geschwungene Architektur des Sir Norman Forster ist sehr eindrucksvoll, macht das Ankommen auch leicht. Leicht, weil die Zeit vor der Reise schon etwas Unbehagen aufkommen ließ. Bei aller Neugierde für chinesische Kultur und für die aktuelle Kunstszene war auch immer das Bewusstsein, in eine Diktatur zu fliegen. Menschenrechtler gehen von Tausenden Exekutionen in China aus – aus der wahren Zahl mache die Regierung ein Staatsgeheimnis. Tötung auf Befehl des Staates. Der Empfang in China war außergewöhnlich. Noch im Flugzeug füllte man einen Zettel aus, auf dem man bestätigte, dass man kein Fieber oder irgendwelche infektiösen Krankheiten habe. Den gab man ab, niemand schaute sich den Zettel an. Angeblich wird er optisch eingelesen. Die Schranke, die man dabei passierte, hat angeblich die Körpertemperatur der durchgehenden Personen gemessen. SARS und die Schweinegrippe sind für die Übervorsicht verantwortlich. Na ja, wenn es denn was bringt!? Die nächste Schranke war dann die Pass- und Visumkontrolle. Das ging außergewöhnlich zügig. Und eben das konnte man den Zollbeamten bestätigen. Auf seinem Tisch hatte jeder ein kleines elektronisches Gerät mit vier Entscheidungen. "You're welcome to comment on my work". Die Skala war von grottenschlechtem, "poor customer service" (4) bis hervorragendem Service "greatly satisfied" (1). Brav habe ich die 1 gedrückt. Der Beamte in seiner hübschen, adretten blauen Uniform strahlte und wird sicherlich bald befördert. Auf der Fahrt mit dem Bus vom Flughafen zum Hotel Kapok gab es die ersten Kostproben von Carolas Charme. "Für eine Woche sind wir jetzt eine Familie". Auch das noch, Reiseleiter-Rhetorik. Das Gefühl nach der Woche mit Carola war allerdings ein anderes. Sie hatte es verstanden, alle fünf Sinne zu bedienen. Für eine Woche konnte man Peking sehen, fühlen, schmecken, hören und riechen.

Das neue Peking - schön, billig, monströs

Die Busfahrt führte durch das neue Peking, breite Straßen, Hochhäuser, Wohnblocks, über Ringstraßen, die wohl vor nicht allzu langer Zeit die Stadtmauern um das alte Peking herum waren. Dieses Bild sollte uns jeden Tag begleiten. Schöne Architektur, aber auch billige und teilweise monströs kitschige. Vor allem die offiziellen Bauwerke sollen vor allem Macht demonstrieren. Aber wo ist das nicht auf diesem Globus. Nur, so umgekrempelt hatte ich mir Peking nicht vorgestellt. Ich war noch nie dort gewesen, kannte China immer nur aus den Nachrichten und Büchern. Nicht zu vergessen, dass China und Mao für junge, gerechtigkeitsverliebte Mitzwanziger einen enormen Reiz hatten. Die gesellschaftliche Fassade bröckelte erst später. Jetzt noch mal an dem toten Mao in seinem Mausoleum vorbeizugehen, stimmte nachdenklich. Die Chinesen scheinen ihn nach wie vor zu verehren, auf jedem Geldschein ist sein Konterfei. Dank Andy Warhol ist der Tote auch Pop Art. Aufbruch, aber ohne große Harmonie. Im alten China bildet das Harmonische eine entscheidende Rolle, in der Architektur, der Stadtplanung, im Verhalten zum Kaiser und dieser wiederum zu den Göttern. Die Erkenntnis, dass eine gepflegte öffentliche Toilettenanlage auch Harmoniehalle genannt wird, verdanken wir Carola. Die alten Hutongs werden abgerissen, und wenn man den Bürgern glaubt, ohne große Vorwarnung. Einige der restlichen Hutongs würden mittlerweile unter Denkmalschutz stehen, was das genau heißt, weiß man allerdings auch nicht. Der Schutz scheint kein Garant dafür zu sein, dass eines Tages dann doch die Bagger kommen. Der Besuch und das Mittagessen bei einer Familie war zauberhaft und man wünscht der Familie, dass sie noch viele Generationen inmitten der Stadt und in der vertrauten Struktur wohnen können. Wirklich glauben kann man es jedoch nicht. Peking braucht Platz. Platz für Wohnungen, die für die jungen Leute schon immer unerschwinglicher werden. Und Platz für die Prestigebauten. Die Sommerolympiade hat einen mächtigen Schub gebracht. Der CCTV Tower von Rem Kohlhaas, mitten im Einheitsbrei von Hochhäusern am 3. Ring. Daneben eine ausgebrannte moderne Ruine.

Ein Besuch im Künstlerdorf Songzhuang

Was ist Kunst? – Wer wagt nach Marcel Duchamp und später nach Joseph Beuys schon eine Antwort. Alles geht, alles ist Kunst, jeder ein Künstler. Gibt es zeitgenössische Kunst die typisch chinesisch ist? Mit der eindrucksvollen Ausstellung "Mahjong", die 2006 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen war, glaubte man es. Es war die Sammlung des Schweizers Uli Sigg, der über 20 Jahre aktuelle Kunst in China gesammelt hatte. Einer der Künstler dieser Sammlung ist Chen Guangwu. Basis seiner Arbeiten war damals die traditionelle Kalligrafie, die chinesische Schreibkunst. Es war ein herzlicher Empfang in seinem Häuschen im Künstlerdorf Songzhuang. Längst sind die Mieten und die Unsicherheit des Abbruchs der Künstlerquartiere Caochangdi und 798 für die meisten Künstler ein Risiko. Hier, wo er mit seiner Frau seit 16 Jahren wohnt, leben mehr als 3 000 Kreative in einer Art Kommune. Doch bevor es mit Chen zu einer inhaltlichen Diskussion kommt, zeigt er das Atelier mit den aktuellen Arbeiten. Bunt, angepasst, verwechselbar. Gibt es etwas typisch Chinesisches in seinen Arbeiten, wird er gefragt. Er sei "independent", seine Vorbilder sähe er in China. Er pries auch die Bilder seines Bruders an, die standen bei der Diskussion in seinem gemütlichen Wohnzimmer. Es hat lange, sehr lange gedauert, bis er sehr zögerlich seine kalligrafischen Arbeiten vom Dachboden holte. Lange Rollen aus Reispapier mit Wörtern und Schriftzeichen, für uns im ersten Moment abstrakt, für ihn komplette Sätze und Bilder voller Poesie. In mehreren Schichten übereinander, präzise, kunstvoll, Tradition und Moderne in klangvoller Symbiose. Schön und radikal, ich hatte Hanne Darboven vor Augen. Die Frage, warum er nicht bei diesen Prozessen bleibt, sich im Gegenzug auf verwechselbare Ölbilder konzentriert, blieb nur vage beantwortet. Er wolle halt Neues ausprobieren. Spannend, ein herzlicher Abschied mit einem von seiner Frau gelächelten "Grüezi". Sie waren beide für einige Monate bei Uli Sigg zu Gast in der Schweiz gewesen. Ein herzlicher und bewegender Abschied. Mit Chen noch stundenlang zu reden, wäre sicherlich ein Genuss gewesen. Aber so ein kurzer Besuch in der großen Stadt kann nur eine Momentaufnahme sein.

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